ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2016Körperbilder: Francis Picabia (1879–1953) – Narzisstische Pin-ups

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Körperbilder: Francis Picabia (1879–1953) – Narzisstische Pin-ups

Schuchart, Sabine

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Francis Picabia: „Printemps“, um 1942–1943, Öl auf Leinwand, 115 × 90 cm: Zwei braun gebrannte, kaum bekleidete Menschen posieren vor dem blauen Hintergrund des Himmels. Die Bildfläche scheint zu klein für die artifiziell beleuchteten, skulpturalen Körper des Mannes und der Frau, zu denen der Betrachter aus der Untersicht empor. schaut. Picabia malte das bizarr anmutende Gemälde, das mit der von den Nationalsozialisten propagierten Ästhetik spielt, während des Zweiten Weltkriegs im südfranzösischen Exil. Foto: Courtesy Michael Werner Gallery, New York, London, und Märkisch Wilmersdorf; © 2016 ProLitteris, Zürich
Francis Picabia: „Printemps“, um 1942–1943, Öl auf Leinwand, 115 × 90 cm: Zwei braun gebrannte, kaum bekleidete Menschen posieren vor dem blauen Hintergrund des Himmels. Die Bildfläche scheint zu klein für die artifiziell beleuchteten, skulpturalen Körper des Mannes und der Frau, zu denen der Betrachter aus der Untersicht empor. schaut. Picabia malte das bizarr anmutende Gemälde, das mit der von den Nationalsozialisten propagierten Ästhetik spielt, während des Zweiten Weltkriegs im südfranzösischen Exil. Foto: Courtesy Michael Werner Gallery, New York, London, und Märkisch Wilmersdorf; © 2016 ProLitteris, Zürich

Von dem französisch-kubanischen Maler und Dichter Francis Picabia stammt das geflügelte Wort: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Den Kuratoren des New Yorker Museums of Modern Art (MoMA) und des Kunsthauses Zürich schien der Aphorismus so charakteristisch für den „kühnen, provokanten und ungemein einflussreichen” (MoMA-)Künstler und sein von permanenten Stilwechseln geprägtes Werk, dass sie ihn als Titel ihrer gemeinsamen Picabia-Hommage wählten. Nach diesem Sommer in Zürich ist die rund 200 Arbeiten umfassende Retrospektive – von Picabias impressionistischen Anfängen bis zu seinem abstrakten Spätwerk – nun in Amerikas Tempel der modernen Kunst zu sehen.

Dabei sparen die Ausstellungsmacher auch nicht die Periode aus, die als umstrittenste in Picabias vielgestaltigem Gesamtwerk gilt: Seine Aktbilder aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs, die seinen Kritikern wegen ihrer Nähe zur Nazikunst als Kitsch gelten, während seine Anhänger darin den Versuch sehen, den Stil des Gegners durch persiflierende Übertreibung ironisch zu unterlaufen. Erotisch oder gar pikant wie ihre fotografischen Vorlagen sind die Körper in „Printemps“ nicht, dazu spielt ihre Inszenierung zu sehr auf die faschistische Ideologie eines neuen Menschen an. Mit ihren geschlossenen Augen erscheinen die Figuren seltsam leblos, narzisstisch mit sich selbst befasst. Das selbstzufriedene Lächeln des Mannes wirkt wie eine Parodie. Das Gemälde entstand nach zwei Aktfotografien, die Picabia auf der Leinwand in Malerei übersetzte, ein für ihn typisches Verfahren.

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Dass er unter den großen Künstlern des 20. Jahrhunderts heftig diskutiert ist, obwohl zahlreiche Nachfolger von Robert Rauschenberg über Cindy Sherman bis Sigmar Polke mit ihren Werken auf ihn Bezug nahmen, hat auch mit seiner rebellischen Persönlichkeit und seinem exzentrischen Lebensstil zu tun. Durch seine großbürgerliche Herkunft und die frühen Verkaufserfolge seiner impressionistischen Bilder war er finanziell unabhängig und, so Cathérine Hug, Mitkuratorin der Ausstellung, „frei, alle Dogmen der Kunstgeschichte zu durchkreuzen und sich jeglichem Schubladendenken zu entziehen“. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Francis Picabia: Our Heads Are Round so Our Thoughts Can Change Direction“

The Museum of Modern Art,
11 West 53 Street,
New York City;

tgl. 10.30–17.30, Fr. 10.30–20 Uhr;

www.moma.org

20. November 2016 bis 19. März 2017

„Francis Picabia: Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, Katalog zur Ausstellung, geb. Ausg., Sprache: Deutsch, 368 S., Hatje Cantz 2016; 55 Euro.

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