ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1996Hochschulen: Das Fehlen der Frauen

VARIA: Bildung und Erziehung

Hochschulen: Das Fehlen der Frauen

Driesen, Oliver

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LNSLNS Seit 76 Jahren haben Frauen das Habilitationsrecht in Deutschland. Seither ist zwar die Zahl der Studentinnen ständig gestiegen: auf durchschnittlich 40 Prozent. Im Lehrkörper der Unis und Fachhochschulen dagegen bleiben Frauen meist vor der Tür. An türkischen oder spanischen Hochschulen machen mehr Akademikerinnen Karriere als in Deutschland. Doch allmählich formiert sich eine Lobby.


Fehlender Ehrgeiz, familiäre Verpflichtungen, mangelnde Belastbarkeit – die Stereotype, die als Gründe für den eklatanten Frauen-Mangel im deutschen Professorenstand herhalten müssen, sind so staubverkrustet wie die Berufungsverfahren. Um so frischer wirkt die neuerdings spürbare feminine Selbst-Mitleidslosigkeit: "Alle Einsichten in strukturelle Barrieren und Behinderungen subtiler Art nützen nichts, wenn Frauen sich die Auseinandersetzungen nicht selbst zutrauen und zumuten." Das Zitat von Sigrid Metz-Göckel ist wie ein Fanal dem Programm des Deutschen Hochschullehrerinnenbundes (DHB) vorangestellt und gipfelt in dem Aufruf, sich "zu organisieren und auch vor Radikalität nicht zu scheuen".
Radikal wird vor allem das Durchhaltevermögen des 1994 gegründeten Frauen-Verbandes sein müssen. Denn die Kräfteverhältnisse in der patriarchal regierten deutschen Hochschullandschaft sind zumindest in den alten Bundesländern scheinbar in Beton gegossen: Arbeiten im akademischen Mittelbau noch zu einem Viertel Frauen, so sind es bei den C2-Professuren noch zehn Prozent, auf der Gehaltsstufe C3 noch sieben und bei den am besten bestallten C4-Positionen ganze 3,7 Prozent. Komplette Fachbereiche gibt es an Universitäten, etwa in den Naturwissenschaften, ohne eine einzige Professorin. Der oft als frauenfeindlich geschmähte Orient zeigt, wie es anders geht: In der Türkei ist jedes fünfte Professorenamt mit einer Frau besetzt.
Die Quote als Knüppel der Chancengleichheit erscheint den DHB-Aktivistinnen als eine der wenigen effizienten Waffen im hochschulinternen Geschlechterkampf. Vorrangig sollen, so die Forderung, Professuren mit Frauen besetzt werden, wenn der weibliche Hochschullehrer-Anteil unter 30 Prozent liegt. Die Hälfte aller Stellen aus Hochschulsonderprogrammen müsse Frauen zufallen, fordert der Berliner Verband.
Der DHB ist dabei nicht die einzige pressure group, die das demographische Ende einer Ära als Chance für Frauen-Gleichstellung in der Wissenschaft nutzen will: In den nächsten 10 Jahren nämlich wird die Hälfte aller deutschen Professoren aus Altersgründen in den Ruhestand treten. Bereits im Juni vergangenen Jahres erstellte die Arbeitsgemeinschaft "Gleichstellungspolitik in der Wissenschaft" in Berlin den Programmvorschlag "Wissenschaftlerinnen 2000". Das von der Senatorin für Arbeit und Frauen vorgestellte Papier verlangt für den Bereich der Bundeshauptstadt nicht nur Quoten, die schließlich zur Parität an den Unis führen sollen. Auch die "außeruniversitären Forschungseinrichtungen" müssen, so das Gutachten, schon Studentinnen ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend fördern.


Frauenförderung
Mehr als diese Grundlagen-Mathematik der Gleichberechtigung dürfte männliche Besitzstandswahrer verunsichern, daß auch die Verankerung von Frauen- und Geschlechterforschung in der Hochschulstruktur finanziell und personell gefördert werden soll. Dabei soll nach dem Willen der Arbeitsgemeinschaft die DDR Schule machen, denn: "Die Erfahrungen der DDR-sozialisierten Frauenforscherinnen wirken auf die Entwicklung der Frauenforschung innovativ."
Jenseits von Berlin, das sich mehr und mehr zu einem Zentrum universitärer Frauen-Power herausbildet, herrscht noch eine weit geduldigere Tonart vor. In Bonn hat die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung (BLK) ein Papier zur Frauenförderung in den Wissenschaften veröffentlicht. Darin zieht die BLK eine relativ wohlwollende Zwischenbilanz ihrer vor sieben Jahren gemachten Empfehlungen und stellt befriedigt fest, daß es inzwischen "an fast allen Hochschulen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte" gebe. Auch sei damit begonnen worden, Frauenförderpläne zu erstellen.
Nach wie vor unbefriedigend jedoch sei der geringe Anteil der Akademikerinnen am Professorenstand, meint die BLK. Zudem würden Frauen oft in Sonderprogramme oder befristete Positionen "abgeschoben" – endet das Programm oder reichen die Mittel nicht mehr, ist es dann auch mit der scheinbaren Gleichbehandlung wieder vorbei.
Als besonders rückständig fielen der BLK in der Frauenfrage ausgerechnet die Eliteschmieden der Innovation auf: die Großforschungsanlagen der Bundesrepublik. Von 16 untersuchten Institutionen hatten zwei Frauenförderpläne aufgestellt, fünf eine Gleichstellungsbeauftragte eingestellt und drei sich freiwillig zur Frauenförderung verpflichtet. Oliver Driesen

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