ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2016Behandlung von Spenderlungen: Maschinenperfusion ermöglicht längere Ischämiezeit

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Behandlung von Spenderlungen: Maschinenperfusion ermöglicht längere Ischämiezeit

Dtsch Arztebl 2016; 113(50): A-2324 / B-1909 / C-1885

Siegmund-Schultze, Nicola

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Die Zeit zwischen Ex- und Implantation eines Organs ist ein kritischer Parameter bei Organtransplantationen: Die Ischämiezeit kann das Gewebe schädigen und die Organfunktion beinträchtigen. Andererseits kann eine gute Charakterisierung des Spenderorgans und optimale Auswahl und Vorbereitung des Empfängers das Gesamtergebnis verbessern, so dass der Faktor Zeit vor allem für überregionale Allokationsverbünde wie EUROTRANSPLANT oder große Länder wie die USA oder Kanada hohe Bedeutung hat. International und auch in Deutschland wird an Möglichkeiten geforscht, mit einer Optimierung von Konservierungsmethoden den Gesamtprozess zu verbessern.

Bei Lungen lassen sich die üblichen Ischämiezeiten von 5–6 Stunden durch Maschinenperfusion mehr als verdoppeln, ohne dass es zu Qualitätseinbußen des Organs käme oder sich Risiken für den Empfänger erhöhen würden. Das hat eine große retrospektive Studie an den Universitätsklinken Toronto und Lausanne ergeben (1). Das Prinzip: Die bislang meist übliche durchgehend kalte Konservierung wird durch eine Phase der normothermen Maschinenperfusion unterbrochen. Dabei wird das explantierte Organ belüftet unter gekühlter, statischer Konservierung vom Spender- zum Empfängerkrankenhaus transportiert, dort auf Körpertemperatur erwärmt und dynamisch mit einer sauer- und nährstoffhaltigen Perfusionslösung durchströmt (ex vivo Lungenperfusion (EVLP nach [2]). Das Organ bleibt in dieser Zeit (4–5 h) belüftet, wird intensiv untersucht und nach Diagnostik wieder gekühlt bis zur Implantation. Die Ischämiezeiten verlängern sich durch EVLP. Primärer Endpunkt der Studie war ein Vergleich des Gesamtüberlebens der Empfänger und der primären Transplantatfunktion 72 h nach Implantation bei Ischämiezeiten < und > 12 h.

Die Daten von 906 Patienten wurden analysiert. Bei 809 Empfängern betrugen die Ischämiezeiten < 12 h (Kontrollgruppe; 5 % EVLP), bei 97 Patienten > 12 h; 95 % der Lungen mit EVLP. Eine schwere primäre Dysfunktion des Transplantats trat in beiden Gruppen bei 10 % der Patienten auf, obwohl die Spenderorgane in der Gruppe > 12 h Ischämiezeit durchschnittlich mehr Vorschäden hatten. Die Sterblichkeit nach 30 Tagen betrug 4 % in der Gruppe mit der kürzeren Ischämiezeit und 2 % in der Gruppe mit längerer Ischämiezeit, nach 90 Tagen betrug sie 7 % vs. 3 % und nach 1 Jahr 14 % und 13 % (jeweils < 12 h vs. > 12 h Ischämie. In keinem Endpunktparameter waren Unterschiede signifikant.

Fazit: „Die Studie zeigt eindrucksvoll, welche Möglichkeiten die ortsgebundene EVLP-Technologie bietet“, erläutert Priv.-Doz. Dr. med. Gregor Warnecke, Transplantationschirurg an der Mediznischen Hochschule Hannover. „Anstatt unter Zeitdruck medizinische und chirurgische Kompromisse machen zu müssen, können Spenderorgane genauer untersucht und Empfänger sorgfältiger und auch minimal-invasiv operiert werden. Noch effektiver wird die schädliche Ischämiezeit aber durch ein transportierbares EVLP-System begrenzt (3). In der prospektiven, randomisierten INSPIRE-Studie (4) mit maßgeblicher Beteiligung deutscher Zentren konnte die schwere primäre Transplantatdysfunktion der Lunge damit signifikant reduziert werden.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Yeung JC, et al.: Outcomes after transplantation of lungs preserved for more than 12 h: retrospective study. Lancet Respiratory Med 2016; http://dx.doi.org/10.1016/S2213-2600(16)30323-X.
  2. Cypel M, et al.: Technique for prolonged normothermic ex vivo lung perfusion.
    J Heart Lung Transplant 2008; 27: 1319–25.
  3. Warnecke G, et al.: Normothermic perfusion of donor lungs for preservation and assessment with organ care system lung before bilateral transplantation: a pilot study of 12 patients. Lancet 2012; 380: 1851–58.
  4. Warnecke G, et al.: Organ Care System (OCS) Lung INSPIRE International Trial Results (abstract OLB05) Transplant Int 2015; 28 (Suppl 4):131.3–4.

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