ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2016Bericht an den Gutachter: An die Hand genommen

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Bericht an den Gutachter: An die Hand genommen

PP 15, Ausgabe Dezember 2016, Seite 571

Evenkamp, Lale

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Es ist wieder so weit. Das Kontingent der Kurzzeittherapie ist so gut wie aufgebraucht, mein Patient braucht unbedingt weitere Stunden Psychotherapie und mindestens drei Stunden von meinem ersehnten Wochenende werden für den Bericht an den Gutachter „draufgehen“ – noch dazu bei geringer Vergütung. Wenn ich meinen Widerstand vorweg dazurechne, sind es viele weitere Stunden verlorene Lebensqualität. Ich muss also schneller und besser werden. Und dann gut genug sein, mir vom Gutachterverfahren keinen Druck mehr machen zu lassen, keine Angst vor einer Ablehnung zu haben, vielleicht sogar Freude im Wettkampf gegen die Zeit zu empfinden. Mein Ehrgeiz ist geweckt und ich bin erstmals intrinsisch motiviert. Ich widme mich also der Neuerscheinung in diesem Bereich – zunächst ebenfalls mit Widerstand. Aber nach einer Abwägung zwischen kurz- und langfristigen Konsequenzen weiß ich nun, dass ich es angehen werde.

Das Buch ist da. 344 Seiten inklusive Anhang erschlagen mich zunächst. Der Blick ins Buch zeigt aber eine klare Strukturierung, eine angenehme Schriftgröße, Tabellen, Diagramme, farblich abgesetzte Passagen, motivierende Absätze, Zusammenfassungen. Nachdem ich die motivierende Einleitung gelesen habe, gibt meine nun angefachte Selbstwirksamkeitserwartung den Startschuss. Die Autorin holt mich genau dort ab, wo ich emotional an „Antrags-Wochenenden“ immer wieder stehe. Ich fühle mich verstanden, atme auf und lese weiter. Nach einem Pro und Kontra des Gutachterverfahrens kann auch ich meiner narzisstischen Kränkung darüber nachgeben und finde eine Balance. Wie sollte ich sonst motiviert werden ...?

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Chronologisch, wie es sich für den Bericht gehört, werden die Punkte bearbeitet. Von der Grammatik bis zum Ausschluss von Interpretationen, über Hilfen für den psychischen Befund – die gesamte Thematik ist im Buch detailliert und vollständig behandelt. Besonders viel Raum widmet Esther Bockwyt dem Kernstück des Berichts: der Verhaltensanalyse. Die von der Autorin selbst entwickelte „ätiopathogenetische Tabelle“, die geordnet zusätzlich mögliche Inhalte zur Erklärung der Problematik meines Patienten bereitstellt, hat mich besonders beeindruckt. Auch Diagnosevergabe und Therapieplanung werden intensiv beleuchtet. Angenehm bei all dem ist der sympathische Sprachstil. Ich fühle mich an die Hand genommen und kann meinen nächsten Anträgen mit mehr Zuversicht und vor allem Leichtigkeit entgegen blicken. Lale Evenkamp

Esther Bockwyt: Der verhaltenstherapeutische Bericht an den Gutachter. Schattauer Verlag, Stuttgart 2016, kartoniert, 365 Seiten, 39,99 Euro

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