ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2017Von schräg unten: Schummeln

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schummeln

Dtsch Arztebl 2017; 114(1-2): U3

Böhmeke, Thomas

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Gleich einem besonders virulenten Rhinovirus grassierte die Meldung durch die Gazetten, dass Krankenkassen bei der Abrechnung betrügen, in dem sie uns Ärzte dafür bezahlen, Patienten auf dem Papier kränker zu machen, als sie sind. Je schwerwiegender der Fall, desto mehr Kohle aus dem Risiko­struk­tur­aus­gleich, dies ist die Motivation, uns dazu zu bringen, möglichst viel und dramatisch zu verschlüsseln.

Ja ist das denn die Möglichkeit?! werden sich viele unserer Patienten fragen, denen das Bild des objektiven, immer der Wahrheit verpflichteten Halbgottes in Weiß so lieb ist wie die Beitragssatzminderung und so teuer wie die Rezeptgebühr. Sind wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, bereits durch ein paar lausige Cent dazu zu bringen, vom edlen Pfad des korrekten Kodierens der Erkrankungen abzuweichen, sind wir so einfach zu manipulieren, dass wir den Patienten nicht mehr die richtige, wahrhaftige und unzweifelhafte Diagnose per ICD zuordnen können? Oder wissen wir gar nicht, was wir tun, besser gesagt: kodieren? Um dieses zerbröselte Vertrauen zwischen unseren Patienten und uns wieder herzustellen, sei an dieser exponierten Stelle klargestellt: Na, klar, auf jeden Fall! Weil die Kodierung der Erkrankung fluktuiert wie unduliert, je nachdem, wie man sie betrachtet. Nur Menschen, die kraft strotzender Gesundheit nie Kontakt mit dem deutschen Gesundheitswesen gehabt haben, können sich der romantischen Illusion hingeben, dass wir jederzeit und überall eiskalt und präzise die einzig wahre Diagnose kodieren!

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Ich darf dies an einem Beispiel erläutern: Ich pflege meine Schutzbefohlenen umfassend zu sonographieren, und einmal im Quartal finde ich eine inhomogene, echoarme nicht gut abgrenzbare Raumforderung, beispielsweise an der Niere. D48.3! denke ich mir, das sieht nicht gut aus, aber C77.2A, ich kann keine pathologisch vergrößerten Lymphknoten nachweisen, auch C78.7A, die Leber sieht normal aus, was ein Glück. Dem Patienten sage ich: Q61.0V, das ist wahrscheinlich nur eine Zyste, die ein bisschen eingeblutet ist. Denn ich möchte schließlich vermeiden, dass er durch die Diagnose schon im Vorfeld stark verunsichert ist, also F32.0, also in eine reaktive Depression rutscht, das möchte ich ihm ersparen. Flugs überweise ich zum Radiologen, krakele aber nur D41.0V auf die Überweisung, weil mein Patient ja mit dieser möglichst zügig dort vorstellig werden soll und sich sicher fragt, warum sich sein Kardiologe plötzlich soviel Sorgen um seine Niere macht und dieses kryptische Kürzel googelt. Präziser werde ich da schon beim mitbetreuenden Hausarzt, den ich anrufe: C64G! weil ich mir absolut sicher bin.

Wenn ich dann nach einigen Wochen den Arztbrief des freundlichen Chirurgen auf dem Tisch habe, der mir mitteilt, dass der Tumor entfernt ist und es dem Patienten gut geht, heißt es für mich: F41.0A, ich mache mir keine Sorgen um den Patienten mehr. Ein Patient, ein Schicksal mit gutem Ausgang, ein halbes Dutzend ICD-Ziffern. Hab᾿ nur ich so schlimm geschummelt oder machen Sie das auch so?

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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