ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2016Akute Harnwegsinfektion: Auch ohne Antibiotika zum Ziel

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Akute Harnwegsinfektion: Auch ohne Antibiotika zum Ziel

Dtsch Arztebl 2016; 113(51-52): A-2388

Bischoff, Angelika

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Phytopharmaka zielen nicht auf eine Keim-Eradikation, sondern auf die entzündliche Reaktion des Wirts.

Rezidivierende Harnwegsinfektionen bedingen einen hohen Verbrauch von Antibiotika. Diese helfen zwar sehr gut, schwächen aber auch die Kolonisationsresistenz. Phytopharmaka, die nicht auf Elimination der Erreger, sondern die entzündliche Reaktion des Wirts abzielen, könnten eine wirksame Alternative bieten.

Die akute unkomplizierte Zystitis ist vor allem für Frauen ein häufiges Problem. Bei einem Drittel der Betroffenen tritt die Harnwegsinfektion rezidivierend auf. Mit dem inzwischen auch in deutscher Sprache validierten Acute Cystitis Symptom Score (ACSS) kann eine akute unkomplizierte Zystitis mit einer Sensitivität von 93 % und einer Spezifität von 86 % klinisch diagnostiziert werden.

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Werden bei der mikrobiologischen Untersuchung Keime im Urin gefunden, ist dies nur dann eine Therapie-Indikation, wenn klinische Symptome wie Dysurie oder Pollakisurie bestehen. Eine asymptomatische Bakteriurie sollte nicht behandelt werden, betonte Prof. Dr. med. Kurt G. Naber, Straubing. Es habe sich gezeigt, dass eine Antibiotikatherapie in diesem Fall sogar ungünstig ist, weil sie das Auftreten von Rezidiven begünstige. Dies erklärt man sich damit, dass die Antibiotika die kolonisierenden wenig virulenten Bakterien eliminieren, die einen Schutz vor aufsteigenden Infektionen mit virulenten Bakterien bieten.

Mit Antibiotika-Kurzzeittherapien lassen sich 80–90 % der akuten unkomplizierten Zystitiden innerhalb einer Woche abheilen. Da der Haupterreger E.coli immer mehr Resistenzen gegen Amoxicillin, orale Cephalosporine, Cotrimoxazol oder Fluorochinolone entwickelt, empfehlen die Leitlinien bevorzugt ältere orale Antibiotika wie Fosfomycin-Trometamol, Nitrofurantoin, Pivmecillinam oder Nitroxolin.

Aber es gibt auch Antibiotika-freie pflanzliche Alternativen. Sie zielen nicht auf eine Keim-Eradikation, sondern auf die entzündliche Reaktion des Wirts, die letztlich für die Symptome verantwortlich ist. Die Erreger werden entweder spontan eliminiert oder adaptieren sich im Sinne einer asymptomatischen Bakteriurie. Gut belegt ist die Wirkung des Phytotherapeutikums CLR (Bionorica), das Tausendgüldenkraut, Liebstöckelwurzel und Rosmarinblätter als Wirkstoffe enthält. Präklinische Untersuchungen weisen auf antiinflammatorische und spasmolytische Eigenschaften des Präparats hin.

Direkter Vergleich in Studie

In einer offenen multizentrischen Pilotstudie wurden 125 Frauen mit einer akuten unkomplizierten Harnwegsinfektion mit CLR behandelt. Die Therapie besserte die Symptome deutlich und erreichte eine Heilungsrate von 71,2 % nach sieben Tagen und 85,6 % nach 37 Tagen. Nur drei Frauen (2,4 %) benötigten doch noch Antibiotika, weil die Symptome unter der Phytotherapie persistierten. Keine Frau erlitt ein Rezidiv. Derzeit läuft eine prospektive Phase-3-Studie, die das Phytotherapeutikum mit einer Fosfomycin-Trometamol-Einmaltherapie vergleicht.

Der Frankfurter Pharmazeut Prof. Dr. rer. nat. Theodor Dingermann warnte davor, sich allzu viel zu erwarten von Kopien erfolgreicher Phytopharmaka, die derzeit auf den Markt drängen. Anders als bei chemischen Arzneimitteln oder Biologika ist das Kopieren eines Originals bei den pflanzlichen Arzneimitteln kaum möglich. Dies sehen auch die Arzneimittelbehörden so und haben „Phytogenerika“ bisher nur als „traditionell registrierten Arzneimitteln“ den Zugang zum Markt ermöglicht.

Das heißt, ein Wirksamkeitsbeleg fehlt, aber es liegt eine jahrzehntelange Erfahrung mit der medizinischen Anwendung der Droge vor. Zugelassene Original-Phytopharmka sind nicht registiert, sondern zugelassen. Das heißt, sie haben den Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit erbracht.

Dr. med. Angelika Bischoff

Komitee Forschung Naturmedizin e.V. (KFN) – Weihnachtspressekonferenz, München,
7. Dezember 2016

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