ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2016Von Schräg unten: Überdiagnostik

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Überdiagnostik

Dtsch Arztebl 2016; 113(48): [68]

Böhmeke, Thomas

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In den raren Momenten, in denen man mal ehrlich ist, muss man sich eingestehen, dass unsere Schutzbefohlenen die Nase von uns voll haben, und zwar von unserer Überdiagnostik. Ich als hyperaktiver Apparatemediziner muss mich in vorderster Front anklagen, eingedenk der vielen Hausärzte, die schon den Kopf über mich geschüttelt haben, weil ich jeden offensichtlich vertebragenen Thoraxschmerz sofort invasiv koronarkontrollieren will. Aber ist es nicht auch jeder Kater, der kranial computertomographiert wird, jede Blähung, der endoskopisch nachgeforscht wird? Sicher, seit uns die Juristen zunehmend im Nacken sitzen, sind wir maximal auf Absicherung bedacht, traut sich kaum noch jemand, eine Diagnose eingedenk des klinischen Bildes zu stellen. Das will ich ab heute ändern, heute traue ich mir etwas zu!

Zu mir kommt eine junge Patientin, bei der ich eine Echokardiographie durchführen soll. Sie bringt einen Bericht aus einer Klinik mit, in der echokardiographisch ein ASD II ausgewiesen ist. Mehr steht in dem Befund nicht drin. Verunsichert ist die Patientin, nervös, hat sicher schon alle Kardiochirurgen unserer schönen Republik gegoogelt. Ich gucke mir also ihr Vorhofseptum an, bis sich meine Conjunctiva auf die Gleitsichtgläser quetscht, sehe aber keinen ASD. Vielleicht ein persistierendes Foramen ovale, höchstens zwei Millimeter breit, viel mehr aber nicht. Was mache ich jetzt? Soll ich sie zur kompletten Untersuchung, also zur transösophagealen Echokardiographie und zum Herzkatheter in die Klinik schicken?

Aber ich hatte mir doch heute morgen geschworen, mutig zu sein! Hatte mir fest vorgenommen, nicht immer alle Patienten zur Ganzkörper-Elektronenmikroskopie zu scheuchen! Was mache ich nur, was mache ich nur . . . „Und, Herr Doktor, was soll ich jetzt machen?“ fragt mich meine Patientin. Ich gebe mir einen Ruck. Ich schicke sie in die Klinik zur ausführlichen Diagnostik! „Aber warum? Sie haben doch eben gesagt, dass Sie kein großes Loch im Herzen sehen, nur einen kleinen Spalt, der mein Herz nicht belastet?“ Doch! Es gibt gute Gründe, die Sache höchstmöglich von berufener Stelle zu präzisieren! „Was sind denn das für Gründe?“

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Ärztliche Berichte, so ist es leider heutzutage, diffundieren in alle möglichen Hände, und wenn dieser Bericht, in dem ein ASD II angegeben ist, anderen Ortes gelesen wird, kann das bösartige Konsequenzen haben! „Und die wären?“ Falls sie eine zusätzliche, gar private Kran­ken­ver­siche­rung abschließen möchte, so kann sie sich auf den zigfachen Satz gefasst machen. Falls Sie als aktive Sportlerin dies studieren möchte, so kann sie mit dieser Diagnose sich gleich wieder exmatrikulieren. Falls Sie in den Staatsdienst eintreten will, würde man sie in der Reihe der Bewerber ganz hinten anstellen. Falls Sie . . . „Es reicht! Ich bin einverstanden! Bitte machen Sie mir schnellstmöglich einen Termin in der Klinik aus!“

Dr. med.Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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