ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1999Aktuelle Möglichkeiten zur Behandlung der männlichen Glatzenbildung

MEDIZIN: Editorial

Aktuelle Möglichkeiten zur Behandlung der männlichen Glatzenbildung

Dtsch Arztebl 1999; 96(31-32): A-2019 / B-1743 / C-1620

Wolff, Hans; Trüeb, Ralph M.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Etwa jeder zweite Mann entwickelt im Lauf seines Lebens eine androgenetische Alopezie. Diese kann definiert werden als androgeninduzierter, genetisch geprägter Prozeß, der gekennzeichnet ist durch eine zunehmende Verkürzung des Haarwachstumszyklus mit einer progressiven Haarfollikel-Miniaturisierung. Gerade jüngere Männer fühlen sich dadurch sehr gestört und suchen intensiv nach Therapiemöglichkeiten. Obwohl seit jeher viele Präparate und Methoden gegen die männliche Glatzenbildung angeboten wurden (5), gibt es nur wenige, die medizinisch evaluiert worden sind.
Die größte Zahl an wissenschaftlichen Studien existiert zur örtlichen Anwendung von zwei- oder fünfprozentiger Minoxidillösung. Die zweiprozentige Minoxidillösung*1 wurde 1988 als erstes Haarwuchsmittel in den USA von den Gesundheitsbehörden zugelassen und ist dort, wie auch in vielen europäischen Ländern, mittlerweile frei verkäuflich. Die Lösung muß zweimal täglich angewendet werden. In Deutschland scheiterte das Zulassungsverfahren bisher, so daß die Minoxidillösung nur im Rahmen eines Heilversuchs rezeptiert werden kann. Neuere Studien ergaben, daß die fünfprozentige Minoxidillösung wirksamer ist als die zweiprozentige Lösung, aber auch häufiger Nebenwirkungen verursacht: So sind bei etwa 5 bis 10 Prozent der Anwender Rötung, Schuppung und Juckreiz an der Kopfhaut zu erwarten. Eine kritische Wertung der anfänglich sehr optimistischen Studien läßt bei etwa 20 bis 40 Prozent der Männer einen Stopp des Haarausfalls und bei etwa 10 bis 20 Prozent der Männer ein Wiederwachstum kräftiger Terminalhaare erwarten (1, 4).Andere topisch zu verwendende Substanzen wie 17a-Estradiol*2 oder 2,4-Diaminopyrimidinoxid* haben in kleineren, mehrheitlich offenen klinischen Studien eine Erhöhung der Anagenhaarraten um weniger als zehn Prozent im Trichogramm bewirkt (2). Zudem wurde nicht objektiv überprüft, wie sich das Erscheinungsbild der Probanden stabilisiert oder verändert hat.
Die Eigenhaartransplantation sollte in der Regel erst bei Männern über 30 Jahren durchgeführt werden. Sie kann bei richtiger Indikationsstellung gute Ergebnisse bringen, kostet je nach Behandlungsareal jedoch 5 000 bis 30 000 DM und ist nicht selten als Eingriff an der Kopfhaut erkennbar.
Systematische Therapie mittels Finasterid
Die Finasterid-1mg-Tablette*3 blockiert das Enzym 5-a-Reduktase Typ II. Das Enzym ist unter anderem dafür verantwortlich, daß Testosteron in den Zellen des Haarfollikels in das für die androgenetische Alopezie des Mannes entscheidende Dihydrotestosteron (DHT) umgewandelt wird. Eine kürzlich veröffentlichte doppelblinde, plazebokontrollierte Studie an 1 215 Männern konnte zeigen, daß eine tägliche Finasterid-1mgTablette durch Senkung des DHT-Spiegels den fortschreitenden Haarverlust bei über 80 Prozent der Anwender stoppen kann (3, 6). Von einem nach Therapie geblindeten Expertengremium wurde die optische Haardichte nach zwölf Monaten bei 48 Prozent, nach 24 Monaten bei 66 Prozent der Finasterid-Probanden als verbessert eingestuft. In der Plazebogruppe waren es jeweils sieben Prozent. Wurde Finasterid abgesetzt, fielen die neu hinzugekommenen Haare wieder aus. Nebenwirkungen wie Verminderung von Libido, Erektionfähigkeit oder Ejakulatvolumen lagen in ihrer Inzidenz jeweils unter zwei Prozent und unterschieden sich nicht signifikant zwischen Finasterid- und Plazebogruppe. Vorausgegangene Studien zeigten für die Finasteriddosis von 1 mg keine Einschränkung der Samenqualität und keine Häufung von Gynäkomastien.
Aufgrund möglicher Differentialdiagnosen sollten bei jedem Patienten mit Haarausfall Beratung und Therapie in Zusammenarbeit mit Dermatologen erfolgen. Das realistische Therapieziel bei der androgenetischen Alopezie des Mannes ist primär der für die Behandlungsdauer begrenzte Erhalt des vorhandenen Haarbestandes und in weit geringerem Umfang die zeitweise Umkehr der Haarfollikelregression.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-2019-2020
[Heft 31-32]


Literatur
1. De Groot A, Nater JP, Herxheimer A: Minoxidil: Hope for the bald? Lancet 1987; 329: 1019-1022.
2. Heidecker B, Scherrer-Hertrich B, Trüeb RM. 2,4-Diamino-pyrimidin-3-oxid (Aminexil) in der topischen Behandlung der androgenetischen Alopezie. H+G 1998; 73: 682-686.
3. Kaufman KD, Olsen EA, Whiting D et al.: Finasteride in the treatment of men with androgenetic alopecia (male pattern hair loss). J Am Acad Dermatol 1998; 36: 578-589.
4. Savin RC, Atton AV: Minoxidil. Update on its clinical role. Dermatol Clin 1993; 11: 55-64.
5. Trüeb RM: Von der Hippokratischen Glatze zum "Gen-Schampoo". Fortschritte der Trichologie im Jahrtausendwechsel. Akt Dermatol 1998; 24: 101-107.
6. Wolff H, Kunte C: Die Behandlung der androgenetischen Alopezie des Mannes mittels systemischer 5a-Reduktase-Hemmung. Hautarzt 1998; 49: 813-817.


Anschrift für die Verfasser
Priv.-Doz. Dr. med. Hans Wolff
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Klinikum Innenstadt der Ludwig-Maximilians-Universität
Frauenlobstraße 9-11
80337 München

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema