ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2016Antibiotika: Umdenken erforderlich
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In dem Artikel wird ein unpassendes, teilweise militärisches Vokabular im Kontext mit Bakterien verwendet, das überholt und der Sache nicht dienlich ist: „Wettlauf mit den Bakterien“, „Die Wunderwaffe ‚Antibiotika‘ […] scheint stumpf geworden zu sein“, „Wichtig sei die richtige Strategie im Kampf gegen die Erreger“.

Ist denn ein Kampf gegen die Bakterien überhaupt medizinisch sinnvoll?

Der Einsatz von Antibiotika führt unbestritten zu immer neuen Resistenzbildungen bei Bakterien. Bakterien bevölkern sogar schon seit mindestens 3,4 (nicht wie beschrieben seit zwei) Milliarden Jahren die Erde. Es gibt praktisch keinen Lebensraum auf unserem Planeten, der nicht bakteriell besiedelt ist, einschließlich des menschlichen Körpers. Bakterien zeichnen sich gerade durch ihre extreme Anpassungsfähigkeit aus. Insofern ist es eine unausweichliche Konsequenz, dass sich Bakterien schnell vor unseren Mitteln schützen. Einen „Wettlauf mit den Bakterien“ können wir nicht gewinnen! Anstatt immer neue Antibiotika zu entwickeln, die entsprechende neue Resistenzen verursachen, sollte über einen grundsätzlich anderen Weg nachgedacht werden. Es ist gar nicht notwendig Bakterien zu „bekämpfen“!

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Was also ist die Alternative? Es geht um einen grundsätzlich neuen Ansatz im Umgang mit Bakterien: Ein Miteinander statt einer Bekämpfung.

Die neuere Mikrobiomforschung zeigt, dass praktisch alle Bereiche des menschlichen Körpers einschließlich Harnwege, Lunge oder Blutgefäße bakteriell besiedelt sind. Dort übernehmen Bakterien wesentliche physiologische Funktionen in der Verdauung, der Nährstoffversorgung der Körperzellen und dem Immunsystem, ohne die wir nicht lebensfähig wären.

Viele Bakterien des menschlichen Mikrobioms sind sogenannte pathogene Bakterien. Trotzdem erkranken nicht alle Menschen an einer Pneumokokken-Pneumonie oder an einer Clostridien-bedingten Enteritis. Dass sich Bakterien „untereinander bekämpfen“, ist nicht nachgewiesen, sondern menschliche Projektion. Entscheidend ist ein stabiles Gleichgewicht von Bakterien, Viren und Pilzen im menschlichen Körper. Dann können sich „pathogene Erreger“ nicht so stark vermehren, dass sie Erkrankungen auslösen.

Daher ist bei vielen Infektionskrankheiten eine Behandlung durch die Verabreichung von stabilisierenden Bakterien oder eine Änderung des Milieus möglich. Dazu gibt es sehr positive Erfahrungen, selbst mit der Behandlung durch Mikroorganismen bei Infektionen mit resistenten Krankheitserregern. Inzwischen kristallisiert sich heraus, dass auch die meisten „Zivilisationskrankheiten“ auf Mikrobiommängel zurückzuführen sind.

In der (Krankenhaus-)Hygiene können statt bakteriziden oder viruziden Desinfektionsmitteln Reinigungsmittel mit Mikroorganismen eingesetzt werden, die eine Flächenbesiedelung mit natürlicher Bakterienvielfalt fördern. Entsprechende Produkte gibt es bereits. Potenziale liegen auch in der Prävention durch die Unterstützung eines gesunderhaltenden Mikrobioms, das sich durch Artenreichtum, Fülle und Qualität auszeichnet. Hier spielen allem voran die Ernährung und die Hygiene eine große Rolle.

Dieser neue Ansatz in der Diskussion um die richtige Strategie im Umgang mit Bakterien und Resistenzentwicklung sollte endlich berücksichtigt und der bisherige Weg grundsätzlich überdacht werden. Ich bin davon überzeugt, dass der Ansatz, Bakterien nicht zu bekämpfen, sondern intelligent mit Bakterien zu arbeiten, langfristig der einzig mögliche ist.

Für die Umsetzung wären dann nicht „konzentrierte Maßnahmen von Staat, Wissenschaft, Gesellschaft und Industrie“ nötig, sondern ein Umdenken der Menschen. Vor allem von uns Ärzten.

Dr. med. Rolf Lorbach, 50823 Köln

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