ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2017Familienfreundliche Arbeitsplätze: Flexible, individualisierte Angebote

PRAXISMANAGEMENT

Familienfreundliche Arbeitsplätze: Flexible, individualisierte Angebote

Dtsch Arztebl 2017; 114(1-2): A-38 / B-34 / C-34

Maibach-Nagel, Egbert

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Was wird aus dem Arztberuf? Künftig wird Fachkräftemangel auf Ärzte treffen, die Familie und Beruf verbinden wollen. Das erfordert Umdenken und Mut zu individuellen Lösungen. Informationen und Beispiele, was man tun kann, gibt es reichlich.

Foto: picture alliance
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Planbarkeit, flexible Arbeitsplatzmodelle, aber auch hohe Erwartungen an die Qualität des Privatlebens: Das sind Ansprüche, mit denen Ärztinnen und Ärzte künftig in die Arbeitswelt von Krankenhäusern und Niederlassungen eintreten. Was die künftigen Mediziner mitbringen, so Dr. med. Anne Mitrenga-Theusinger, leitende Oberärztin am Klinikum Leverkusen, auf einer „Zukunftswerkstatt“ der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) im November 2016 in Berlin, sind Eigenschaften wie „Selbstbewusstsein, Ehrgeiz, Lernbereitschaft, Offenheit, Kreativität und Flexibilität, Verantwortungsbewusstsein, Teamgeist, Kooperationsdenken und – vor allem – keine Arbeitsplatzsorgen“.

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Schon heute machen sich deshalb Arbeitgeber, aber auch ärztliche Selbstverwaltungen und Verbände in der Gesundheitsversorgung Gedanken, wie Organisation und Strukturen dem gerecht und familienfreundlich gestaltet werden können. Das gilt nicht nur für Ärztekammern und Kassenärztliche Vereinigungen, die inzwischen umfassende Informationsmaterialien für das, was möglich ist, in Broschüren oder auf den eigenen Websites vorhalten (siehe Kasten mit weiterführenden Informationen), sondern auch für Krankenhäuser, Konzerne oder ärztliche Fachgesellschaften.

Dabei geht es um mehr als nur Organisieren und Planen. Die „Familisierung“ der ärztlichen Arbeit, so wurde die erwartete Entwicklung auf dem DGOU-Workshop benannt, erfordert aus Sicht vieler Vordenker so etwas wie eine neue Arbeitskultur, ohne zeitfressende lange Gespräche, vorrangig bestimmt durch Pragmatismus und ergebnisorientierte Arbeit.

In der niedergelassenen Praxis ist der familienfreundliche Arbeitsplatz eine besondere organisatorische und wirtschaftliche Herausforderung. Selbstständige Ärztinnen erhalten weder Ersatzzahlungen in Mutterschutzzeiten noch Krankentagegeld. Vertreterregelungen müssen finanziert werden. Im Zweifel müssen, so die Erfahrung der in Karlsruhe niedergelassenen Orthopädin Dr. med. Anke Gerhardt, wegen notwendiger Leistungseinschränkung und dadurch rückgängigen Patientenzahlen auch Umsatzminderungen in Kauf genommen werden. Auch die Regelung der Kinderbetreuung ist meist „Privatsache“. Größere Praxisteams können hier durch aktive Unterstützung bei Suche und Unterbringung helfen.

Logischerweise haben viele Krankenhäuser Arbeitsplatzzuweisungen und -zeiten inzwischen nach neuen Mustern durchgeplant. Beispielsweise wurden in der mit 30 Ärztinnen und 18 Ärzten besetzten Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin des Klinikums Leverkusen die organisationstechnischen Voraussetzungen trotz hoher Geburten- und Elternzeitzahl durch moderne Dienstgestaltung, Betriebskitas, Hort sowie Notfallbetreuung und aktives Personalmanagement auf planbare Arbeitszeiten gebracht. Neue Arbeitszeitmodelle mit Spätdiensten als Regeldiensten, auch an Wochenenden, verbessern inzwischen die Abläufe. Es gelang, durch Kombination unterschiedlicher Teilzeitmodelle eine gute bis hohe Arbeitszufriedenheit zu schaffen, selbst bei Oberärzten.

Auf andere Betriebe „eins zu eins“ übertragbar sind solche Modelle in der Regel nicht. Erforderlich ist ein individueller Zuschnitt auf die jeweilige Sachlage vor Ort. Kein Wunder, dass bei den hohen Aufwänden professionelle Arbeitszeitorga-nisatoren ihr Know-how zur Planung anbieten. Ihr Angebot reicht von der Entwicklung fester Dienstzeiten über Teilzeitdienstplanungen, logistisch geplanten Dienstfolgen bis zum Angebot von Wahlarbeitszeiten als Marketing für den Arbeitgeber.

