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Antibiotika: Wettlauf mit den Bakterien

Dtsch Arztebl 2016; 113(46): A-2069 / B-1721 / C-1705

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redaktion
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redaktion

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sterben in der Europäischen Union, Island und Norwegen jährlich etwa 25 000 Menschen an Infektionen mit Bakterien, die sich nicht mehr mit den auf dem Markt befindlichen Antibiotika behandeln lassen. Englische Experten gehen bereits davon aus, dass im Jahr 2050 mehr Todesfälle durch bakterielle Infektionen verursacht werden als durch Krebserkrankungen.

Dies mag spekulativ sein – die europaweite und weltweite Zunahme bakterieller Resistenzen ist jedoch ein Fakt. Auf sie will der Europäische Antibiotikatag am 18. November deshalb insbesondere den Fokus richten. Während in den vergangenen Jahren vor allem gram-positive Erreger wie Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) im Vordergrund der Debatte um Antibiotikaresistenzen standen, bereitet jetzt besonders der Anstieg der Resistenzen bei gram-negativen Erregern Sorgen. Zunehmend werden multiresistente ESBL-produzierende E. coli detektiert, die in der Lage sind, die Extended Spectrum Beta-Lactamase (ESBL) – ein bakterielles Enzym – zu bilden und damit verschiedene Antibiotika zu inaktivieren.

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Hilferufe sind dieser Tage vielerorts zu hören; Debatten um Antibiotikaresistenzen häufen sich: Die jahrzehntelange Wunderwaffe „Antibiotika“ scheint durch maßlosen Einsatz an Mensch und Tier sowie die Globalisierung plötzlich stumpf geworden zu sein. Für Prof. Dr. rer. nat. Rolf Müller, Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland, sind Resistenzen kein Wunder. „Bakterien bevölkern die Erde seit zwei Milliarden Jahren, sie bekämpfen sich auch untereinander. Natürlich wappnen sie sich schnell gegen unsere Mittel“, sagt er. Wichtig sei die richtige Strategie im Kampf gegen die Erreger. Und die sehen Experten einerseits in der Erforschung neuer antibiotischer Substanzen, andererseits in einer genauen Diagnostik und einem gezielten Einsatz von Antibiotika.

Zur Forschung: Hier seien keine schnellen Wunder zu erwarten, erklärt Müller. Seit etwa zehn Jahren seien keine neuen Wirkstoffe mehr gegen die gram-negativen Bakterien zugelassen worden. Auch derzeit befänden sich nur wenige neue Antibiotika in der Pipeline. Es mangele vor allem an innovativen Medikamenten, meint er. Die meisten neuen Antibiotika seien lediglich modifizierte Substanzen, mit denen der Mensch versuche, mit der Resistenzbildung der Bakterien Schritt zuhalten. Ein Manko: Längst nicht alle erfolgversprechenden Substanzen kommen auf den Markt. Für viele Unternehmen lohnt es sich nicht, teure Entwicklungen für ein Reserveantibiotikum durchzuführen, das später nur selten und kurzzeitig eingesetzt wird.

Zur Diagnostik: Auch der Umgang mit herkömmlichen Antibiotika muss überdacht und verändert werden, mahnen Experten. Tests, mit denen Infektionen mit Viren von denen mit Bakterien sicher unterschieden können, müssten so weit wie möglich vor einer Antibiotikatherapie eingesetzt werden, fordert Prof. Dr. med. Pertra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Durch eine genaue und schnelle Diagnostik des Erregers könne zudem im Krankenhaus der Einsatz von Breitbandantibiotika reduziert werden.

Anlass für ein akutes Horrorszenario besteht nicht. „Noch sind genug Antibiotika vorhanden“, hört man von Experten. Nötig sind aber konzertierte Maßnahmen von Staat, Wissenschaft, Gesellschaft und Industrie.

Eva Richter-Kuhlmann
Politische Redaktion

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