ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2016Von schräg unten: Unzufrieden

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Unzufrieden

Dtsch Arztebl 2016; 113(50): [64]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist so schmerzhaft wie ein undrainierter Abszess, aber ich muss leider feststellen: Unsere Patienten lieben uns nicht mehr. Geschmäht werden wir in Ärzteportalen, bespuckt und beleidigt in Praxen und Notfallambulanzen. Wie konnte es soweit kommen? Der Ton ist rau geworden, der Umgang unbarmherzig, die Klagen katastrophal. Sind wir wirklich so miserabel, machen wir alles falsch, ist es anderen Ortes vielleicht viel besser? Suhlen wir uns somnambul in der selbstgefälligen Zufriedenheit, Leiden zu lindern und Leben zu verlängern, oder sollten wir lieber demütig unsere Häupter beugen und von anderen medizinischen Versorgungsformen lernen?

Hierzu höre ich heute einen mir seit langem bekannten Patienten, der sich kürzlich zwecks Urlaub im ländlichen Indien aufhielt. „Herr Doktor Böhmeke! Das können Sie nicht glauben! Ich hatte plötzlich Rhythmusstörungen bekommen, es ging mir total dreckig. Ich habe Stunden gebraucht, bis ich einen Arzt in der nächsten Großstadt am Telefon hatte, und der wollte mir gar nicht helfen, schon gar nicht vorbeikommen, wissen Sie, was der zu mir gesagt hat?!“ Nö. In Deutschland hätte er wohl einen RTW geschickt, wenn er selbst nicht vorbeikommen kann. „Von wegen! Er sagte ganz patzig: Wir schicken Ihnen noch nicht einmal einen Leichenwagen vorbei!“ Oh. Das wäre hierzulande ein Fest für karrierebewusste Staatsanwälte. „Aber ich wusste mir zu helfen: Ich habe doch tatsächlich den Oberarzt in die Leitung gekriegt, der mich vor einem halben Jahr in Deutschland betreut hat.“ Soll noch einer mal sagen, die Ärzte in unserer schönen Republik wären nicht ansprechbar. „Und der hat mir gesagt, welche Medikamente ich nehmen soll, die habe ich mir besorgt, und dann wurde alles wieder gut!“ Schön für ihn.

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Und wo hat er die Medikamente her? „Ach, in Indien ist das nicht so kompliziert wie in Deutschland.“ Soso. „Ja, da kriegen Sie alles!“ Was er nicht sagt. Auch rezeptpflichtige Arzneimittel? „Äh... ja, die kriegt man, wie soll ich sagen, natürlich auch.“ So wie bei uns, mit ordnungsgemäßer Unterschrift und Dosierungsangabe? „Naja, nicht ganz“. Verstehe. Diese speziellen Rezepte sind bunt bedruckt, vor allem mit einer gut sichtbaren Zahl in ausreichender Höhe. „Genau, sie haben‘s erfasst! Aber es ist in Indien nicht nur unkompliziert, Sie kriegen dort auch Wundermittel, hier, ich habe Ihnen das mal mitgebracht, lesen Sie den Waschzettel, Sie verstehen doch was davon!“ Hm. „Na, was sagen Sie dazu?!“ Ich glaube nicht, dass dieses Mittel Wunder bewirken kann. „Ach, Sie kritteliger, schnöseliger Schulmediziner. Sie müssen mal über den Tellerrand gucken!“ Würde ich ja gerne. Aber ich bin immer noch nicht überzeugt, dass es tatsächlich ein Wundermittel ist. „Wie? Warum denn nicht?!“ Ich lese jetzt schon zum dritten Mal den Zettel durch und kann immer noch kein Hindi. „Haha! Dann muss ich dem gescheiten Herrn Doktor das mal erklären! Das Zeug hilft nämlich sofort, besonders bei kurz anhaltenden Beschwerden, völlig egal, woher die kommen!“ Nein! Das ist ja unerhört! „Doch, doch, das steht auch da drin!“ Ich verstehe aber immer noch kein Hindi. „Jetzt kommt‘s: Auch bei Herzinfarkt soll es wirken!“ Nein! „Doch! Da könnt ihr einpacken, ihr mit euren Ballons, mit denen ihr die Arterien durchpustet!“

Oje. Tausende Invasivkardiologen vor dem Aus. „Und diese blöden Bypässe sind von gestern!“ Meine Güte. Unzählige Chirurgen, arbeitslos auf der Straße streunend, wie furchtbar. Aber sagen Sie mal, wie soll das denn funktionieren? „Ganz einfach: Sie haben einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt, nehmen das Mittel und: Zack! Alles, alles ist vorbei.“

Dr. med.Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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