ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1999Naturheilkunde im 19. Jahrhundert: „Wir dürfen nicht fanatisch sein“

VARIA: Geschichte der Medizin

Naturheilkunde im 19. Jahrhundert: „Wir dürfen nicht fanatisch sein“

Dtsch Arztebl 1999; 96(31-32): A-2036 / B-1724 / C-1620

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Eine objektive Definition der Naturheilkunde kann es nach Auffassung des Medizinhistorikers Prof. Dr. phil. Robert Jütte nicht geben.
Vinzenz Prießnitz beobachtete ein Reh, das seine Wunden im Wasser badete. Daraufhin begründete er die Wasserheilkunde, die später zur Grundlage der Naturheilkunde wurde. Soweit die Anekdote. Die meisten naturheilkundlichen Zeitschriften betrachteten allerdings tatsächlich Prießnitz als den "Urvater der Naturheilkunde", so Prof. Dr. phil. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart.
Jütte referierte kürzlich im Institut für Geschichte
der Medizin in der HeinrichHeine-Universität Düsseldorf über die Naturheilkunde im 19. Jahrhundert. Dabei war für ihn die Anekdote bezeichnend: Sie illustriert einerseits die fehlende Rezeption der akademischen Lehren durch Prießnitz und zum anderen den heilkundlichen Rückgriff auf die Natur.
Ganzheitliches Prinzip
Als die Naturheilkunde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zu neuer Blüte kam, habe die naturwissenschaftliche Medizin noch in den Kinderschuhen gesteckt. Die Medizin begann sich zwar zur exakten Naturwissenschaft zu entwickeln, aber für die Therapie waren die Erkenntnisse der Grundlagenforschung und der Diagnostik noch von untergeordneter Bedeutung.
Bis in die 1860er Jahre hinein bildeten Aderlässe, Brech- und Abführmittel und vor allem stark toxische Arzneimittel das klassische Repertoire der medizinischen Behandlung. Diese Therapien gründeten sich auf das medizinische Konzept der Humoralpathologie, das bereits in der Antike in den Hippokratischen Schriften und von Galen formuliert worden war.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts basierte also Jütte zufolge auch die universitäre Medizin noch auf einem
ganzheitlichen Prinzip, das schließlich für die sogenannten alternativen Heilmethoden so bedeutend werden sollte. Die Therapie habe
keine spezifischen, auf ein-zelne Organe anwendbaren
Behandlungsmethoden gekannt, sondern habe die gestörte Harmonie des gesamten Organismus wieder ins Gleichgewicht zu bringen versucht.
In ihrer Krankheitstheorie ging die galenisch-hippokratische Medizin davon aus, daß jeder Mensch über eine immanente "Lebenskraft" verfüge. Diese erhalte dem Menschen die Gesundheit und ermögliche im Krankheitsfall die eigentliche Heilung. Der Arzt sollte deshalb mit seiner Therapie diese Lebenskraft nur anregen oder unterstützen; eine eigene Heilkraft sei seinen Methoden nicht zugekommen. Nach Auffassung Jüttes besaß dieses Konzept der Lebenskraft, der sogenannte Vitalismus, am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Naturphilosophie eine große Bedeutung; es beeinflußte in erheblicher Weise auch die Medizin.
Die naturheilkundlichen Methoden haben, so der Medizinhistoriker, die medizinischen Konzepte der Humoralpathologie und des Vitalismus fast unmodifiziert übernommen. Universitäre Medizin und Naturheilkunde besaßen also zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weitgehend dieselben theoretischen Grundlagen.
In der konkreten Ausformung der Therapie wichen sie jedoch bereits erheblich voneinander ab. So bediente sich die ärztliche Behandlung in zunehmendem Maße der Arzneimittel, deren Dosierung jedoch oft schädliche Nebenwirkungen hervorrief. Jütte geht davon aus, daß diese "Giftmedizin" eine der fundamentalen Ursachen für die Entstehung der naturheilkundlichen Methoden gewesen sei.
