ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2016Netzarbeit: Besser versorgen bei geringeren Kosten

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Netzarbeit: Besser versorgen bei geringeren Kosten

PP 15, Ausgabe Dezember 2016, Seite 549

Korzilius, Heike

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Im Schwarzwald erproben Ärzte und zwei Krankenkassen mit Hilfe einer Hamburger Managementgesellschaft seit zehn Jahren, was bundesweit gefordert wird: die integrierte Versorgung vor allem chronisch Kranker. Ein Besuch bei „Gesundes Kinzigtal“.

Neues Haus, neue Projekte: Die „Gesundheitswelt“ in der Hausacher Eisenbahnstraße beherbergt neben der Geschäftsstelle der „Gesundes Kinzigtal“ GmbH auch eine Arztpraxis sowie Fitness- und Veranstaltungsräume. Fotos: Gesundes Kinzigtal
Neues Haus, neue Projekte: Die „Gesundheitswelt“ in der Hausacher Eisenbahnstraße beherbergt neben der Geschäftsstelle der „Gesundes Kinzigtal“ GmbH auch eine Arztpraxis sowie Fitness- und Veranstaltungsräume. Fotos: Gesundes Kinzigtal

Beschaulich“ ist das Wort, das einem in den Sinn kommt, wenn man in Hausach an der Kinzig entlangspaziert. Rings um das sonnige Tal liegen Wiesen und Weiden. Über steile Hügel gelangt man, vorbei an Schwarzwaldhöfen, in ausgedehnte Wälder. Jetzt, im Oktober, scheint das Kinzigtal eine Hochburg für Wanderer der Generation 60 plus zu sein.

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Diese Altersgruppe, insbesondere die älteren chronisch Kranken, hatte auch die „Gesundes Kinzigtal“ GmbH im Blick, als sie vor zehn Jahren mit ihrem Projekt zur integrierten Versorgung antrat. Man wollte ein neues Modell der Gesundheitsversorgung entwickeln, das neben der Akutbehandlung der Patienten auch Prävention, Gesund­heits­förder­ung und Rehabilitation einbezieht. Um Reibungsverluste zu vermeiden, sollten Krankenhäuser, Haus- und Fachärzte Therapien besser untereinander abstimmen. Technisches Herzstück der integrierten Versorgung ist eine zentrale elektronische Patientenakte, auf die alle an der Behandlung beteiligten Gesundheitsberufe zugreifen können. Mit dieser Innovation gewann das „Gesunde Kinzigta“ Ende Oktober den Wettbewerb „Intelligente Regionen Deutschlands“ des Bundeswirtschaftsministeriums.

Keine schnellen Gewinne

Die Grundidee zu „Gesundes Kinzigtal“ stammte vom örtlichen Ärztenetz MQNK und der Hamburger Management- und Beteiligungsgesellschaft Optimedis AG. Geschäftsgrundlage ist ein Vertrag zur Integrierten Versorgung nach § 140 a SGB V mit der AOK Baden-Württemberg und der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG).

60 Haus- und Fachärzte aus dem Kinzigtal sowie rund 10 000 Versicherte sind aktuell in den Vertrag eingeschrieben. Vergütet werden die teilnehmenden Ärzte vorwiegend über den EBM. Dazu kommen Zusatzvergütungen für vereinbarte Leistungen. Das Versorgungsmodell an sich wird über Einsparungen im Vergleich zur Regelversorgung finanziert, die sich durch eine koordiniertere Behandlung, die Vermeidung von Krankenhauseinweisungen, eine rationalere Arzneimitteltherapie sowie bessere Präventions- und Behandlungsangebote ergeben. 2015 belief sich die Summe, die sich die Vertragspartner teilen konnten, auf rund 5,5 Millionen Euro, die zum Teil in das Projekt reinvestiert wurden. „Unser Ziel ist, durch eine optimierte Gesundheitsversorgung und Prävention einen wirtschaftlichen Nutzen zu erzielen und nicht einfach Leistungen zu kürzen“, sagt Saskia Hynek, Leiterin Kommunikation bei „Gesundes Kinzigtal“. Kurzfristige Gewinne ließen sich mit einem Modell wie diesem gar nicht realisieren: „Dazu braucht man eine langfristige Perspektive.“ Die gibt es. Denn AOK und SVLFG haben den Vertrag zur Integrierten Versorgung Anfang des Jahres unbefristet verlängert.

