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Psychotherapiepraxis: Diskussion und Klarstellung gefordert

PP 15, Ausgabe Dezember 2016, Seite 562

Andritzky, Walter

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In dieser Schau möglicher psychologischer Tätigkeiten für Psychologische Psychotherapeuten (PP) wurden einige recht grundlegende Aspekte leider kaum behandelt: Wie steht es um die Zuständigkeiten der Psychotherapeutenkammer (PTK), wenn ein PP zum Beispiel gegen Entlohnung gerne zehn Stunden pro Woche als Schreiner tätig sein möchte, da er dies einmal gelernt hat? Übt dann die PTK Aufsicht aus, da der PP für diese Tätigkeit „Kenntnisse und Fähigkeiten, die Voraussetzung für eine Approbation waren, einsetzt oder auch nur einsetzen kann oder mitverwenden kann“ (§ 2 Abs. 1 S. 1 HKG). Diese zweifelsohne absurde, von jeglicher Fachlichkeit befreite Formulierung, die eine Pflichtmitgliedschaft (und Beitragspflicht für diese Tätigkeiten) in einer PTK begründen soll (OVG Lüneburg vom 7. August 2008; 8 LC 18/08) bedeutet nichts anderes, als dass die Anwendung jeglichen Wissens, das Voraussetzung (!) für eine Approbation war (auch des Studiums), die PTK auf den Plan rufen, es handelt sich daher um eine Art „Leibeigenentheorie“. Ausnahmen soll lediglich eine „berufsfremde Tätigkeit sein, die in keinem Zusammenhang mehr mit der psychotherapeutischen Ausbildung steht“ (OVG Lüneburg, Urteil vom 26. April 2007; 8 LC 13/05). Der aufmerksame Leser wird schon hier Widersprüche zur obigen Formulierung entdecken.

Die Frage stellt sich für mehrere der im Aufsatz von Herrn Gross benannten Tätigkeiten, zum Beispiel bei der Tätigkeit als Gerichtsgutachter, sei es im Familien-, Straf- oder Sozialrecht. Für diese Tätigkeiten ist grundsätzlich keine Approbation oder psychotherapeutische Qualifikation erforderlich, – ebensowenig wie für Coaching oder Unternehmensberatung.
In welchem Verhältnis stehen sie also zur Berufspraxis als PP? Werden sie dazu, indem der PP sie unter dieser Berufsbezeichnung nach außen erkennbar ausführt (sogenannte Impressionstheorie) oder auch, wenn er sie ausdrücklich „nur“ als „Dipl.-Psych.“ ausübt?

Praktisch noch bedeutsamer ist die Frage, wie es sich verhält, wenn ein PP auch als Heilpraktiker Psychotherapie zugelassen und mit den damit verbundenen andersartigen „Freiheiten“ parallel zur Tätigkeit als PP tätig ist. Gilt dann PsychThG oder HPG? Während die PTK nach Möglichkeit der genannten Formulierungen quasi jede Tätigkeit und Einkommen eines PP unter ihre Domain subsumieren möchten, wäre Art. 12 des GG gegenüberzustellen, das heißt, es muss möglich sein, Tätigkeiten, für welche keine Approbation erforderlich ist, auch in freier Berufsausübung zu betreiben. Diese Fragen bedürfen noch eingehender (verfassungsrechtlicher) Diskussion und Klarstellung, um für PP Rechts- und Handlungssicherheit zu gewährleisten. Es geht hier weniger um die Frage „Psychotherapiepraxis als Unternehmen“, sondern um den „Psychotherapeuten in verschiedenen Geschäftsfeldern“.

Dr. phil. Walter Andritzky, 40629 Düsseldorf

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