THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Dr. med. Bert Theodor te Wildt, Leiter der Online-Sucht-Ambulanz OASIS: „Wir holen Betroffene dort ab, wo die Sucht entsteht“

Dtsch Arztebl 2016; 113(49): A-2256 / B-1861 / C-1837

Bühring, Petra

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Bert te Wildt über die neue Onlinesuchtambulanz OASIS für junge Erwachsene, die Therapie der Internetabhängigkeit, Komorbiditäten und die Wichtigkeit von Zeiten und Räumen ohne digitale Medien.

Bert Theodor te Wildt ist Oberarzt an der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum. Zudem ist er Mitbegründer des Fachverbands Medienabhängigkeit. Foto: privat
Bert Theodor te Wildt ist Oberarzt an der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum. Zudem ist er Mitbegründer des Fachverbands Medienabhängigkeit. Foto: privat

Sie empfehlen, sich täglich analoge Zeiträume zu nehmen, ja analoge Selbstfürsorge zu betreiben. Wie sieht die konkret aus?

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te Wildt: Aus ärztlich-therapeutischer Sicht stellt sich für mich die Frage, was gesundheitsförderlich ist. In diesem Sinne ist klar, dass es Zeiten und Räume geben muss, in denen Bildschirmmedien ausgeschaltet sind, damit wir nicht ständig gestört werden. Wenn ein Gerät ständig piepst und irgendetwas von uns will, schaden wir uns, weil wir die Menschen um uns herum aus den Augen verlieren.

Darüber hinaus wissen wir inzwischen sehr gut, dass der Schlaf beeinträchtigt wird, wenn wir kurz vor dem Schlafengehen noch einmal auf ein Smartphone schauen. Also sollten digitale Geräte am besten eine Stunde vor dem Schlafengehen aus bleiben. Kinder und Jugendliche leiden heute unter Schlafmangel, nicht nur weil sie zu lange mit Online-Medien beschäftigt sind, sondern auch, weil es durch die Lichtexposition durch Beeinträchtigungen des Melatoninstoffwechsel zu einer Verschlechterung des Schlafverhaltens kommt. Wir müssen also ganz konkret gegensteuern, auch beruflich.

Wann nehmen Sie sich selbst Auszeiten?

te Wildt: Ich versuche die erste Stunde des Arbeitstages analog zu gestalten, indem ich zum Beispiel Arztbriefe korrigiere, um nicht gleich in der E-Mail-Flut zu versinken. Ich muss mir immer wieder bewusst vornehmen, alles was mich rausreißen kann auszuschalten, um einen Brief oder einen wissenschaftlichen Artikel zu schreiben. Maßvolle Internetnutzung ist auch eine Frage der Professionalität.

Wie viel Internet ist gesund oder umkehrt, wann bezeichnen Sie jemanden als internetabhängig?

te Wildt: Man geht international inzwischen davon aus, dass die reine Nutzungszeit nicht das Entscheidende ist, wenn es um die Diagnosestellung einer Internetabhängigkeit geht. Die American Psychiatric Association hat diagnostische Kriterien festgelegt für die Internet Gaming Disorder (siehe Kasten). Wir haben Patienten die täglich bis zu 16 Stunden im Internet unterwegs sind – und das über Monate und Jahre hinweg. Die leben quasi online.

Auf der Webseite der neuen OnlineSucht-Ambulanz OASIS kann man einen Selbsttest machen und wird dann gegebenenfalls zu zwei Online-Sprechstunden eingeladen. Wollen sie OnlineSucht online behandeln?

te Wildt: Nein, es geht bei OASIS um Diagnostik und Therapieanbahnung (www.onlinesucht-ambulanz.de). Wir machen genau das, was wir in der Ambulanz hier am Klinikum in Bochum auch machen. Nach dem Selbsttest werden Betroffene eingeladen einen 50-minütigen Webcam-basierten Online-Sprechstundentermin wahrzunehmen, der innerhalb von drei Wochen stattfindet. In diesen 50 Minuten machen wir eine ausführliche Diagnostik in Bezug auf die Internetabhängigkeit und ein diagnostisches klinisches Interview um zu schauen, ob andere psychische Erkrankungen, die dabei eine Rolle spielen, vorliegen.

