SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Doppelt und dreifach

Dtsch Arztebl 2016; 113(46): [80]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Was bin ich stolz, ein Mediziner zu sein. Denn die Medizin hat schon wundervolle, glorreiche Taten vollbracht, todbringende Geißeln der Menschheit wie die Pest sind in freier Wildbahn nicht mehr anzutreffen, und es wird auch nicht mehr lange dauern, bis die Kinderlähmung in die Hochsicherheitstrakts der Forschungslabors verbannt ist. Aber es gibt noch viel zu tun, widerwärtige Erreger sind zu eliminieren, unsägliches Unbill ist in die Schranken zu weisen. Solch ein Unrat kommt allerdings nicht nur in Form von Viren, Bakterien oder Pilzen daher, sondern auch in unserer hochgelobten Krankheitsversorgung.

Was war ich schockiert, wieder über eine längst überwunden geglaubte Wurzel vielen Übels gelesen zu haben: der Doppeluntersuchung.

Dieses gemeine, niederträchtige Phänomen, so virulent wie unausrottbar. Die Doppeluntersuchung ist das Grabmal für unsere solidarische Kran­ken­ver­siche­rung, der Ausweis unserer diagnostischen Verschwendungssucht, der Beweis für unsere miserable Qualität, so namhafte Politiker und Krankenkassenfürsten. Erst war ich maximal irritiert, denn sie können unmöglich Röntgen, MRT- oder Laborbefunde meinen, weil es viel einfacher ist, Vorbefunde anzufordern, als den Patienten der ganzen Prozedur nochmals zu unterziehen.

Was war ich aber schockiert, als mich der Blitz der Erkenntnis gleich dem Schock eines Defibrillators traf: Ich bin es! Ich bin es, der alle Ressourcen ruiniert, weil ich doppelt und dreifach untersuche, wenn nicht fünf- und x-fach! Ich bin der Rost in den Gelenkprothesen der Gesundheitsversorgung, der Spannungsabfall im Schrittmacher der Kassenbilanz, die Nulllinie der Dosis-Wirkungs-Kurve in der ambulanten Medizin!

Mea culpa, mea maxima culpa! Ich muss es der Katharsis zuliebe gestehen: Ich bin nicht nur Doppeldiagnostiker, sondern sogar Vielfachuntersucher!

Wenn ich mir beispielsweise anschaue, wie ich meine herzinsuffizienten Schutzbefohlenen versorge: eine Orgie des Grauens! Nicht zweimal, nicht dreimal, nein, mindestens fünfmal im Quartal müssen die armen Patienten bei mir aufschlagen, nur damit ich sie echokardiographieren kann, um ihre Therapie optimal zu steuern! Unzählige Blutentnahmen zur Verlaufskontrolle von Nierenfunktion und BNP! Massenhafte Blutdruck- und EKG-Kontrollen!

Da kann es mich nicht wirklich trösten, dass meine mir wohlgesonnene Kassenärztliche Vereinigung meinen Hang zum Exzess mit einer quartalsweisen Pauschale für all die Leistungen, mit wohlmeinenden Budgets, mit fürsorglichen Regressen vorsorglich in Schach hält. Was bin ich für ein Totalversager, ich schäme mich in Grund und Boden wie ein vom Cephalosporin erwischter Staphylococcus! Das muss sich ändern, ich habe da schon einen Plan: Ich werde alle Patienten, deren schwache Herzen auf Trab gebracht werden müssen, einfach stationär einweisen, und zwar mit der Diagnose: drohende Doppeluntersuchung! Ich bin jetzt geläutert! Aber ich muss auch an die Komplikationen denken ... wenn ich nicht der einzige unter uns bin, der doppelt und dreifach untersucht ... wenn Abertausende Patienten in die überfluteten Krankenhäuser wegen drohender Doppeluntersuchung eingewiesen werden ... dann droht doch die drastische Explosion der stationären Gesundheitskosten ... dann könnte es sein, dass unsere Kritiker plötzlich sagen: Was für eine Katastrophe! Bitte, bitte, ihr niedergelassenen Ärzte, macht um Himmels Willen mehr Doppeluntersuchungen!

Dr. med.Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige