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Heilpraktiker: Kosmetische Änderungen

Dtsch Arztebl 2016; 113(45): A-2005 / B-1681 / C-1665

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Drei von fünf Krebspatienten sterben im August dieses Jahres, nachdem sie Klaus R., Heilpraktiker und Inhaber des sogenannten Biologischen Krebszentrums Bracht am Niederrhein, mit dem Wirkstoff 3-Bromopyruvat (3-BP) behandelt hat. Die Aufregung ist verständlicherweise groß: Ein Heilpraktiker verabreicht eine selbst hergestellte Infusionslösung mit einer Substanz, zu der es noch nicht einmal eine Phase-I-Studie gibt. Dieser Fall rückte aber vor allem die Ausbildung beziehungsweise den Beruf des Heilpraktikers selbst in den Fokus. Interessant ist, dass ein paar Wochen vor dem tödlichen Zwischenfall am Niederrhein die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK) der Länder die bestehenden Anforderungen an die Erteilung der Heilerlaubnis für Heilpraktiker „aus Gründen des Patientenschutzes“ als zu niedrig kritisiert hatte. Die GMK forderte die Bundesregierung auf, „bessere Voraussetzungen für die Einheitlichkeit der Kenntnisprüfungen“ zu schaffen.

Diese Kenntnisprüfung, die Vollendung des 25. Lebensjahres und mindestens ein Hauptschulabschluss sind Voraussetzungen, um als Heilpraktiker tätig zu werden. Detaillierte Anforderungen an Inhalte, Struktur und Dauer für die Ausbildung gibt es nicht.

Kurz gesagt: Ob ein angehender Heilpraktiker Ausbildungsinstitute besucht oder sich zu Hause hinter Büchern vergräbt, ist egal. Er muss nur eine schriftliche Prüfung mit rund 60 Multiple-Choice-Fragen und eine mündliche Prüfung bestehen. Praktische Ausbildung? Fehlanzeige. Dennoch legen Heilpraktiker Infusionen und spritzen intramuskulär. Ausbildungsstätten für Heilpraktiker bieten zwar Kurse für Injektionstechniken an, weisen aber selbst darauf hin, dass es keine gesetzliche Grundlage dafür gibt, „nach welchen Kriterien die Qualität einer Ausbildung in invasiven Verfahren beurteilt werden soll“.

Bei mehr als 40 000 tätigen Heilpraktikern in Deutschland hätte man schon längst die Rahmenbedingungen für diesen Beruf überarbeiten müssen. Die nicht einheitlich geregelte Ausbildung, die rechtlich nicht bindende Berufsordnung und das bisherige Tun nach dem Motto „erlaubt ist, was nicht verboten ist“ kann nicht Grundlage für einen Beruf sein, in dem man Menschen heilkundlich helfen will. Man muss Grenzen definieren und eher eine „Positivliste“ erarbeiten, so dass die Anwendungen verboten sind, die nicht ausdrücklich erlaubt sind. So ist in der Schweiz verfahren worden. Dort sind beispielsweise auch alle invasiven Therapien ausgeschlossen.

Jetzt soll nach dem Willen der Bundesregierung die Überprüfung der Heilpraktikeranwärter nicht mehr nur im Sinne einer Gefahrenabwehrprüfung (!) vorgenommen werden. Das geht aus Änderungsanträgen von Union und SPD zum Pflegestärkungsgesetz III hervor. Die Gesundheitsämter sollen demnach die Erlaubnis nicht nur versagen können, wenn eine Gefahr für die Volksgesundheit besteht, sondern künftig auch, wenn „die Überprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für jeden einzelnen Patienten bedeuten würde“. Ein gravierender Unterschied ist dies gerade nicht. Neue Leitlinien zur Überprüfung von Heilpraktikeranwärtern soll das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium bis Ende 2017 erarbeiten.

Das sind nur kosmetische Änderungen. Allein die Eignungsprüfung der Heilpraktikeranwärter zu überarbeiten, ist viel zu wenig.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 15. November 2016, 23:41

Heilpraktiker - im Trüben fischen?

Die Problematik der drei Todesfälle bei einem Heilpraktiker in einer alternativen Krebsklinik nahe der niederländischen Grenze unter Anwendung des Präparates „3-Bromopyruvat“ als experimentelle allopathische Chemotherapie von Krebskranken ist nicht – wie irrtümlich von medizin- und bildungsfremden Kreisen in Gesundheitswesen und Jurisprudenz angenommen – die Homöopathie.
Die Homöopathie als Behandlungsmethode bezieht sich in der Regel auf Krankheiten, Gesundheits- und Befindlichkeitsstörungen, die mit oder ohne Therapie auch spontan von selbst ausheilen können. Unter diesem „Schutzschirm“ ist und bleibt diese „besondere Therapierichtung“ (SGB V) in der Bevölkerung beliebt und wird meist unproblematisch und unkritisch betrachtet.

Völlige Überschätzung der eigenen Fähigkeiten
Das Hauptproblem bei dem onkologischen Sterbedrama in NRW sind übermotivierte, in „illusionärer Verkennung“ ihrer Fähigkeiten und Begrenzungen ebenso invasiv und interventionell wie notfallmedizinisch inkompetent arbeitende Heilpraktiker gewesen. Dabei sollte eigentlich gelten: Alle – inklusiver der Ärzteschaft – sollten ihre professionellen Grenzen kennen!
Geschützt werden hier Heilpraktiker-Scharlatane, die es im Übrigen unter Ärzten ebenfalls geben kann, durch eine weltweit einmalige juristische Fiktivkonstruktion: Akademisch grundlagen-orientiert, pathophysiologisch, klinisch und in der Praxis ausgebildete Ärzte werden mit „Erfahrungsheilern“ ohne wissenschaftlich fundierte Ausbildung nahezu gleichgestellt.