Aber doch alles online?

te Wildt: Moment, bis zum zweiten Termin schauen wir dann, wo vor Ort passgenau das richtige Angebot für den Betroffen vorhanden ist. Wir holen Online-Süchtige dort ab, wo die Sucht entstanden ist und bauen ihnen eine Brücke in ein analoges Beratungs- oder Behandlungssetting. Das ist an Suchtberatungsstellen und Spezialambulanzen in ganz Deutschland vorhanden. Wir arbeiten hier in Kooperation mit dem Fachverband Medienabhängigkeit, das beste Netzwerk in diesem Bereich. Bei diesem zweiten Termin führen wir auch ein motivationales Interview durch, um die Betroffenen zu motivieren, sich wirklich die Hilfe zu suchen, die wir ihnen vermittelt haben. Das soll möglichst zurückgemeldet werden, weil das ganze Projekt auch beforscht wird.

Wie sieht eine Therapie der Internetsucht nach state-of-the-art aus?

te Wildt: Wir spezifizieren zuerst, wovon genau die Betroffenen abhängig sind. Dann empfehlen wir eine komplette Abstinenz von dem Bereich im Internet, der zu der Abhängigkeit geführt hat. Viele sagen am Anfang der Behandlung – und das akzeptieren wir auch als Therapieziel – dass sie eine kontrollierte Nutzung lernen wollen. Sie stellen aber zumeist fest, dass das sehr schwierig ist. Wenn sie dann aber versuchen eine Woche lang beispielsweise auf Computerspiele zu verzichten, merken sie in der Regel, dass das einfacher ist als im Alltag permanent gegen das bei der kontrollierten Nutzung stets präsente Suchtmittel anzukämpfen. Sie folgen dann meist dem Rat, eine komplette Abstinenz anzustreben.

Und entsteht dann nicht ein großes Loch für die Betroffenen?

te Wildt: Das ist ein großes Problem, denn viele sind vereinsamt, verunsichert, depressiv, haben den Anschluss an soziale Kontakte, an Schule, Ausbildung und Beruf verloren. Wenn wir als Therapeuten auch mit Unterstützung von Sozialarbeitern und Angehörigen nicht an der Eroberung neuer realer Spielräume arbeiten würden, kann die Therapie verlorene Liebesmüh sein. Die Betroffenen brauchen eine Alternative, bei der sie sich wertgeschätzt fühlen.

Auf der Webseite von OASIS haben wir ein schönes Bild, nämlich den Schwimmer, der kopfüber in einen See springt. Das symbolisiert zum einen den Sprung ins kalte Wasser aber auch den Freudensprung darüber, wieder in der analogen Welt anzukommen. Wir wollen mit unserem Angebot dafür sorgen, dass die Betroffenen wieder ihre eigene Oase, also etwas Schönes, in der realen Welt finden.

Welche therapeutischen Verfahren kommen zum Einsatz?

te Wildt: Es gibt bisher nur sehr wenige Studien zur Wirksamkeit, aber die meisten Ansätze sind kognitiv-behavioral und sollen eine Veränderung des Verhaltens bewirken, wie bei stoffgebundenen Süchten auch. Es können aber auch tiefenpsychologisch fundierte Verfahren zur Anwendung kommen, insbesondere, wenn es längerfristig um Begleiterkrankungen wie Depression oder soziale Ängste geht, die viel weiter zurückreichen, als die Internetabhängigkeit selbst.

Sind das die häufigsten Begleiterkrankungen?

te Wildt: Übersichtsarbeiten zeigen, dass die häufigsten Begleiterkrankungen der Internetabhängigkeit Depressionen, Angsterkrankungen und Aufmerksamkeits Defizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) sind. ADHS spielt gerade bei der Computerspielsucht eine große Rolle. Das Asperger-Syndrom stellt vermutlich auch eine Prädisposition für Internetabhängigkeit dar. Wir haben gerade eine Studie gemacht, die noch nicht veröffentlicht ist, bei der sich andeutet, dass Menschen mit einer depressiven Persönlichkeitsstörung und solche mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung eher gefährdet sind, eine solche Sucht zu entwickeln. Ein wenig umstritten ist noch, ob stoffgebundene Süchte auch häufiger bei Internetabhängigen auftreten. Bei ADHS-Patienten beobachten wir zumindest, dass stoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen und andere Verhaltenssüchte häufiger begleitend auftreten.

Die häufigsten komorbiden Suchterkrankungen sind die von Alkohol, Tabak und Cannabis. Mit Sorge betrachten wir darüber hinaus, dass exzessive Spieler sich nicht nur mit Koffein, sondern auch mit anderen aufmerksamkeitssteigernden Mitteln, wie zum Beispiel Amphetaminen, dopen, insbesondere um noch erfolgreicher in den Online-Spielen zu sein. Aber dazu gibt es noch keine wissenschaftlichen Belege.

Das Interview führte Petra Bühring

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