ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2016Sicherstellung der medizinischen Versorgung: Patienten sind offen für Neues

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Sicherstellung der medizinischen Versorgung: Patienten sind offen für Neues

Tangermann, Ulla; Kleij, Kim-Sarah; Krauth, Christian; Amelung, Volker E.

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Die Medizinische Hochschule Hannover hat 2 000 Erwachsene in Niedersachsen zur Delegation ärztlicher Leistungen, zu mobilen Praxen und zur Telemedizin befragt.

Mobile Arztpraxis: Eine Mehrheit der Niedersachsen wäre bereit, ein solches Versorgungsangebot zu nutzen. Foto: dpa
Mobile Arztpraxis: Eine Mehrheit der Niedersachsen wäre bereit, ein solches Versorgungsangebot zu nutzen. Foto: dpa

Patientinnen und Patienten sollen auch in Zukunft ihren Hausarzt in gut erreichbarer Nähe haben. Diese Selbstverständlichkeit wird zunehmend zur Herausforderung. Darin sind sich Gesundheitsexperten einig (1, 2). Trotz stetig steigender Arztzahlen und einer in vielen Regionen ausgewiesenen Überversorgung gibt es erhebliche Verteilungsprobleme (3). Um hier gegenzusteuern, setzen Politik und Selbstverwaltung in erster Linie auf finanzielle Anreize, Anpassungen in der medizinischen Aus- und Weiterbildung sowie Zulassungsbeschränkungen (46). Dabei folgt man der Logik der aus Zeiten der „Ärzteschwemme“ stammenden Bedarfsplanung. Doch inzwischen hat sich der Angebotsüberschuss in einen demografisch bedingten Nachfrageüberhang verwandelt.

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Vor allem in schwer zu versorgenden Regionen, in denen sich der Versorgungsbedarf künftig nicht mehr durch Haus- und Facharztpraxen decken lässt, können neue Versorgungsformen die medizinische Versorgung der Bevölkerung langfristig sicherstellen (7, 8). Arztentlastende, mobilitätsorientierte und technologiebasierte Konzepte stehen aber erst in den Anfängen.

Noch ist die Versorgung gut

Voraussetzung für die erfolgreiche Neustrukturierung der Gesundheitsversorgung ist die Akzeptanz der Bevölkerung (9). Um herauszufinden, wie diese die gegenwärtige Versorgung empfindet und welche Erwartungen sie an die künftige ärztliche Versorgung hat, befragte das Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der medizinischen Hochschule Hannover im Sommer 2015 2 000 Erwachsene in Niedersachsen. Der Fragebogen wurde an je 250 Personen aus vier schwer und vier normal zu versorgenden Regionen in Niedersachsen geschickt. Knapp 50 Prozent der Befragten bewerteten die Zahl der Hausärzte vor Ort als ausreichend. 57 Prozent befanden auch die Versorgung durch Hausärzte vor Ort für gut oder sehr gut. Allerdings wird sowohl die Versorgungssituation, als auch die Zahl der Hausärzte in schwer zu versorgenden Regionen deutlich schlechter bewertet als in den „normal“ versorgten. Doch auch dort gehen gut 60 Prozent der Befragten davon aus, dass sich die Situation in den nächsten fünf Jahren verschlechtern wird.

Sämtliche Befragte zeigten eine hohe Bereitschaft, neue Versorgungsformen zu nutzen. So wären 60 Prozent bereit, sich von einer speziell fortgebildeten Medizinischen Fachangestellten behandeln zu lassen, eine mobile Arztpraxis oder einen Patientenbus zu nutzen. Knapp die Hälfte würde Bagatellerkrankungen von einem qualifizierten Apotheker behandeln lassen. Auf überwiegende Ablehnung stieß lediglich die telemedizinische Fernbehandlung durch einen Arzt. Die Befragten in den schwer zu versorgenden Regionen waren eher bereit, mobilitätsorientierte Konzepte wie den Patientenbus oder die mobile Arztpraxis in Anspruch zu nehmen. Ansonsten ergaben sich keine Unterschiede zwischen den Regionen.

Insgesamt lässt die Befragung darauf schließen, dass der in der Politik und den Medien intensiv diskutierte Ärztemangel von der Bevölkerung bislang nur eingeschränkt wahrgenommen, für die Zukunft aber stark befürchtet wird. Da die Bevölkerung neuen Versorgungsformen überwiegend offen gegenübersteht, täte die Politik gut daran, ihre Maßnahmen zur Sicherstellung der Versorgung daran auszurichten.

