ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2016Libyen: Hilfe in einem gescheiterten Staat

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Libyen: Hilfe in einem gescheiterten Staat

Dtsch Arztebl 2016; 113(48): A-2196 / B-1816 / C-1792

Stöbe, Tankred

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Der Bürgerkrieg in Libyen hat das Gesundheitssystem hart getroffen. Fast alle ausländischen Pflegekräfte haben das Land verlassen. Seit August ist die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Ein Bericht aus Bengasi

Bengasi: In der Hafenstadt im Nordosten Libyens kommt es auch jetzt immer noch zu Kämpfen. Sie konzentrieren sich auf Gebiete im Norden und Südwesten der Stadt. Foto: picture alliance
Bengasi: In der Hafenstadt im Nordosten Libyens kommt es auch jetzt immer noch zu Kämpfen. Sie konzentrieren sich auf Gebiete im Norden und Südwesten der Stadt. Foto: picture alliance

Wir wissen wenig von Libyen, und die wenigen Nachrichten von dort stimmen selten optimistisch. Dabei war das Land noch bis vor kurzem durch seinen Ölreichtum recht wohlhabend. Zwar sprudeln die Ölvorkommen weiter, aber geringer und der Preisverfall zeigt dramatische Konsequenzen. Mit dem Fall des ehemaligen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 stürzte das Land in einen intensiv-gewalttätigen Konflikt, bei dem es innerhalb von zehn Monaten rund 50 000 Tote zu beklagen gab. Seit 2014 lässt sich der Konflikt mit 5 000 Toten in zwei Jahren als niedrig-gewalttätig beschreiben. Die spannende Frage lautet: Bleibt das Land im Ganzen erhalten oder spaltet es sich in einen östlichen und westlichen Teil auf?

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Seit Juli wird es sicherer

Die Kampfhandlungen in Bengasi zählen zu den intensiveren Auseinandersetzungen und verlaufen zwischen zwei verfeindeten Gruppen – sie konzentrieren sich derzeit auf die Gebiete im Norden und Südwesten der Stadt. Seit Juli wird es etwas sicherer. Akustisch klingt das anders. Den fast permanenten Schießereien, Bombendetonationen und dem ohrenbetäubenden Lärm der Düsenjäger folgen verlässlich die Sirenen der Krankenwagen, die Kriegsverletzte transportieren.

Der Fokus unserer Arbeit liegt auf der Unterstützung des größten Krankenhauses der Stadt, des Bengasi Medical Center (BMC). Ein imposanter Komplex von drei siebenstöckigen Hochhäusern mit einer Kapazität für 1 200 Betten. Als Krankenhaus der Maximalversorgung beherbergt es alle Fachabteilungen der modernen Medizin. Täglich werden hier bis zu 50 Kinder entbunden, die Neonatologie kann Frühgeborene ab der 26. Schwangerschaftswoche durchbringen. Die Kardiologie hatte im vergangenen Jahr mit 2 000 Herzkatheterinterventionen die höchste Aktivität im ganzen Land und ist die einzige invasive Kardiologie im Osten Libyens. Täglich kommen etwa sechs Patienten mit akutem Herzinfarkt. Die Liste der medizinischen Leistungen ließe sich fortsetzen.

Das Problem: Die Krankenversorgung in der Stadt hat sich dramatisch verschlechtert, von den zwölf öffentlichen Krankenhäusern vor dem Konflikt existieren nur noch drei. Im BMC fehlen medizinische Materialien, Geräte wie Dialysemaschinen, Inkubatoren und Medikamente. Das Herzkatheterlabor hat keine Katheter und Stents mehr und ohne entsprechendes Material kann derzeit kein Patient mit akutem Koronarsyndrom angemessen behandelt werden, auch die Alternative (Thrombolyse) fehlt. Mit viel Glück können Angehörige von Patienten in einer Apotheke Streptokinase zum Preis von 300 US-Dollar besorgen. Das führt aber zu relevanten und oft tödlichen Therapieverzögerungen.

Täglich sterben Kinder

Das größte Problem am BMC sind jedoch nicht die fehlenden Maschinen, Monitore, Material oder Medikamente. Das größte Problem ist der Verlust von gut ausgebildeten Pflegekräften. Von den rund 1 000 ausländischen Pflegenden aus den Philippinen, Indien, Bangladesch und der Ukraine, die bis 2014 die pflegerische Arbeit verrichteten, verließen 90 Prozent wegen ausbleibender Bezahlung und Unsicherheit das Land. Ganze Abteilungen mussten deshalb geschlossen werden, inklusive einiger Intensivstationen. In der Internistischen Abteilung kann von 230 Betten nicht einmal die Hälfte belegt werden, weil von den ehemals 70 Pflegenden nur noch zehn geblieben sind. Nach meiner Zählung gibt es im BMC aktuell nur 330 Krankenbetten, die doppelte Anzahl wird aber benötigt.

