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Benchmarking: Rabulistik

Dtsch Arztebl 1999; 96(31-32): A-1985 / B-1674 / C-1568

Clade, Harald

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LNSLNS Ein bisher vorwiegend in
der Industrie gebräuchlicher Begriff hat nun auch im Gesundheitswesen Einzug gehalten: Benchmarking. Darunter versteht man einen kontinuierlichen Prozeß, bei dem Produkte, Dienstleistungen und insbesondere Prozesse und Methoden betrieblicher Funktionen über mehrere Unternehmen hinweg extern verglichen werden. Ziel jedes Benchmarking ist es, sich an einem Standard zu orientieren und die dazu notwendigen Prozesse und Methoden zur eigenen Leistungs- und Qualitätssteigerung zu implementieren.
Danach bedeutet Benchmarking, übertragen auf das Gesundheitswesen: Externe Vergleiche, Orientierung am Besten, Vorgabe und Beurteilung an externen Vergleichstandards, um daraus Strategien und Konsequenzen ableiten zu können. In der gesundheitspolitischen Diskussion werden oftmals internationale Kennzahlen herangezogen, um die eigenen Argumente zu untermauern und sie
zu "objektivieren". So beträgt die Klinikverweildauer in Deutschland zur Zeit elf Tage, in Frankreich hingegen 5,9 Tagen; in den USA ist die Größenordnung ähnlich. Nach der jüngsten Statistik der OECD betrug der Anteil
der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ("Gesundheitsquote") in Deutschland 10,4 Prozent und in den USA mehr als
14 Prozent. Mit dem Hinweis, daß in Großbritannien die Quote bei 6,7 Prozent, in Italien bei 7,6 Prozent und in den Niederlanden bei 8,5 Prozent liegt, wird suggeriert, das deutsche und amerikanische Gesundheitswesen seien besonders teuer, ließen Überkapazitäten, Überversorgung und Mißwirtschaft erkennen. Untermauert wird so die Forderung, daß die Lohnnebenkosten stabilisiert werden müßten und die GKV-Beiträge nicht aus dem Ruder laufen dürften. Dabei wird verschwiegen, daß die GKV-Beiträge lediglich sechs Prozent an den Lohnnebenkosten ausmachen.
Vergleiche und Benchmark-ing im Gesundheitssektor müssen, wie auch in anderen Bereichen, mit Sinn und Verstand praktiziert und dürfen nicht für einen kleinkarierten politischen Zweck instrumentalisiert werden. Sonst führen sie zu Trug- und Fehlschlüssen, bedeuten nichts als Rabulistik mit Zahlen. Erforderlich ist es auch, fair die Rahmenbedingungen, die Konstellationen anzugeben: ob, etwa wie in den Niederlanden,
die fachärztliche Versorgung ans Krankenhaus zentriert oder wie in Deutschland eine flächendeckende ambulante Versorgung in allen Fachgebieten gewährleistet ist. Auch sind in manchen Ländern die Anspruchsvoraussetzungen enger, wie etwa in Dänemark, bei denen die Leistungen im Bereich der Psychotherapie nicht zum
gesetzlichen Versorgungsauftrag des Gesundheitssicherungssystems zählen. Dr. Harald Clade
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