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Weltaidstag 2016: Erfolge – und Herausforderungen

Dtsch Arztebl 2016; 113(48): A-2177 / B-1801 / C-1777

Zylka-Menhorn, Vera

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport

Die Möglichkeiten zur Verhinderung und Behandlung der HIV-Infektion waren niemals größer als heute. „Inzwischen ist es grundsätzlich möglich, Menschen mit HIV abhängig von ihren Lebensumständen und ihrem Lebensalter zielgerichtet zu helfen“, sagte Exekutivdirektor Michel Sidibé kürzlich bei der Vorstellung des Jahresberichts von UNAIDS. Danach waren 2015 weltweit 36,7 Millionen Menschen Träger des Immundefizienzvirus – eine hohe Zahl. Aber es gibt Lichtblicke: 18,2 Millionen haben inzwischen Zugang zu antiretroviralen Therapien (ART). Die Ausweitung der ART habe zur Folge, dass immer mehr HIV-Infizierte ein höheres Lebensalter erreichen, führte Sidibé fort. So seien letztes Jahr 5,8 Millionen Betroffene bereits älter als 50 Jahre.

Darunter sind auch viele deutsche Patienten; denn hierzulande entspricht die Lebenserwartung der HIV-Infizierten mittlerweile der der nichtinfizierten Bevölkerung. Vor zwei Jahrzehnten hätten viele Wissenschaftler (und Politiker) eine derartige Entwicklung nicht für möglich gehalten. Heute kennt man den Erreger bis ins letzte Detail, da weltweit – kommerziell und staatlich – mit Hochdruck geforscht wurde. Doch was wie eine „routiniert inszenierte Forschungsstory anmutet, hatte Züge eines Dramas – mit Irrtümern und Siegen, Helden und Verlierern“, wie Brandeins (Ausgabe 10/2016) resumiert. HIV hat Millionen Menschenleben gefordert und Kinder zu Waisen gemacht. Und die HIV-Infektion ist immer noch die häufigste Todesursache der Teenager in Afrika. Sowohl die Wissenschaft als auch die Politik müssen darauf noch Antworten finden.

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UNAIDS hat die weiteren Ziele zur Eindämmung der Epidemie klar gesteckt: Bis 2020 will man so vielen Menschen Zugang zur ART verschaffen, dass HIV bis 2030 keine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit mehr darstellen wird. Unter dem Motto „90–90–90“ sollen dann 90 Prozent aller HIV-Infizierten über ihre Infektion Bescheid wissen, 90 Prozent davon mit ART therapiert werden, so dass HIV bei 90 Prozent der Behandelten unter der Nachweisgrenze liegt. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es finanzieller Ressourcen, politischen Willens und funktionierender Gesundheitssysteme; hier bestehen in vielen Ländern nach wie vor Defizite.

In Industrienationen ist die Diagnose kein Todesurteil mehr. Menschen mit HIV können arbeiten, Sport treiben, reisen und dank der Medikation sogar gesunde Kinder zeugen. Angesichts dieser „Normalität“ besteht nunmehr die Gefahr, dass sich eine gewisse Sorglosigkeit breit macht. Laut Umfragen gehörte Aids 1987 für 67 Prozent der Deutschen zu den gefährlichsten Krankheiten, 2014 teilten nur noch 8 Prozent diese Einschätzung. Das Bewusstsein über die Möglichkeiten einer effektiven ART und – neuerdings – einer medikamentösen Präexpositionsprophylaxe (PrEP) erhöhen die Bereitschaft für sexuelle Risikokontakte erheblich: Die Zahlen über Infektionen mit Chlamydien, N. gonorrhoeae, Trichomonaden, Mykoplasmen oder Hepatitis C steigen kontinuierlich; die Syphilis-Inzidenz sich hat innerhalb einer Dekade sogar vervierfacht. Mit rund 3 200 HIV-Neuinfektionen pro Jahr ist Deutschland seit einiger Zeit auf stabilem Niveau. Damit dies so bleibt, steht die Präventionsarbeit vor neuen Herausforderungen. Das Robert Koch-Institut bittet daher vor allem die niedergelassenen Ärzte, offensiver Tests auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen anzubieten – beispielsweise im Rahmen regelmäßiger STI/STD-Beratungen.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport

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