Am späten Nachmittag nehmen die Kampfhandlungen zu, dann kommen bis zu 20 Schwerverletzte in die Notaufnahme, von denen die Hälfte bei Ankunft bereits verstorben ist oder später ihren Verletzungen erliegt.

Am dramatischsten sind die Auswirkungen der bewaffneten Auseinandersetzungen aber in der Kinderheilkunde. Starb dort früher ein Kind pro Monat, gibt es nun täglich Todesfälle. Das liegt an der fehlenden medizinischen Ausrüstung und am Personalmangel, aber auch an den unzureichend ausgebildeten medizinischen Mitarbeitern, sowohl Ärzten als auch Pflegenden. Seit Jahren haben sie keine Fortbildungen erhalten und die gut ausgebildeten ausländischen Pflegekräfte wurden bisher nicht durch libysche Kollegen ersetzt.

Zudem hat die Klinik ein Sicherheitsproblem. Soldaten weigern sich, ihre Waffen abzulegen, immer wieder kommt es zu Schießereien und viele Sitzungen mit dem Sicherheitschef waren nötig, um für dieses Thema ein Verständnis zu entwickeln und die Waffen zumindest in der Rettungsstelle zu reduzieren. Noch nie habe ich in einem Kontext gearbeitet, in dem ein so hoch entwickeltes Gesundheitssystem so tief abgestürzt ist.

Qualitätsverbesserung durch Lehre: Tankred Stöbe bei praktischen Übungen in der Notfallversorgung mit Ärzten und Pflegekräften des Bengasi Medical Center. Foto: Tankred Stöbe
Qualitätsverbesserung durch Lehre: Tankred Stöbe bei praktischen Übungen in der Notfallversorgung mit Ärzten und Pflegekräften des Bengasi Medical Center. Foto: Tankred Stöbe

Auch hier ist Hilfe möglich

Wir sind das erste Team von Ärzte ohne Grenzen, das wieder dauerhaft in Bengasi arbeitet. Bisher gab es keinen schweren Sicherheitszwischenfall. Seit Mitte August können wir uns in der Stadt relativ frei bewegen, unter Aussparung der Konfliktregionen. Unser Haus liegt nahe des BMC in einem ruhigeren Stadtteil.

Was aber sollen wir mit einem kleinen Team in dieser großen Klinik ausrichten? Wir unterstützen das Krankenhaus mit medizinischem Material und Medikamenten sowie zehn Pflegekräften in der chirurgischen Rettungsstelle. Aber es ist nicht unser Anspruch, den enormen Personalbedarf zu kompensieren. Was wir versuchen, ist die medizinische Qualität durch Lehre und Training zu verbessern. So haben wir in den vergangenen Wochen mehr als 100 Pflegende und Ärzte weitergebildet, zweimal wöchentlich hielt ich Vorlesungen und praktische Übungen in der Notfallversorgung.

Unsere Hilfe wird geschätzt. Zudem haben wir in Zusammenarbeit mit einer lokalen Nicht-Regierungsorganisation in einer ambulanten Klinik seit Februar 1 300 Kinder und 600 schwangere Frauen behandelt. Als einzige internationale Organisation in der Millionenstadt zeigen wir, dass hier Hilfe möglich ist.

Neben den täglichen Visiten im BMC versuchten wir zu klären, welche weiteren humanitären Herausforderungen sich in Bengasi stellen: Wie geht es den im eigenen Land vertriebenen Menschen? Wie den psychisch Kranken? Und was ist mit den unzähligen Flüchtenden, die vom Westen des Landes aus die tödliche Seefahrt auf den Schlauchbooten riskieren?

Auch wenn das Jahr 2016 noch nicht abgeschlossen ist, so sind mit 3 793 Menschen (Stand: 15. November) im dritten Jahr in Folge wieder mehr Menschen auf der zentralen Route vor Libyen ertrunken. Das macht sie zum weltweit tödlichsten Fluchtweg und das Mittelmeer zu einem wachsenden Massengrab. Und es zeigt das politische Versagen Europas, diese furchtbare Entwicklung zu stoppen.

Dr. med. Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen

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