ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1999In dieser Praxis werden Sie geholfen

VARIA: Schlusspunkt

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Poleck, Brigitte

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LNSLNS Freitag nachmittag, der letzte Patient für heute. Es ist Herr Müller, den ich aufgrund eines das letzte Mal diagnostizierten Hypertonus auf eine Monotherapie eingestellt hatte, um seiner gesundheitlichen Zukunft ein Zuhause zu geben. Ich erkundige mich nach der Verträglichkeit der neuen Medikation. "Finden Sie ein Mittel, das weniger Nebenwirkungen hat als dieses", bittet mich Herr Müller.
Wir unterhalten uns über therapieunterstützende Maßnahmen. Weil er es sich wert ist, wolle er nun nicht immer, aber immer öfter die Kalorienzahl seines Frühstückchens morgens um halb zehn in Deutschland reduzieren. Auch wenn körperliche Inaktivität die zarteste Versuchung für ihn darstelle, entdecke er nun die Möglichkeiten und wird mit Fitneßübungen den Weg freimachen, wenn der kleine Hunger kommt. "Der tut was", bild ich mir meine Meinung. Um Fakten, Fakten, Fakten zu gewinnen, schließe ich noch eine klinische Untersuchung an. Der Patient ist etwas adipös, ein ganzer Kerl dank der vielen wertvollen kleinen Steaks, die er zu sich genommen hat. Nach Messen des Blutdrucks teile ich ihm das Ergebnis von 165/95 mit: "Mann ist der hoch, Mann." Ich und mein Stethoskop führen eine Auskultation durch, wobei einmal ein undefinierbares Herzgeräusch auftritt. "Komm, mach noch mal blupp", denke ich mir, es wiederholt sich jedoch nicht. "Gut, besser, EKG", beschließe ich daraufhin und werte es auch gleich aus: Für die einen ist es wahrscheinlich die längste P-Welle der Welt, für die anderen ist es ein unauffälliger Befund. Zum Vor-EKG zeigt sich keine Änderung, aber dennoch gut, daß wir verglichen haben. Das Belastungs-EKG, wozu Herr Müller auf das Fahrrad steigt und dessen Resultat ebenfalls in der Regel liegt, weckt den Tiger in mir, nichts bringt ihn ins Schwitzen. Er verlangt nun noch ein Röntgenbild, eine Herzszintigraphie und eine Herzkatheteruntersuchung, man gönnt sich ja sonst nichts. "Aber das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal, das geht nun wirklich nicht", muß ich ihn enttäuschen und auf die Langzeitblutdruckmessung vertrösten, deren Ergebnis uns sicher ebenfalls Horizonte öffnen wird.
Ich stelle erst einmal ein Rezept für ein neues Medikament aus, ein Kombinationspräparat mit der Extraportion Diuretikum, die Freiheit nehm’ ich mir, und rate ihm: "Nimm zwei, da weiß man, was man hat."
Als Herr Müller gegangen ist, kann es nun endlich auch für mich hinein ins Weekendfeeling gehen.
Brigitte Poleck
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