ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2016Börsebius: Moderne Wegelagerer

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Börsebius: Moderne Wegelagerer

Dtsch Arztebl 2016; 113(45): A-2066 / B-1718 / C-1702

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Mit „Geld oder Leben“ versetzten im Mittelalter Wegelagerer die Leute in Angst und Schrecken. Heute lautet die moderne Variante „Wenn du keine Kreditversicherung abschließt, gibt es auch kein Darlehen“.

Und das geht so: Ein Kunde geht zu seiner Bank, weil er einen Kredit braucht. Der ach so nette Bankberater signalisiert erst mal Wohlwollen und macht dann dem Kunden – Entschuldigung – Feuer unter dem Hintern und sagt, „was ist denn eigentlich, wenn Sie Ihren Job verlieren und Sie das Darlehen nicht mehr bedienen können?“ Der zuckt zusammen und der Banker wartet nur darauf, dem armen verunsicherten Menschen in diesem Moment eine Restschuldversicherung anzudrehen, weil, „ohne diese würde es sicher mit dem Kredit nicht klappen“. Der Kunde nickt ergeben, unterschreibt das Gesamtpaket und schon sitzt er in der Falle.

Was sich hier als Einzelfall anhört, ist beileibe keiner, sondern ein systematisches Gebaren vieler Banken, die ihren Kunden ein Gesamtpaket Darlehen plus Restschuldversicherung andrehen, das unterm Strich die Belastung für den Schuldner irre hochtreiben kann. Es gibt keine, wirklich keine plausible Begründung für die Notwendigkeit einer Restschuldversicherung. Die Bank besichert den Kredit sowieso, und für die Unterdeckung muss der Kunde im Zweifel ohnehin höhere Zinsen bezahlen. Viel einfacher und billiger wäre der Abschluss einer Risikolebensversicherung, aber daran verdient die Bank offensichtlich zu wenig.

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Und bitte: Wir reden hier nicht über ein Randproblem, nicht über etwas, was nicht viele angeht. Das Geschäft mit Restschuldversicherungen betreiben die Geldinstitute schon länger im größeren Stil und der Trend geht nunmehr ins Gewaltige. Gab es vor vier Jahren schon 1,5 Millionen Verträge, stieg die Zahl der Restschuldversicherungen aktuell auf 2,7 Millionen. Wirklich gebraucht hätte sie kaum jemand, und dass eine Versicherung, wenn es drauf ankommt, wirklich zahlt, ist an einen ganzen Strauß von Bedingungen geknüpft, die selten ziehen.

Nebenbei bemerkt: Nicht der Kunde schließt die Restschuldversicherung ab, sondern die Bank (für ihn) und nur für diesen einen Kredit. Außerdem hat der Kunde so viele Rechte an die Bank abgetreten, dass ihm die Hände komplett gebunden sind. Er kauft also etwas, was ihm anschließend eh nicht mehr gehört. Die Wegelagerei wurde somit juristisch elegant bereits vollendet.

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