ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1999Organentnahme: Überzeugungsarbeit an der Nahtstelle zwischen Leben und Tod

THEMEN DER ZEIT: Reportage

Organentnahme: Überzeugungsarbeit an der Nahtstelle zwischen Leben und Tod

Dtsch Arztebl 1999; 96(31-32): A-2014 / B-1702 / C-1598

Loosen, Hans-Werner

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LNSLNS Einblick in den Alltag von Elke Backhaus, der Koordinatorin der Deutschen Stiftung für Organtransplantation
Auf dem Flur vor der Intensivstation weint ein früh ergrauter Mann um seine Frau. "Wir haben unser Leben lang immer nur gegeben, nun ist es genug." Elke Backhaus versteht. Sie kondoliert und geht, sprachlos, betroffen. Sie hat nur ihre Pflicht getan, als sie den Witwer ansprach. Jahr für Jahr stellt die Koordinatorin der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) etwa 30 trauernden Angehörigen in 37 Krankenhäusern die eine Frage: "Stimmen Sie einer Spende zu?"
"Wenn alle Hirnstammreflexe und das Atemzentrum unwiederbringlich ausgefallen sind, ist das Leben erloschen", weiß Elke Backhaus, die seit 1990 um Organe von Toten bittet, die Leben retten können. Zeichnet die Nadel des Elektroenzephalogramms eine horizontale Linie, ist der Mensch tot - selbst wenn das Herz noch schlägt. Nachdem ein Intensivmediziner und ein Neurologe - unabhängig voneinander - den Hirntod festgestellt haben, klingelt das Telefon im Büro der Deutschen Stiftung für Organtransplantation an der Universitätsklinik auf dem Bonner Venusberg, das Elke Backhaus sich mit ihrem Kollegen Bernd Salz teilt.
Mission am Totenbett
Beide sind per Computer mit Eurotransplant im holländischen Leiden verbunden, überprüfen die Protokolle und informieren sich über Tote, die für Laien gar nicht tot scheinen: Eine Maschine beatmet die Lungen, der zugeführte Sauerstoff läßt das Herz schlagen. Das pumpende Herz besorgt die Zirkulation des Blutes; Luftpolster umhüllen den leblosen Körper und halten die Körpertemperatur auf 37 Grad. Wenn das Herz kein Blut mehr pumpt, werden die Organe, die Leben retten können, unbrauchbar. Elke Backhaus erfüllt ihre Mission am Totenbett, im Besucherraum oder im Park: Sie redet mit den Angehörigen. "Erst wenn sie verstanden haben, was Hirntod bedeutet, kann ich mit ihnen sprechen", sagt sie. "Sie müssen begreifen, daß die Geräte ihnen etwas vorgaukeln, das nicht mehr da ist." Dann und wann hört sie die Frage, wie denn der Tote "hinterher" aussehe. Die Antwort: "Was bleibt, ist ein sauber zugenähter Schnitt wie nach einer großen Bauchoperation."
Die Frau an der Nahtstelle zwischen Leben und Tod erinnert sich dankbar an Fälle wie diesen: Ein 33jähriger Mann starb, vier Tage nachdem er mit seinem Auto gegen einen Baum gerast war. Seine Eltern und sein Bruder hatten "keinen Zweifel, daß die Ärzte alles getan haben, das Leben zu retten". Mit Worten, die Elke Backhaus oft gehört hat, stimmten sie der Organentnahme ohne Einschränkung zu: "Das ist wohl das einzige, das dem Tod die Sinnlosigkeit nimmt."
Mehr als 13 000 Menschen warten in Deutschland auf ein neues Organ. Jährlich rund 900 000 Tote sind statistischer Durchschnitt. Von den etwa 5 000 Hirntoten wäre jeder zweite als Spender geeignet. Dennoch: Jeder vierte Patient, der ein neues Herz oder eine neue Leber benötigt, stirbt innerhalb der Wartezeit, die seine Lebensqualität erheblich beeinträchtigt. Auf den Wartelisten haben Patienten mit akuter oder absehbarer Lebensgefahr Priorität. Aussichtslose Fälle werden erst gar nicht aufgenommen. Die Bundes­ärzte­kammer verspricht: Organe kommen nur aus Ländern, die den Hirntod nach deutschen Richtlinien feststellen. Es gibt inzwischen eine zunehmende Kooperation mit Ländern des ehemaligen Ostblocks, die westlich orientiert sind.
Eurotransplant im holländischen Leiden registriert zentral Patienten, die neue Organe benötigen, und erhält Meldungen über die Organspenden. Der Computer prüft Angebot und Bedarf, gleicht Blut- und Gewebetypen ab, berücksichtigt die Dringlichkeit der Transplantation und meldet das aktuelle Angebot der entsprechenden Klinik. Nach dem tödlichen Unfall einer österreichischen Spenderin dauerte es nur wenige Stunden, bis ihr Herz in der Brust eines belgischen Lehrers schlug, ihre Nieren einen Tag später in einem deutschen Bauern arbeiteten und ihre Hornhäute zu einem holländischen Kind unterwegs waren.
