ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2016Sportmedizin: Bewegung muss Spaß machen

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Sportmedizin: Bewegung muss Spaß machen

Dtsch Arztebl 2016; 113(48): A-2194 / B-1814 / C-1790

Thiel, Ansgar

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Die Anzahl der Menschen, die sich nicht bewegen, ist viel zu hoch. Dennoch wird noch zu wenig nach den Gründen der Inaktivität geforscht. Ein Plädoyer dafür, den Spaß an der gesundheitsförderlichen Bewegung zu finden.

Prof. Dr. phil. Ansgar Thiel, Universität Tübingen
Prof. Dr. phil. Ansgar Thiel, Universität Tübingen

Die drastischen Folgen körperlicher Inaktivität für die Gesundheit der Bevölkerung haben das renommierte Fachjournal The Lancet jüngst dazu bewogen, sich dem Thema Bewegung zu widmen. Die Editoren Pamela Das und Richard Horton fordern dabei von Politik und Wissenschaft klar und deutlich: Es ist an der Zeit, die gesundheitsbezogenen Konsequenzen körperlicher (In-)Aktivität ernster zu nehmen. Fakt ist: Die Anzahl der Menschen, die es nicht schaffen, sich regelmäßig und dauerhaft zu bewegen, ist noch immer desillusionierend hoch. Deshalb wurde hierzulande vermehrt in die sogenannte Sedentariness-Forschung investiert. Doch die Frage, was genau inaktive Menschen an der Bewegung hindert, scheint die Wissenschaftler im Moment gar nicht so sehr zu interessieren. „In“ sind vielmehr Fragen wie: Wie viel Zeit können Menschen maximal sitzend verbringen, ohne ihre Gesundheit zu gefährden?

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Anstatt dieser Denklogik zu folgen, plädieren wir für gesundheitspolitische Anstrengungen, die auf die Erforschung der Barrieren körperlicher Aktivität setzen, insbesondere bei den hartnäckig bewegungsabstinenten Gruppen. Ein ganz wichtiger, wenngleich noch kaum erforschter bewegungshinderlicher Faktor scheint der Mangel an Spaß an der Bewegung zu sein.

Ergebnisse der Adipositasforschung deuten auf einen sehr einflussreichen Bewegungsspaß-Killer: den erhobenen Zeigefinger, das Warnen und Beschämen der „Un-Fitten“. So reagieren adipöse Menschen auf stigmatisierende gewichtsbezogene Kritik häufig nicht etwa mit einem Lebenswandel, sondern sie ziehen sich eher zurück, essen mehr und vermeiden Bewegung und Diäten.

Die Stigmatisierung des „Unfitten“ beginnt meist schon in der Kindheit. US-Amerikanischen Studien zufolge scheint insbesondere im Sportunterricht abwertendes Verhalten gegenüber „Un-Fitten“ durch Gleichaltrige, aber auch durch Lehrkräfte, kein Ausnahmefall zu sein – mit drastischen Folgen. So führt die Abwertung von unsportlichen oder stark übergewichtigen Kindern offenbar zu einer nachhaltig reduzierten Bewegungsmotivation, zu einer negativen Einstellung zu Sport und Bewegung und zu körperlicher Inaktivität. Wenn diese Personen im Erwachsenenalter von ihren Ärzten Bewegungsprogramme verordnet bekommen, dann verändert das selten das negative Verhältnis zu körperlicher Aktivität. Oft wird die Abneigung sogar noch verstärkt, denn die präventiven körperlichen Übungen werden in vielen Fällen als rein funktional, ernsthaft und oft sogar als einsame Angelegenheit wahrgenommen. Von Spaß ist da keine Rede. Im Erwachsenenalter gemeinsam Spaß zu haben, passiert – wie wir jüngst in einer Studie herausgefunden haben – meist sitzend; es wird geredet, gegessen, getrunken – körperliche Aktivität stört eher, sogar in bewegungsanregenden Settings wie beispielsweise am Strand. Anders als übrigens bei Kindern, die, egal wie dünn oder dick sie sind, sich in bewegungsfördernden Umwelten gegenseitig im fröhlichen Bewegungsspiel mitreißen.

Erwachsene dagegen – und das sollten Ärzte, Lehrer und Politiker wissen – stecken sich bei ihren Freunden mit Inaktivität (und eben nicht Aktivität) an. So haben die Ökonomen Carrell, Hoekstra und West herausgefunden, dass sich schlechte Fitness von Person zu Person ausbreitet, denn die Menschen imitieren das Ernährungs- und Bewegungsverhalten ihrer am wenigsten fitten Freunde. Deren Fitness wird als Benchmark für die eigene Fitness angesehen. Die Regel scheint: Wenn es sich die Freunde erlauben, auf die (subjektiv gesehen) freudlosen Vorgaben eines gesunden Lebensstils zu pfeifen, dann ist es für einen selbst leichter, das auch zu machen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Der Mangel an Spaß, den gerade inaktive Menschen bei Sport und Bewegung empfinden, stellt also eine wichtige Herausforderung für die Gesundheitsvorsorge dar. Will man bewegungsabstinente Menschen zu regelmäßiger körperlicher Aktivität bringen, dann reicht es nicht aus, Appelle zu formulieren, Strafen zu verhängen oder öffentliche Trainingsgeräte bereitzustellen. Public-Health-Experten sollten vielmehr erforschen, wie gesundheitsförderliche Bewegung mit Spaß kombiniert werden kann, so dass auch die „Un-Fitten“ körperliche Aktivität als belohnend erleben und nicht als Qual. Und die Politik beziehungsweise die Gesundheits-, Kultus- und Wissenschaftsministerien sollten es den Wissenschaftlern ermöglichen, diese für die Gesellschaft so wichtige Frage zu beantworten.

Koautoren: Prof. Dr. med. Andreas Nieß,
Prof. Dr. med. Stephan Zipfel, Universitätsklinikum Tübingen

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