ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1996„Marxistische Abendschule Hamburg„: Marx lebt

VARIA: Bildung und Erziehung

„Marxistische Abendschule Hamburg„: Marx lebt

Driesen, Oliver

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LNSLNS Sie beruft sich auf die Tradition der Marxistischen Arbeiterschule im Berlin der Weimarer Repubik – die MASCH im Hamburg von 1996. Wende, Umbruch und Desillusionierung gingen scheinbar spurlos vorbei an der einzigen politischen Volksbildungsstätte, die noch den Namen des Revolutions-Gurus im Titel führt. Dennoch will die MASCH keine linientreue Kaderschmiede sein.


Der Lesekurs zu Hegels Phänomenologie des Geistes findet weiterhin statt, wir sind inzwischen ungefähr auf Seite 400." Ausdauerleistungen wie diese, abgetrotzt einem der schwerstverdaulichen Schinken der Philosophiegeschichte, vermeldet stolz das Winter-Programmheft 1995/96 der "Marxistischen Abendschule Hamburg" (MASCH). Auch vor anderen antikapitalistischen Geistesgrößen, wie Peter Weiss oder natürlich Karl Marx selbst, schrecken die Bildungs-Sozialisten in der Hansestadt nicht zurück. Beim Kapital "haben wir bisher einige der grundsätzlichsten und abstraktesten Kritikpunkte gründlich für uns geklärt, die Marx gegen die kapitalistische Gesellschaft vorbrachte. Dazu haben wir die Kapitel 1 und 2 praktisch Satz für Satz durchgeackert."
Ohne Fleiß kein Preis, ohne Schweiß kein Marx. Die Abendschule, die sich als "Forum für Politik und Kultur e.V." organisiert hat, hält tapfer das Fähnlein sozialistischer Bildung für breite Volksmassen aufrecht – auch wenn die Massen sich auf wenige linke Studienrätinnen und arbeitslose Autoschlosser reduziert haben. Ihnen geht es nicht nur um Klassiker-Lektüre. Von der "Einführung in die Kritische Psychologie" über das Verhältnis von Sozialismus und Zionismus bis hin zu "antifaschistischen Stadtteilrundgängen" erstreckt sich die Themenpalette. Diskutiert werden auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Herausforderung durch neue Bildschirmarbeitsplätze.
Daß es überhaupt noch eine MASCH gibt, im vereinten Deutschland nach Wende, Mauerfall, OstblockImplosion und Ende der Sowjetunion, ist nur scheinbar ein pädagogischer Anachronismus. Zu erklären ist er aus dem starken Beharrungsvermögen einer tiefverwurzelten Tradition der Arbeiterbildung, die bis in die zwanziger Jahre zurückreicht. Damals stand das "A" in MASCH noch für "Arbeiter" statt für "Abend". Die MASCH der Weimarer Republik hatte zudem ihren Sitz in Berlin statt Hamburg, wo sich der Nachfolger der von den Nazis zerschlagenen Schule erst 1981 etablierte.


Bunte Mischung an Referenten
In ihrem 1976 erschienenen Buch "Marxistische Arbeiterbildung in der Weimarer Zeit" zitiert Gabriele Gerhard-Sonnenberg das Credo der Original-MASCH: entgegen den unpolitischen und neutralen "Volksbildungsbestrebungen, wie sie sich in unzähligen Formen und Verkleidungen breitmachen, nichts anderes bieten als ehrlichen, unverfälschten Marxismus des revolutionären Klassenkampfes". Die Gründung der Arbeiterschule 1925 war die direkte Folge eines Beschlusses der Berliner Bezirksleitung der KPD. Explizit war sie keine Parteischule mit dem Auftrag, Funktionäre heranzuziehen, sondern eine Alternative zu den bürgerlichen Hochschulen, auch den Volkshochschulen. Unter dem Eindruck wachsender nationalsozialistischer Bedrohung wurde vor allem der ideologische Klassenkampf trainiert.
So schlicht verlaufen die Frontlinien natürlich heute nicht mehr. Das weiß auch MASCH-Mitarbeiter Meinhard Mäker, den das Neue Deutschland fragte, ob er sich am Berliner Vorläufer orientiere: "Wie damals müssen sich auch heute Linke, Marxisten, mit Erkenntnissen der Wissenschaft und neuen Ideen befassen und auseinandersetzen. Verabschiedet haben wir jedoch die Konzeption, man könne ,den' Marxismus in kanonisierter Form anbieten oder ihn für parteipolitische Zwecke instrumentalisieren." Die bunte Mischung prominenter Referenten an der Hamburger MASCH spricht dafür, daß sich die Schule trotz ihrer ideologischen Nähe nicht als PDS-Filiale mißbrauchen lassen will: Ob SPD-Linke wie Peter Glotz, kritische Dokumentarfilmer wie Heinrich Breloer ("Die Staatskanzlei", "Wehner – die unerzählte Geschichte") oder Grüne wie Antje Vollmer – sie alle steuerten Referate oder Kurse bei.
Auf der anderen Seite scheuen sich die MASCH-Pädagogen nicht, ausgerechnet vom SED-Historiker Jürgen Kuczynski die Frage beantworten zu lassen: "In welcher Gesellschaft leben wir?". Der 91jährige, der zuletzt ein Werk mit dem Titel "Letzte Gedanken?" vorlegte, hat darauf seit Ulbrichts Tagen immer dieselbe Antwort: in einem Ausbeuterstaat, den es zu demaskieren und zu bekämpfen gilt.


High-Tech
Aber auch die dunklen Seiten der Arbeiter- und Bauernmacht werden keineswegs ausgespart in den Kursen der MASCH. Im Juni vorigen Jahres veranstaltete die Schule ein Seminar über Stalinismus, jedoch betont jenseits bürgerlicher Verurteilungen wie "Personenkult" und "Totalitarismus".
Daß sie von vielen der politischen Einäugigkeit bezichtigt wird, hat die MASCH stets weniger als Vorwurf denn als Ausweis von Standfestigkeit in der Klassenfrage aufgefaßt. Und gegen Blindheit gar fühlt sie sich schon durch den Einsatz von High- Tech gefeit: Sehbehinderte jedenfalls können das MASCH-Programm auf Diskette anfordern – zur Verbalisierung mittels Sprach-Synthesizer. Oliver Driesen

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