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, so berichtete Jütte, verharrte der Großteil der Bevölkerung bei den traditionellen Heilbehandlungen, die nicht nur auf dem Land vorwiegend von Wundärzten, Laienheilern, weisen Frauen oder in Selbstmedikation vorgenommen wurden. Weite Schichten kamen also mit Ärzten überhaupt nicht in Kontakt und konnten deshalb deren Therapien auch nicht als Defizit empfinden.
Erst nach der Jahrhundertmitte wurden immer größere Bevölkerungsteile in ein medikales System einbezogen, das von der Ärzteschaft dominiert wurde. So wurde es allmählich immer selbstverständlicher, einen Arzt aufzusuchen. Jütte vermutet, daß der Medikalisierungsprozeß letztlich auch die alternative Medizin gefördert hat: "Immer mehr Patienten erlebten nach 1850 die Defizite der akademischen Medizin am eigenen Leib und wandten sich unkonventionellen Verfahren zu."
Die frühen Vertreter der Naturheilkunde lehnten die Arzneitherapie völlig ab und besannen sich auf wenige "natürliche Heilfaktoren", die in dogmatischer Form in den nächsten hundert Jahren gebetsmühlenartig wiederholt worden seien. Die Säulen dieser naturheilkundlichen Therapie hätten die Anwendung von Luft, Licht, Wärme, Wasser, Diät und Ruhe/Bewegung gebildet.
Prävention
Eine große Bedeutung - neben dem ganzheitlichen Prinzip - habe die Krankheitsprävention gehabt. Das beste Mittel, um ein langes und gesundes Leben zu erlangen, war deshalb eine "naturgemäße Lebensweise", wobei, so Jütte, die Definition dieses Begriffes alles andere als eindeutig war. Grundsätzlich verstand man darunter das Fernhalten aller schädlichen Einflüsse wie verschmutzter Luft oder falscher Ernährung, aber beispielsweise auch sexueller Ausschweifungen oder geistiger Überanstrengung, sowie die Stärkung des Gesamtorganismus durch Bewegung, Kaltduschen oder Luftbaden. Die Naturheilkunde habe also eine umfassende Lebensordnungslehre propagiert, die sich in ihren weltanschaulichen Grundsätzen an der "Natürlichkeit" orientierte.
Im Gegensatz zur Homöopathie habe sich in der Naturheilkunde keine Diskussion über die konzeptionellen Grundlagen entwikkelt. Deshalb werde meist versucht, die Naturheilkunde durch ihre therapeutischen Faktoren zu definieren.
Jütte hält es jedoch für einen doppelten Trugschluß, die Naturheilkunde über ihre Heilfaktoren definieren zu wollen. Denn es habe alles andere als Einstimmigkeit in der Definition des jeweiligen Heilfaktors geherrscht. Die rigiden Diätvorschriften von Johann Schroth unterschieden sich beispielsweise erheblich von den Ernährungsregeln Sebastian Kneipps. Der wichtigere Grund, weshalb die Naturheilkunde nicht über ihre Heilfaktoren beschrieben werden kann, ist für Jütte allerdings, daß sie schnell weitere Faktoren, wie beispielsweise die Anwendung von Lehm durch Adolf Just, in ihr Repertoire aufnahm. Die Forschung umgehe diese Schwierigkeit meistens, indem sie zwar auf die Heilfaktoren-Definition zurückgreife, aber vorsichtig von "klassischer" Naturheilkunde spreche.
Zusätzlich werde der Versuch einer Definition dadurch erschwert, daß es in der Naturheilkunde nicht zu einer "Schulenbildung" gekommen sei. Das dürfte Jütte zufolge vor allem daran liegen, daß die meisten Begründer der Naturheilkunde keine umfassend originäre Heilweise entwickelt hatten, sondern ihrerseits eklektizistisch vorgegangen waren. Die meisten Naturheilkundigen hätten sich aus der Vielzahl der naturheilkundlichen Therapieangebote ihr Repertoire geformt, und zwar nach dem pragmatischen Grundsatz: Was ihrer Meinung nach heilwirksam war, wurde angewandt.