Das neue Transplantationsgesetz erlaubt Entnahmen, wenn die schriftliche Zustimmung des möglichen Spenders vorliegt. Fehlt sie, ist der nächste Angehörige nach der Haltung des Verstorbenen zum Thema Organspende zu befragen. Wenn sich der tatsächliche Wille des Betroffenen nicht ermitteln läßt, kann der nächste Angehörige - unter Beachtung des "mutmaßlichen Willens" des Spenders - einer Organentnahme zustimmen. Schriftlicher Widerspruch schließt die Organentnahme aus.
Das Transplantationsgesetz schreibt allen 1 400 Kliniken mit Intensivstationen eine Meldepflicht für Hirntote vor. Dennoch: 1998 hat die Zahl der Transplantationen gegenüber dem Vorjahr bundesweit nur um 2,1 Prozent auf 3 918 zugenommen. Die Statistik ist geschönt - durch zunehmende Bereitschaft von Lebendspenden bei Nieren und das auf 70 Jahre angehobene Alter der Spender.
Die Transplantation einer Niere kostet 90 000 DM, einer Lunge 90 000, eines Herzens 130 000 und einer Leber 200 000 DM. Die sinnvolle Übertragung einer Bauchspeicheldrüse ist 40 000 DM teuer, wird aber von den Kostenträgern nicht erstattet. Die chirurgische Faustregel: Herzverpflanzungen sollten vier bis sechs Stunden nach dem Tod des Spenders abgeschlossen sein. Für Lebern bleiben höchstens 20 Stunden, für Nieren bis zu 50 Stunden. Hornhaut-Transplantationen sind noch nach mehreren Wochen möglich. Deshalb werden Nieren und Bauchspeicheldrüsen per Bahn oder Auto in Kühlboxen befördert, Herzen und Lebern in Charterjets.
1998 wurden in Deutschland 2 340 Nieren verpflanzt, 91 mehr als 1997. Dennoch warten 11 000 auf ein Ersatzorgan. 343 Nieren (15 Prozent) kamen von lebenden Spendern. Das Gesetz läßt diese Form der Spende ausschließlich zwischen Familienangehörigen und sich besonders nahestehenden Personen zu. Die Zahl der Lungen­trans­plan­ta­tionen stieg um elf auf 131. Bei der Übertragung von Bauchspeicheldrüsen gab es einen deutlichen Anstieg um 25 Prozent auf 183. Die Verpflanzungen von Herzen gingen hingegen um 20 auf 542 zurück, die von Lebern um 40 auf 722.
Kostenlose Information
Die Erfolge sind meßbar: Eine transplantierte Niere funktionierte 28 Jahre und elf Monate, eine Leber 22 Jahre, ein Herz schlug 20 Jahre und sechs Monate, eine Bauchspeicheldrüse arbeitete 18 Jahre und fünf Monate.
Elke Backhaus wirbt für die Auseinandersetzung mit der Thematik und für Organspenderausweise, die Komplikationen vermeiden helfen. Sie selbst besitzt drei - "einen für jede Tasche". Und sie weist auf kostenlose Informationen unter der Telefonnummer 130 - 91 40 40 hin: "Die Deutsche Stiftung für Organtransplantation ist montags bis freitags von neun bis 17 Uhr besetzt."
Das Einzugsgebiet der Uni-Klinik Bonn, eines der 42 Transplantationszentren in Deutschland, reicht bis Koblenz. Hier leben zirka 1,5 Millionen Menschen. 170 benötigen dringend ein neues Organ, indes: Im vergangenen Jahr gab es ganze 22 Einwilligungen für Organentnahmen. Seit 1992 sind in Bonn 140 Lebern verpflanzt worden - und seit 1983 360 Nieren, seit 1998 13 Nieren kombiniert mit Bauchspeicheldrüsen. Prof. Andreas Hirner (Direktor der Chirurgischen Klinik) und Oberarzt Andreas Müller, gemeinsam mit dem Transplantationszentrum Bonn (zuständig für das Transplantationsprogramm von Leber und Bauchspeicheldrüse), werben wie Elke Backhaus um Organspenden. Die Knappheit sei "nicht nur auf die mangelnde Bereitschaft der Bevölkerung" zurückzuführen, sagen die Ärzte; es gäbe "noch größere Ressourcen, aber auch eine mangelnde Bereitschaft vieler Krankenhäuser".
Die Hirntod-Diagnostik, die sinnlos gewordene Intensiv-Therapie beendet, sei "mehr als 40 Jahre alt", wehrt Chefarzt Hirner sich gegen Kritiker, die behaupten, sie sei entwickelt worden, um Organe entnehmen zu können: "Es gab sie viele Jahre, bevor in Deutschland die ersten Organe entnommen wurden, um Leben zu verlängern und wieder lebenswert zu machen." Und: "Wir könnten bessere Medizin machen und viel mehr Menschen helfen, wenn wir mehr Spenderorgane hätten." Hans-Werner Loosen
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