Insbesondere mit Wahlarbeitszeiten erreichen Kliniken eine bessere Bindung qualifizierter Mitarbeiter, so Christine Woodruff vom Arbeitszeitplaner Herrmann Kutscher Weidinger. Für die Arbeitnehmer schaffe das eine bessere Vereinbarkeit von privaten Verpflichtungen und Beruf. Der Arbeitgeber kann auf diese Weise unvorhersehbare familiär bedingte Fehlzeiten verringern. Aber auch wenn Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeitmodelle in Kliniken aufgrund der hohen Mitarbeiterzahl machbar scheinen: Noch bleibt es unter Heilberuflern in Sachen „Familisierung“ trotzdem bei den alten Vorbehalten: Es gibt immer noch Probleme bei der Einhaltung von Arbeitszeiten, bei gleichem Gehalt für Männer und Frauen (notwendig, um finanzielle Gründe beim Nehmen der Elternzeit auszuschalten). Nach wie vor mangelt es oft an guter und flexibler Kinderbetreuung an Kliniken, ganz zu schweigen davon, dass die Karrierebenachteiligungen für Frauen noch nicht bewältigt sind. Aber auch Männer müssen, so sie Elternzeit nehmen, immer noch mit Vorbehalten rechnen. Dabei gibt es gerade auch mit wiedereinsteigenden Vätern gute Erfahrungen.

Egbert Maibach-Nagel

Infos und Webadressen

Die Internetseite www.praxis-und-familie.de der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bietet Informationen, Broschüren, Videos und Veranstaltungstipps rund um das Thema „familienfreundlicher Arbeitsplatz in der Praxis“. Foren und „gelebte Beispiele“ ergänzen das Angebot. Darüber hinaus findet der Nutzer eine Liste mit Kontaktdaten kundiger Ansprechpartner auf Länderebene.

Das von der Bundes­ärzte­kammer herausgegebene Handbuch „Familienfreundlicher Arbeitsplatz für Ärztinnen und Ärzte – Lebensqualität in der Berufsausübung“ beleuchtet soziologische und unternehmenskulturelle Hintergründe und gibt – von der Kinderbetreuung über Arbeitsplatz- und Zeitmodelle im stationären wie ambulanten Bereich – Orientierungshilfe für betroffene Arbeitnehmer und -geber und bietet darüber hinaus ausführliche Checklisten für Niederlassung, Krankenhaus und Studium (http://d.aerzteblatt.de/LG75).

Um Perspektiven und Karrieremöglichkeiten für Medizinstudenten und junge Ärzte geht es auf dem vom Deutschen Ärzteverlag organisierten Nachwuchskongress „Operation Karriere“. Weitere Informationen und Termine für 2017 finden sich auf der Webseite www.operation-karriere.de.

Auf www.lass-dich-nieder.de bietet die KBV Informationen, Orientierungshilfe und Ansprechpartner zur Vereinbarkeit von Beruf und Kind.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft die Broschüre „Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Krankenhaus“ herausgegeben. Erhältlich unter www.dkgev.de oder www.bmfsfj.de.

Darüber hinaus werben viele Kliniken und Krankenhäuser inzwischen mit eigenen Konzepten auf den jeweiligen Websseiten für den familienfreundlichen Arbeitsplatz in ihren Unternehmen.

KurzInterview

mit Prof. Dr. med. Andrea Meurer*

Mehr Teilzeitarbeit bei absehbarem Ärztemangel, wie soll das gehen?

Arbeitgeber werden zukünftig stärker alternative Dienstzeitmodelle denken müssen. So auch flexiblere Teilzeitmodelle, um den Bedürfnissen junger Familien gerecht werden zu können. Meine Erfahrung ist, dass bei Angebot von Teilzeitmodellen auch Nachfrage vorhanden ist und dies eher als PR-Instrument in Zeiten drohenden Ärztemangels gelten kann.

Ist der Einsatz für familienfreundliche Arbeit wirklich Frauensache?

Aktuell leider noch zu häufig. Meines Erachtens jedoch ist Familienplanung und -gestaltung Teamsache. Auch Männer sollten zukünftig mehr Verantwortung in diesem Bereich übernehmen.

Kann tatsächlich jeder Arzt Arbeit und Leben in Balance halten?

Die Entgeltsysteme des deutschen Gesundheitswesens berücksichtigen leider noch nicht hinreichend die Erfordernisse der jungen Generation. Die Berechnungen basieren auf einer Generation, die zum Teil unentgeltlich erhebliche Überstunden erbracht hat. Das wird sich in Zukunft ändern müssen, da ansonsten der Arztberuf zunehmend an Attraktivität verlieren wird. Es reicht nicht, die aktuelle Situation in Hochglanzbroschüren zu beschönigen. Die Politik ist auch aufgerufen, hier Veränderungen herbeizuführen.

*Ärztl. Direktorin und Geschäftsführerin Spezielle Orthopädie und Orthopädische Chirurgie an der Universitätsklinik Friedrichsheim, Frankfurt a. M., DGOU-Vorstandsmitglied

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