Es blieben, so Jütte, zwei weitere Möglichkeiten, das Naturheilverfahren zu definieren. Die eine bestehe darin, unter Naturheilkunde die ausschließliche Anwendung "natürlicher" Heilfaktoren zu verstehen; die andere darin, sie ex negativo zu beschreiben: durch ihre kategorische Ablehnung aller Arzneimittel. Doch auch diese beiden Wege hält Jütte nicht für gangbar. So sei der Begriff der Natürlichkeit alles andere als eindeutig; er wurde je nach Bedarf verschieden definiert.
Brückenschlag
Umgekehrt blieben bestimmte Heilverfahren, die man spontan als naturgemäß bezeichnen würde, durchaus umstritten. So lehnte der langjährige Redakteur des "Naturarztes", Philo vom Walde, alle Arten von Lehmpackungen kategorisch ab, obwohl es sich bei Erde um ein natürliches Produkt handelt: "Der allerneueste Fortschritt in der Naturheilmethode nennt sich Fango! Das Wort klingt verfänglich. Wer wird damit gefangen? Fürwahr, der selige Neumeyer hatte recht, als er sagte: ,Was ich von Moorbädern halte? Das einzig Gute daran ist, dass der, der sich zuvor
mit Schlamm gründlich beschmiert hat, sich nachher einmal gründlich waschen muss!' "
Auch das Prinzip der
naturgemäßen Heilfaktoren tauge also nicht als Definitionsgrundlage, ebensowenig wie die Arzneilosigkeit, die im Laufe der Zeit immer mehr aufgegeben worden sei. Den ersten Schritt in diese Richtung habe Sebastian Kneipp gemacht. Seine Wiederentdeckung der Kräuter als Heilmittel sei zum ewigen Zankapfel in der Zeitschrift "Naturarzt" geworden. Die Anwendung von Arzneimitteln sei immer geläufiger geworden, als die Zahl der approbierten Naturärzte wuchs, und damit sei auch ihr Einfluß auf die naturheilkundlichen Therapien angestiegen. Sie seien es auch gewesen, die den Prozeß einer zunehmenden Annäherung von Schulmedizin und Naturheilkunde einleiteten und trugen.
Das Einsickern schulmedizinischen Wissens beschränkte sich aber nicht nur auf das Gebiet der Medikation. Die reine Erlebnis- und Erfahrungsmedizin der frühen Naturheilkunde verwandelte sich immer stärker in eine wissenschaftliche Medizin, was zahlreiche Konsequenzen nach sich zog. So sei es immer selbstverständlicher geworden, daß auch der Laienheiler Kenntnisse in den medizinischen Grundlagenfächern wie Anatomie und Physiologie besitzen sollte. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts akzeptierte, so Jütte, die Naturheilkunde auch gewisse Grenzen ihrer Möglichkeiten. Das habe vor allem für chirurgische Indikationen gegolten. So hieß es 1898 im Naturarzt: "Wir dürfen nicht fanatisch sein und müssen in gewissen Fällen das Messer wirken lassen."
Trotz aller Anfeindungen zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde hätten sich die Anzeichen eines Brükkenschlages zwischen den beiden Heilweisen gemehrt - getragen vor allem von den Naturärzten.
Grobe Abgrenzung
Jüttes Fazit: Eine objektive und allgemeine Definition der Naturheilkunde kann es nicht geben, nicht einmal beschränkt auf einen bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt. Nur eine grobe Abgrenzung gegenüber der Schulmedizin und den anderen alternativen Verfahren ist möglich, und zwar unter Hinweis auf die natürlichen Heilfaktoren, deren Ausprägung und Anzahl aber offengelassen werden muß.
Ganz unwidersprochen blieben diese Ausführungen Jüttes allerdings nicht. So wurde ihm in der Diskussion vorgeworfen, daß man das Konzept der Naturheilkunde nicht erfassen könne, indem man nach einer objektiven Definition suche.
Gisela Klinkhammer

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