ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2016Biografie: Horst Hennig – Die bewegende Geschichte eines vom Militär geprägten Mediziners

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Biografie: Horst Hennig – Die bewegende Geschichte eines vom Militär geprägten Mediziners

Jachertz, Norbert

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Der Generalarzt a.D. Horst Hennig, Jahrgang 1926, hat einiges erlebt. Seine Biografie – eine eigenwillige Mischung aus privaten Aufzeichnungen, Dokumentenauszügen, Fotos und Laudationes zum 90. Geburtstag – zeugt von schweren Umbrüchen und einem Leben, das vom Militär geprägt war. Mit 14 (!) kommt Hennig zur Wehrmacht, freiwillig, zunächst zur Ausbildung, mit 18 zur Front im Westen, mit 19 für ein Jahr in ein Gefangenencamp in England. Zurück in Halle (Hennig stammt aus dem Mannsfeldischen) holt er das Abitur nach. Er beginnt dann Medizin zu studieren. Nach dem vierten Semester ist damit Schluss. Zusammen mit weiteren Kommilitonen, meist Medizinstudenten, wird Hennig 1950 von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, angeblich wegen Spionage. Der junge Mann verschwindet für Jahre in den Gruben von Workuta. 1955, mit 29 Jahren, kommt er im Gefolge der Adenauerschen Verhandlungen in Moskau frei und nimmt sein Medizinstudium wieder auf, diesmal in Köln, im „Westen“. 1961, er ist fast 35 Jahren alt, kann er es mit Staatsexamen und Promotion abschließen. Ein Jahr später geht er zur Bundeswehr. Im Sanitätsdienst machte er Karriere und scheidet 1983 als Generalarzt aus. Ein weiter Weg bis zur „Normalität“.

Die dichtesten und spannendsten Kapitel des Buches betreffen die Zeiten nach der Verhaftung in Halle im Jahre 1950. Verhöre, Gefängniszellen, Transporte in vollgepfropften Güterwagen, Kampf gegen Kriminelle unter den Mitgefangenen, das Arbeitslager in Workuta. Hier erlebt Hennig 1953 eine Gefangenenrevolte; sie wird brutal niedergeschlagen. Dennoch, Hennig kehrt nach Jahrzehnten zweimal nach Workuta zurück. Russische Militärs hatten die Gedächtnisreise unterstützt. Und nicht nur das, sie haben ihn 1992 förmlich rehabilitiert. Das steht im Zusammenhang mit der Vereinbarung von Helmut Kohl und Boris Jelzin aus demselben Jahr, aufgrund der die Archive mit den Akten früherer Kriegs- und politischer Gefangener geöffnet und die alten Urteile überprüft wurden. In Moskau wurde dazu eine eigene Abteilung bei der „Hauptmilitärstaatsanwaltschaft“ eingerichtet. In Hennigs Biografie lässt sich einiges zur Genese dieser erstaunlichen und allgemein wenig bekannten Aktivitäten nachlesen. Noch eine Anmerkung: Die Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Dresden unterhält eine große Datenbank zu verurteilten und eventuell rehabilitierten Deutschen, die sich unter anderem auf die russischen Archivquellen stützt. Sie ist bei der Archivrecherche behilflich und leitet Rehabilitationsanträge nach Moskau weiter. Norbert Jachertz

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Gerald Wiemers (Hg.): Erinnern statt verdrängen. Horst Hennig – Erlebtes in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2016, Hardcover, 366 Seiten, 33,00 Euro

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