ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2016Herzchirurgie: Katheterbehandlung dichtet Herzklappe

TECHNIK

Herzchirurgie: Katheterbehandlung dichtet Herzklappe

Dtsch Arztebl 2016; 113(48): A-2224 / B-1834 / C-1810

Schwarz, Thomas

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Das Mitralklappen-Clipping ist eine weit verbreitete Methode. Seit einiger Zeit entwickeln Kardiochirurgen mit dem Einsatz einer künstlichen Mitralklappe ein neues Verfahren. Die Forschung dazu läuft auf Hochtouren, Experten erwarten einen flächendeckenden Einsatz in fünf Jahren.

Die Mittelklappe als Einlassventil in der linken Herzkammer. Eine neue Methode, eine künstliche Klappe einzusetzen, wird derzeit erforscht. Foto: picture alliance
Die Mittelklappe als Einlassventil in der linken Herzkammer. Eine neue Methode, eine künstliche Klappe einzusetzen, wird derzeit erforscht. Foto: picture alliance

Die Mitralklappe ist das Einlassventil in die linke Herzkammer. Bei jedem Herzschlag ist sie verschlossen, damit das Blut mit hohem Druck in die Aorta fließen kann. „Häufig ist sie undicht, wenn sie nicht richtig funktioniert“, sagt Professor Dr. med. Hendrik Treede bei der diesjährigen Medica Education Conference in Düsseldorf. „Damit sinkt die Förderleistung des Herzens. Die Folge ist eine zunehmende Luftnot bei Belastung und eine deutliche körperliche Schwäche. Die Lebensqualität der Betroffenen ist deutlich eingeschränkt“, so der Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Herzchirurgie am Universitätsklinikum Halle weiter. Ursache einer solchen Mitralklappeninsuffizienz ist oft eine Vergrößerung des linken Ventrikels, eine Durchblutungsstörung des Herzmuskels oder ein Herzinfarkt. Schreitet die Mitralklappeninsuffizienz fort, kann es zur Herzinsuffizienz kommen. „Für die operative Rekonstruktion oder den Austausch der Herzklappe am offenen Herzen ist es dann häufig zu spät. Die Operation wäre für die Patienten zu risikoreich“, erklärt Treede.

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Künstliche Klappe kommt über die defekte Klappe

Seit einigen Jahren ist es allerdings möglich, die Mitralklappe mit einem Kathetereingriff zu behandeln. Dabei wird die Öffnung der Klappe mit einem Metallclip verkleinert. Dieses Mitralklappen-Clipping ist eine in Deutschland weit verbreitet und etablierte Methode. Die Undichtigkeiten der Klappe lassen sich allerdings selten vollständig beheben und die Entwicklung einer Herzschwäche lässt sich auf Dauer nicht immer verhindern. Die Erkenntnisse haben nach Angaben von Treede die Entwicklung eines neuen Katheterverfahrens gefördert. Dabei platzieren die Kardiochirurgen eine künstliche Mitralklappe über die defekte natürliche Mitralklappe. Um den Katheter zielgenau einführen zu können, eröffnen sie mit einem kleinen Schnitt Brustkorb und Herzspitze.

Erstmals wurde eine Mitralklappe 2009 im kanadischen Vancouver transapikal ersetzt. „Seitdem wurde der minimalinvasive Eingriff weltweit bei 100 Patienten durchgeführt, darunter auch bei vier Patienten in Deutschland“, so Treede. „Die bisherigen Erfahrungen sind gut“, ergänzt er. Im Gegensatz zum Mitralklappen-Clipping gelinge es in der Regel, einen Rückfluss des Blutes zu verhindern. Deswegen laufen die Forschungen an dem Verfahren auf Hochtouren. „Wir müssen noch zwei bis drei Jahre warten, bis wir wissen, welches System das beste und welcher Zugangsweg der beste ist.“

Künstliche Mitralklappen sollen kleiner werden

„Fünf Jahre wird es noch dauern, bis das Verfahren etabliert ist und flächendeckend zur Anwendung kommt“, vermutet der Experte. Denn es gibt ein Problem: Die künstlichen Mitralklappen sind noch zu groß, als dass man sie über einen Angiographie-Katheter in das Herz einführen kann. Deswegen wird momentan der Zugang über den apikalen Schnitt an Brustkorb und Herzspitze gewählt. „Langfristig kann das nicht der Zugang der Wahl sein“, ist sich Treede sicher. Man werde einen venösen Zugang nehmen, zum Beispiel von der Leiste aus.

Die Medizintechnikfirmen arbeiten ebenfalls mit Hochdruck an der Verbesserung des Verfahrens. Denn der Bedarf ist groß: Die Mitralklappeninsuffizienz ist nach der Aortenklappenstenose der zweithäufigste Herzklappenfehler in Europa. In Deutschland leiden schätzungsweise 800 000 bis eine Million Menschen an einer behandlungsbedürftigen Mitralklappeninsuffizienz. Die Häufigkeit steigt mit dem Alter, und im Alter von 75 Jahren haben zehn Prozent aller Menschen eine undichte Mitralklappe.

Thomas Schwarz

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