Training für chronisch Kranke: An den Kursen in der Trainingswelt nehmen erstaunlich viele Männer teil. Sporttherapeut Patrik Bothor betreut auch die Fläche mit den Geräten.
Training für chronisch Kranke: An den Kursen in der Trainingswelt nehmen erstaunlich viele Männer teil. Sporttherapeut Patrik Bothor betreut auch die Fläche mit den Geräten.

Zu den bisherigen Gesundheitsprogrammen sind weitere Geschäftsfelder hinzugekommen: die Gesundheitsberatung durch nichtärztliche Fachkräfte, ein Selbstmanagementprogramm für chronisch Kranke, eine Gesundheitsakademie mit Vortragsangeboten für Angehörige von Gesundheitsberufen und die Bevölkerung sowie die Trainingswelt in Hausach. In das knapp 6 000 Einwohner zählende Schwarzwald-Städtchen ist die Geschäftsstelle der „Gesundes Kinzigtal“ GmbH vor kurzem umgezogen. Der moderne und helle Neubau der „Gesundheitswelt“ an der Hauptstraße beherbergt in der ersten Etage die Trainingswelt.

Ulrike Wust kommt zweimal die Woche zum Training.
Ulrike Wust kommt zweimal die Woche zum Training.

Aktiv werden und bleiben

Hierher kommt Ulrike Wust seit März dieses Jahres zweimal die Woche zum Training. „Ich wollte Rü-ckentraining und Muskelaufbau machen“, erklärt die 76-Jährige, der Asthma und ein chronisches Rückenleiden seit Jahren zu schaffen machen. Sie habe sich zunächst im Fitnessstudio erkundigt, sagt Wust: „Aber das ist nicht meine Welt.“ Die resolute Rentnerin schätzt an dem Sportangebot von „Gesundes Kinzigtal“ vor allem die persönliche Betreuung. Nach einem Gesundheits-check hätten die Sporttherapeuten ein auf sie zugeschnittenes Trainingsprogramm entworfen. Ein Chip, den sie an einem Band um den Hals trägt, steuert die Gewichte und prüft, ob sie ihre Übungen korrekt ausführt. „Ich habe mich in den letzten Monaten von der Kraft her ständig verbessert. Ich fühle mich sehr gut“, sagt Wust. Sie leide kaum noch unter Atem- oder Rückenbeschwerden. Dadurch benötige sie auch weniger Medikamente. „Ich brauchte vorher regelmäßig Cortison und teure Stromwellenbehandlungen gegen meine Rückenschmerzen. Das brauche ich jetzt nicht mehr.“ Was Wust nicht versteht, ist, dass sie von ihrer Krankenkasse keinen Zuschuss für das Fitnessprogramm in der Trainingswelt erhält. Die monatlich 45 Euro für das Training bezahlt sie aus eigener Tasche.

Dass die meisten Kassen individuelles Training nicht bezuschussen, bedauert auch Sporttherapeut Patrik Bothor. „In der Trainingswelt werden die Kunden entsprechend ihrer Diagnose einzeln in das Training eingeführt.“ Auch hier könne man Handlungskompetenz im Umgang mit der eigenen Gesundheit vermitteln. Bothor ist es wichtig, das Angebot der Trainingswelt von dem der örtlichen Sportvereine und Fitnessstudios abzugrenzen. „Wir bieten hier keine Zumbakurse an“, sagt er. Es gehe eher um Sekundärprävention wie Sturzprophylaxe oder Beckenbodentraining und Rehasport.

