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Digitaler Medikationsplan: Aus dem Vollen schöpfen

Dtsch Arztebl 2016; 113(50): A-2287 / B-1883 / C-1859

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Verlässlich und gut lässt sich im Gesundheitsmarkt Geld verdienen. Das wissen im Umfeld von Patient und Arzt agierende klassische Unternehmen aus Pharma- und medizintechnischer Industrie. Das ist dann nicht schlimm, wenn auch Patient und Arzt etwas davon haben. Nämlich dann, wenn das, was entwickelt und verkauft wird, Krankheit bekämpft und Heilung unterstützt.

Dass selbst internationale digitale Großkonzerne in diesem Bereich ständig ihre Marktstrategien verbessern, um am „Füllhorn“ Gesundheitswesen teilzuhaben, ist ausreichender Beweis dafür, wie lukrativ dieser Markt heute schon ist oder künftig noch wird. Auch das ist kein Problem, solange es um die Bewältigung von Krankheit geht oder zumindest die Verursacher von zusätzlichen Kosten selbst dafür aufkommen.

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Dass das nicht immer der Fall ist, musste Deutschlands Gesundheitswesen in den zurückliegenden Jahren immer wieder erfahren. Jüngstes Beispiel ist die Diskussion um die Kosten für die digitale Erstellung des vom Gesetzgeber beschlossenen Medikationsplanes.

In einer auf der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV-VV) am 9. Dezember einstimmig beschlossenen Resolution lehnen Deutschlands niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten es ab, weiterhin die Kosten für Hard- oder Software-Anpassungen zu tragen, die durch Neuregelungen des Gesetzgebers entstehen. Bei der Implementierung des Medikationsplanes in die Softwaresysteme entstehen je Arzt Kosten in Höhe von bis zu 700 Euro. Das ist es, was der Gesetzgeber unter „gering einzuschätzen“ versteht, so die Begründung im E-Health-Gesetz.

Sicher: Der Gesetzgeber kann nichts gegen das Marktgebaren der Software-Hersteller, die in solchen Fällen ihre jeweilige Arbeit unternehmerisch nutzen. Sie wissen genau, dass solche Zahlen kaum dazu führen, dass Ärzte ihren Software-Anbieter wechseln. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie der Markt sich an solchen Stellen selbst regelt. Der Kunde ärgert sich, zahlt – und bleibt.

Dass der Gesetzgeber hier kein tieferliegendes Interesse daran hat, die Situation des niedergelassenen Arztes zu hinterfragen, ist an dieser Stelle kaum zu übersehen. Dabei ist es nicht schwer zu erfassen, dass die einschlägigen Software-Anbieter sich die aus den gesetzlichen Vorgaben erwachsenden Änderungen von ihren Kunden gut bezahlen lassen.

Die KBV-VV will jedenfalls mit ihrem Beschluss, „keine weiteren Softwarekosten für neue gesetzliche Vorgaben“ zu übernehmen, das Verursacherprinzip einfordern. Denn angesichts der in den kommenden Jahren gerade im Software-Bereich noch anstehenden Entwicklungen ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Aufwendungen, die für das Digitale einzusetzen sind, weiter zunehmen werden.

Das Verursacherprinzip ist im deutschen Gesundheitswesen übrigens kein Novum. Laut Krankenhausstrukturgesetz können Krankenhäuser dann, wenn kurzfristig Mehrkosten durch Beschlüsse des G-BA entstehen, mit den Krankenkassen vor Ort Zuschläge zur Refinanzierung dieser Kosten vereinbaren. Warum sollte das im Falle der vom Gesetzgeber verursachten Maßnahmen für niedergelassene Ärzte nicht gelten? Hier sind jetzt politische Zeichen gesetzt, die das Geschehen künftig anders betrachten lassen. Mit Blick auf das Erwartbare hat das präventive Logik.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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    Alexander Wilms
    am Samstag, 11. Februar 2017, 15:25

    Software von der KBV?

    Sehr geehrter Herr Maibach-Nagel,

    Sie schreiben in Ihrem Kommentar, dass bei "der Implementierung des Medikationsplanes in die Softwaresysteme [..] je Arzt Kosten in Höhe von bis zu 700 Euro" entstehen. Dies ist leider nicht richtig. Korrekt ist, dass es auf das von der Ärztin oder dem Arzt eingesetzte Softwaresystem ankommt. Es gibt Hersteller, die sich diese neue Funktion haben bezahlen lassen, und in einigen Fällen durchaus auch fürstlich. Viele Hersteller aber haben die Funktionalitäten des Medikationsplans, die bei einigen Systemen nicht unerheblichen Anpassungsaufwand verursacht haben, ihren Kunden unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Es ist die unternehmerische Entscheidung jedes Herstellers, und das ist der Wettbewerb im Markt, dessen Fehlen Herr Gassen so beklagt.

    Gestatten Sie mir die Analogie - Sie fahren ein altes Auto, dass schon an einigen Stellen quietscht und scheppert, viel Benzin verbraucht und immer höhere Werkstattrechnungen verursacht. Gerade verlangt der Hersteller wieder viel Geld für die Nachrüstung eines Teils, dessen Einbau der Gesetzgeber verpflichtend gemacht hat. Würden Sie als Autofahrer vom ADAC verlangen, dass er für sie ein neues Auto entwickelt und Ihnen kostenlos anbietet?
    Sicherlich nicht. Wenn Sie die Nase voll haben von Ihrer alten Karre, dann werden Sie sich ein neues Auto kaufen. Lieben Sie Ihr altes Schätzchen, oder können Sie es aus vielerlei Gründen nicht entbehren, dann werden Sie die Rechnungen zähneknirschend zahlen. Genauso ist es mit der Praxissoftware. Die von Herrn Gassen gewünschte Möglichkeit zum Wechsel der Software existiert seit vielen Jahren und wird genauso lange von vielen Praxen genutzt.

    Und noch eins - die Anforderungen für den Medikationsplan kommen vom Gesetzgeber. Der papiergebundene Plan handelt sich um eine Übergangslösung, da die Einführung der Telematikinfrastruktur immer noch nicht absehbar ist. Das Verursacherprinzip würde bedeuten, dass der Gesetzgeber die Praxen finanziell unterstützt, wenn diese aufgrund gesetzlicher Änderungen neue Softwaremodule benötigen. Tatsächlich fordert die KBV aber nun, Software selbst zu entwickeln. Das war aber nicht das, was die VV gefordert hat, oder?

    Disclaimer: Alexander Wilms ist Geschäftsführer der RED Medical Systems GmbH, dem Anbieter der webbasierten Arztsoftware RED Medical, die ihren Kunden alle gesetzlichen Änderungen ohne Aufpreis zur Verfügung stellt.

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