Ulla Tangermann, Kim-Sarah Kleij,
Christian
Krauth, Volker E. Amelung,
Center for Health Economics
Research Hannover

@Literatur und Tabelle zur Akzeptanz neuer Versorgungsformen im Internet unter: www.aerzteblatt.de/162024 oder über QR-Code

1.
Deutscher Bundestag: Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV-Versorgungsstärkungsgesetz – GKV-VSG). 2015.
2.
Knieps F, Reiners H.: Gesundheitsreformen in Deutschland: Geschichte – Intentionen – Kontroversen. Bern: Hans Huber; 2015.
3.
Klose J, Rehbein I.: Ärzteatlas 2015: Daten zur Versorgungsdichte von Vertragsärzten. 2015.
4.
SVR-Gesundheit: Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Planungsbereiche. 2014.
5.
CDU/CSU, SPD: Deutschlands Zukunft gestalten: Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 2013.
6.
Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV-Versorgungsstärkungsgesetz – GKV-VSG), 2015).
7.
OECD: Health Workforce Policies in OECD Countries: Right Jobs, Right Skills, Right Places. OECD Health Policy Studies. 2016.
8.
Knieps F, Amelung VE, Wolf S.: Die Gesundheitsversorgung in schwer zu versorgenden Regionen – Grundlagen, Definition, Problemanalyse. Gesundheits- und Sozialpolitik. 2012; 66 (6):n 8–19.
9.
Becker K, Zweifel P. Neue Formen der ambulanten Versorgung: Was wollen die Versicherten?: ein Discrete-Choice-Experiment. In: Schumpelick V, Vogel B, editors. Medizin zwischen Humanität und Wettbewerb: Probleme, Trends und Perspektiven. Freiburg i. Br.: Herder Verlag; 2008. p. 313–51.
10.
Tangermann U, Kleij KS, Krauth C, Amelung VE.: Identifikation schwer zu versorgender Regionen in der hausärztlichen Versorgung am Beispiel von Niedersachsen. Zeitschrift für Allgemeinmedizin. 2016; doi: 10.3238/zfa.2016.0161–0166
11.
KBV: Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2015: Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. 2015.
12.
Wessels M.: Die Übertragung von Heilkunde: Erwartungen von Patienten zu den Auswirkungen arztentlastender Strukturen auf die Sicherstellung der Versorgung. In: Böcken J, Braun B, Repschläger U, editors. Gesundheitsmonitor 2013: Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK; 2013. p. 122–43.
13.
TK: Meinungspuls 2014: So sieht Deutschland sein Gesundheitssystem. 2014.
1. Deutscher Bundestag: Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV-Versorgungsstärkungsgesetz – GKV-VSG). 2015.
2. Knieps F, Reiners H.: Gesundheitsreformen in Deutschland: Geschichte – Intentionen – Kontroversen. Bern: Hans Huber; 2015.
3. Klose J, Rehbein I.: Ärzteatlas 2015: Daten zur Versorgungsdichte von Vertragsärzten. 2015.
4. SVR-Gesundheit: Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Planungsbereiche. 2014.
5. CDU/CSU, SPD: Deutschlands Zukunft gestalten: Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 2013.
6. Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV-Versorgungsstärkungsgesetz – GKV-VSG), 2015).
7. OECD: Health Workforce Policies in OECD Countries: Right Jobs, Right Skills, Right Places. OECD Health Policy Studies. 2016.
8. Knieps F, Amelung VE, Wolf S.: Die Gesundheitsversorgung in schwer zu versorgenden Regionen – Grundlagen, Definition, Problemanalyse. Gesundheits- und Sozialpolitik. 2012; 66 (6):n 8–19.
9. Becker K, Zweifel P. Neue Formen der ambulanten Versorgung: Was wollen die Versicherten?: ein Discrete-Choice-Experiment. In: Schumpelick V, Vogel B, editors. Medizin zwischen Humanität und Wettbewerb: Probleme, Trends und Perspektiven. Freiburg i. Br.: Herder Verlag; 2008. p. 313–51.
10. Tangermann U, Kleij KS, Krauth C, Amelung VE.: Identifikation schwer zu versorgender Regionen in der hausärztlichen Versorgung am Beispiel von Niedersachsen. Zeitschrift für Allgemeinmedizin. 2016; doi: 10.3238/zfa.2016.0161–0166
11. KBV: Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2015: Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. 2015.
12. Wessels M.: Die Übertragung von Heilkunde: Erwartungen von Patienten zu den Auswirkungen arztentlastender Strukturen auf die Sicherstellung der Versorgung. In: Böcken J, Braun B, Repschläger U, editors. Gesundheitsmonitor 2013: Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK; 2013. p. 122–43.
13. TK: Meinungspuls 2014: So sieht Deutschland sein Gesundheitssystem. 2014.

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