ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1996Sprachreisen: Softkick oder Megakick?

VARIA: Bildung und Erziehung

Sprachreisen: Softkick oder Megakick?

Driesen, Oliver

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LNSLNS Welche Vorstellungen haben Schüler von Sprachferien im Ausland? Diese für die Anbieter existenziell wichtige Frage haben Wissenschaftler im Auftrag eines einschlägigen Touristik-Unternehmens untersucht. Wenig überraschend: 88 Prozent wollen vor allem Spaß.


Beauftragt hatte der Bremer Reise-Unternehmer Offährte Psychologen der Universität Koblenz-Landau. Insgesamt befragten die Wissenschaftler über 800 Jugendliche, die schon Erfahrungen mit Sprachreisen hatten. 3 300 junge Leute machten allgemeine Angaben über ihre Interessen im Urlaub. Dabei trat der Spaß-Faktor als klar bestimmendes Motiv zutage. Im jugendorientierten Psycho-Jargon der Untersucher liest sich das im einzelnen so: Unter 28 vorgegebenen Urlaubsaktivitäten erreichen Flirten und Bungee-Jumping die höchste "Kickstärke" (Unterhaltungswert) – als mittelprächtige "Mesokicks". Hochseefischen oder Seilbahnfahren taugten nur als "Softkicks", während atemberaubende "Megakicks" überhaupt nicht verzeichnet wurden.

Selbstbewußt
Aus dieser Abgebrühtheit der Konsumenten folgern die Anbieter von Sprachreisen vor allem eines: "Peppig und abwechslungsreich müssen sie sein", so Offährte-Geschäftsführer Heiner Giese, "kein verschulter Urlaub, sondern Ferienvergnügen mit positivem Nebeneffekt." Die Image-Studie gibt ihm recht: 88 Prozent erwarten vor allem Spaß, während die Hoffnung auf eine bessere Note in der betreffenden Sprache mit 75 Prozent erst an zweiter Stelle folgt. Ehrenrettung für die Kids: Erholung erwarten nur 30 Prozent von den Ferien – und hinterher sagen dennoch satte 80 Prozent, daß sie "Spaß am Unterricht" gehabt hätten.
Die Uni-Psychologen bescheinigen den Sprachreise-Teilnehmern, daß sie in der Regel mit gestärktem Selbstbewußtsein aus den Ferien zurückkehren. Denn durch den Sprung ins "kalte Wasser" beim Kontakt mit den Einheimischen werden sie unabhängiger und gewandter im fremden Idiom als die Daheimgebliebenen. Die freigesetzten Kräfte schlagen sich erwartungsgemäß auch in besseren Noten nieder – Beispiel Englisch: Wer schon einmal einen England-Trip mit Unterricht gemacht hat, kommt im Durchschnitt auf eine 2,7. Die Vergleichsgruppe ohne Sprachreiseerfahrung erzielte nur eine 3,1.
Über die Hälfte der erprobten Sprachreisenden hat im nachhinein mehr Spaß an der Sprache, 44 Prozent sind sogar insgesamt motivierter, zur Schule zu gehen. Doch das liegt kaum am Sprachunterricht während der Reise selbst: Der ist den Teilnehmern nämlich am wenigsten wichtig, während die Gastfamilie und die Atmosphäre vor Ort im Mittelpunkt des Interesses stehen. Daher der Rat der Psychologen an die Veranstalter: "Die Gastfamilie sehr gewissenhaft aussuchen! Erst dadurch wird ein positives Lernklima geschaffen."
Auch der Gedanke der europäischen Einigung faßt in den Köpfen von Sprachreisen-Teilnehmern besser Fuß: Zwei Drittel der Befragten fanden hinterher, daß solche Ferien die "Menschen einander näher bringen". Oliver Driesen

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