„Unsere Zielgruppe sind chronisch kranke Patienten. Sie sollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv werden und bleiben“, erklärt auch Dr. med. Arthur Feyrer. Der Orthopäde war von Anfang an in die Konzeption und Ausstattung der Trainingswelt eingebunden. Er betont aber auch, dass die Trainingsangebote nicht auf Hausach beschränkt sind. „Mit jedem Kilometer, den sie fahren müssen, wird es schwieriger, die Menschen zu motivieren“, sagt Feyrer. Deshalb organisiere man auch dezentrale Angebote über die Physiotherapeuten in anderen Orten im Tal.

„Gesundes Kinzigtal“ versteht sich als „Entwicklungslabor“ nicht nur für neue Versorgungs-, sondern auch für neue Vergütungsformen. Deshalb soll von 2018 an die Gesamtvergütung der baden-württembergischen Ärzte um die Summe für die eingeschriebenen AOK-Versicherten bereinigt werden. Für diese erhalten die Kinzigtaler Ärzte ihr Honorar von der Managementgesellschaft. „Wir wollen ein neues Vergütungssystem aufbauen, das stärker auf Pauschalen setzt“, erklärt Ulf Werner, Leiter Kommunikation der Optimedis AG.

Bald mit eigenem Budget

Der Vertragspartner AOK betont, die „Gesundes Kinzigtal“ GmbH trage die finanzielle Verantwortung für das gesamte Kinzigtal, unabhängig davon, ob es sich um AOK-Versicherte handle, die an der Integrierten Versorgung teilnehmen, oder nicht. Insofern sei es konsequent, perspektivisch den Versorgungsbedarf zu bereinigen und ein Budget zur Verfügung zu stellen, mit dem die Managementgesellschaft die Versorgung zusammen mit der AOK sicherstelle. „Die Vergütungsstrukturen der Regelversorgung sind stark ärztlich kurativ ausgerichtet, mit einem freien Budget können Umschichtungen zu einer präventiven und stärker bio-psychosozialen Versorgung erfolgen“, erklärt ein Sprecher der AOK Baden-Württemberg.

Und wie beurteilt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg diesen Eingriff in ihr Kerngeschäft? Dort gibt man sich entspannt. Die KV habe das „Gesunde Kinzigtal“ immer unterstützt, erklärt deren Sprecher Kai Sonntag: „Kooperation ist eine begrüßenswerte Maßnahme. Wenn Ärzte sich vernetzen, bietet das die Möglichkeit, dass Patienten besser versorgt werden.“

Vernetzung allein reicht nicht

Völlig unabhängig vom „Gesunden Kinzigtal“ warnte Sonntag allerdings davor, nur Vernetzung allein bereits als ausreichend zu sehen. Es müsse immer geprüft werden, was genau Gegenstand solcher Versorgungsmodelle sei, wie die Vernetzung funktioniere und welchen Umfang die Kooperation habe. Kritisch sieht die KV Sonntag zufolge die finanzielle Förderung von Netzen, wie sie das GKV-Versorgungsstrukturgesetz eingeführt hat. Danach müssen die KVen für anerkannte Praxisnetze gesonderte Vergütungsregelungen vorsehen, die aus der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung zu bezahlen sind. „Dagegen wehren wir uns, weil wir nicht erkennen können, warum die nicht vernetzten Ärzte hier etwas bezahlen sollen“, so Sonntag.

Derweil erwägt die AOK die Ausschreibung ähnlicher Projekte wie „Gesundes Kinzigtal“ für weitere Regionen. Welche das sein sollen, lässt die Kasse offen, „damit sich möglichst viele Initiativen aus unterschiedlichen Regionen bewerben können“, heißt es. Man wolle prüfen, ob dieser Versorgungsansatz multiplizierbar sei. Auch will die AOK engagierten Akteuren, die regional bereits enge Kooperationsstrukturen geschaffen haben, Entwicklungschancen einräumen. „Wir gehen nicht davon aus, dass der Ansatz ,Kinzigtalʻ staatlich oder anderweitig verordnet beziehungsweise von oben gestaltet werden kann“, erklärt der AOK-Sprecher. Es gehe darum, „Möglichkeitsräume“ zu eröffnen.

Heike Korzilius

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