Entwertung der ärztlichen Ausbildung
Darum ist das Heilpraktikergesetz als „HeilprG“ einfach nur würdelos! Es entwertet Abitur und Vollstudium Humanmedizin, PJ und klinische Fachausbildung. Es zieht die Befähigung zur Ausübung der Heilkunde als sogenannte „Heilkunde-Erlaubnis“ und „Heilkunde-Privileg“ ins Lächerliche.
Das kann man auch billiger haben: Einfach den „Heilpraktiker“ ohne zusätzliche Berufsausbildung machen! Dann kann man sich nach Herzenslust an Patienten als freiwilligen Versuchskaninchen austoben; wird damit jedoch genauso entwertet.

Hilfe aus dem Ministerium
Und wer hilft dabei, ohne störende Ausbildungshürden, ohne lästiges Arztregister, Bundes- und Landesärztekammern, Weiterbildungs- und Fortbildungspflichten, Berufsordnungen bzw. weitere staatliche Kontroll- und Aufsichtsbehörden? Ein völlig unbedarftes „Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz“ mit einem geradezu „bahnbrechenden“ Heilpraktikergesetz von 1939, das weitschweifig und kommentarlos im Internet präsentiert wird:
„Gesetz über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung
(Heilpraktikergesetz), HeilprG, Ausfertigungsdatum: 17.02.1939
„Heilpraktikergesetz in der im Bundesgesetzblatt Teil III, Gliederungsnummer 2122-2, veröffentlichten bereinigten Fassung, das zuletzt durch Artikel 15 des Gesetzes vom 23. Oktober 2001 (BGBl. I S. 2702) geändert worden ist“.
Die Reichsregierung hat das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird:
§ 1 (1) Wer die Heilkunde, ohne als Arzt bestallt zu sein, ausüben will, bedarf dazu der Erlaubnis.
(2) Ausübung der Heilkunde im Sinne dieses Gesetzes ist jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen, auch wenn sie im Dienste von anderen ausgeübt wird.
(3) Wer die Heilkunde bisher berufsmäßig ausgeübt hat und weiterhin ausüben will, erhält die Erlaubnis nach Maßgabe der Durchführungsbestimmungen; er führt die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“.
§ 2 (1) Wer die Heilkunde, ohne als Arzt bestallt zu sein, bisher berufsmäßig nicht ausgeübt hat, kann eine Erlaubnis nach § 1 in Zukunft ... erhalten.
(2) Wer durch besondere Leistungen seine Fähigkeit zur Ausübung der Heilkunde glaubhaft macht, wird auf Antrag des Reichsministers des Innern durch den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unter erleichterten Bedingungen zum Studium der Medizin zugelassen, sofern er seine Eignung für die Durchführung des Medizinstudiums nachweist.
§ 3 Die Erlaubnis nach § 1 berechtigt nicht zur Ausübung der Heilkunde im Umherziehen.
§ 4 und § 5 Wer, ohne zur Ausübung des ärztlichen Berufs berechtigt zu sein und ohne eine Erlaubnis nach § 1 zu besitzen, die Heilkunde ausübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.
§ 5a (1) Ordnungswidrig handelt, wer als Inhaber einer Erlaubnis nach § 1 die Heilkunde im Umherziehen ausübt.
(2) Die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu zweitausendfünfhundert Euro geahndet werden.
§ 6 (1) Die Ausübung der Zahnheilkunde fällt nicht unter die Bestimmungen dieses Gesetzes.
(2)Eingangsformel
§ 7 Der Reichsminister des Innern erläßt ... die zur Durchführung ... dieses Gesetzes erforderlichen Rechts- und Verwaltungsvorschriften.
§ 8 (1) Dieses Gesetz tritt am Tag nach der Verkündung in Kraft.
(2) Gleichzeitig treten § 56a Abs. 1 Nr. 1 und § 148 Abs. 1 Nr. 7a der Reichsgewerbeordnung, soweit sie sich auf die Ausübung der Heilkunde im Sinne dieses Gesetzes beziehen, außer Kraft.“

Juristische Nazi-Propaganda im 21. Jahrhundert?
Das ist nicht nur übelste juristische Nazi-Propaganda einer demokratisch gewählten Deutschen Bundesregierung des 21. Jahrhunderts. Das ist auch ein Schlag ins Gesicht aller staatsexaminierten Ärzte, die auf hohem professionellen Standard ihre ärztliche Profession ausüben. Es entwertet ihre universitäre, theoretisch und praktisch orientierte, klinische und ambulante, wissenschaftliche und versorgungsmedizinische Ausbildung und beschädigt die rechtliche Bedeutung der Erteilung einer Heilkunde-Erlaubnis mit sogenannter „Bestallung“.
Und dies vor dem Hintergrund, dass ein HeilprG auch noch unter „Sieg Heil“-Rufen von Nazi-Schergen, die damit die Ausrottung und Vertreibung von jüdischen Ärzten und jüdischen Patienten bejubelten, verabschiedet wurde.
Der Deutschen Reichsregierung fehlten Ärzte an allen Ecken und Enden, die wenigen weiblichen wurden meistens gar nicht für voll genommen: An den Kriegsfronten, in den Lazaretten, in den Akutkliniken, in den Praxen in Stadt und Land.
Das ist die eigentliche Enstehungsgeschichte dieses würdelosen und schändlichen Heilpraktiker-Gesetzes!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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