ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2017USA: Die Gier bestimmt das System

POLITIK: Kommentar

USA: Die Gier bestimmt das System

PP 16, Ausgabe Januar 2017, Seite 11

Gerste, Ronald

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Nach der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten will er zwar Obamacare nicht mehr gänzlich abschaffen. Dass Versicherer aber wieder kranke Menschen ausschließen können, hält er für eine gute Regelung.

Je invasiver die ärztliche Tätigkeit, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass in der Nacht vom 8. auf den 9. November die Champagnerkorken knallten – bevor der Chirurg oder Orthopäde, der Urologe oder die Ophthalmologin am nächsten Morgen leicht übermüdet den Dienst in der Klinik antrat. Angehörige dieser Disziplinen nämlich sind mit deutlicher Mehrheit Anhänger der Republikanischen Partei. Nicht nur wird mit Donald Trump ein Republikaner der 45. US-Präsident sein, die konservative und den Wirtschaftsinteressen zugeneigte Partei gewann auch in beiden Häusern des Kongresses eine Mehrheit. Während zum Beispiel bei Chirurgen (nach einer Umfrage zu 67 Prozent republikanisch) überwiegend Freude geherrscht hat, dürften vor allem Kinderärzte (32 Prozent republikanisch), Psychiater (24 Prozent) und Infektionsmediziner (23 Prozent) am day after Ernüchterung verspürt haben.

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Das Wahlergebnis hat auf fast allen Politikfeldern zu nationaler wie internationaler Verunsicherung geführt. In der Gesundheitspolitik wird das Kernstück der Administration von Präsident Obama, der Affordable Care Act (ACA), auch Obamacare genannt, auf dem Prüfstand stehen. Noch kurz vor der Wahl hatte Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung erklärt: „Wenn wir Obamacare nicht abschaffen, werden wir das amerikanische Gesundheitssystem für immer zerstören. “

Nach der Wahl änderte sich zumindest bei Trump die Tonlage. Zwei Aspekte würden ihm recht gut gefallen, nämlich dass sich junge Erwachsene über ihre Eltern versichern lassen können und dass pre-existing conditions, also bereits bestehende Erkrankungen einer Versicherung nicht mehr im Wege stehen dürften. Vor allem diese Klausel ist es, welche die Versicherungskonzerne aus dem Weg geräumt haben wollen und wo eine Trump-Administration Widerstand erwarten kann, würde sie dieses Erbe von Obama in ein wieder deregulierteres und gemäß amerikanischem Credo mehr auf „Privatinitiative“ und „den Markt“ bauendes System setzen. Ohne die Regel zu den pre-existing conditions würden die Profitmöglichkeiten steigen – bis zum ACA nämlich konnte man kranke Menschen einfach ausschließen und sich auf die Versicherung vieler junger, gesunder Amerikaner beschränken. Dass das amerikanische Gesundheitswesen das bei weitem teuerste der Welt ist, liegt auch daran, dass greed (Gier) ein allgegenwärtiger Faktor ist – nicht nur bei den Versicherern, sondern auch bei der Industrie: Man denke beispielsweise an den Chef von Turing Pharmaceuticals, Martin Shkreli, der Schlagzeilen machte, als er den Preis eines Medikamentes gegen Toxoplasmose (Daraprim) um 5 500 Prozent erhöhte und diesen Schitt mit entwaffnender Ehrlichkeit begründete: „Weil ich es kann.“

Möglicherweise ist es weniger Donald Trump, der für den ACA die größte Bedrohung darstellt, sondern sein Ge­sund­heits­mi­nis­ter. Die Ernennung von Tom Price, einem Kongressabgeordneten aus Georgia und orthopädischen Chirurg (am Rande bemerkt, mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 450 000 Dollar Spitzenverdiener unter den US-Ärzten, hat auch aufgezeigt, dass durch die amerikanische Ärzteschaft ein ähnlicher Riss geht wie durch die gesamte US-Bevölkerung. Die überschwenglich klingende Gratulation an Price von Verbänden wie der American Medical Association (AMA) hat zu zahlreichen Protesten anderer medizinischer Organisationen geführt, so dass die AMA über Facebook es als normale Begrüßung eines neuen Ge­sund­heits­mi­nis­ters zu relativieren versuchte. Price ist nicht nur ein erklärter und totaler Gegner des ACA, er gehört einer Organisation namens Association of American Physicians and Surgeons (AAPS) an, die von liberalen amerikanischen Ärzten als Extremisten angesehen werden – mit Verleugung des Nutzens von Impfungen, Ablehnung von evidenzbasierter Medizin („ein inakzeptabler Affront gegen die gottähnliche Autonomie des Arztes“ wie es der Chirurg David Gorski ironisch nennt) und der Propagierung von Methoden, die Kritiker als quack und pseudo-science bezeichnen. Und natürlich ist für Price und Gleichgesinnte das Verfassungsgerichtsurteil Roe vs. Wade von 1973 zur Abtreibung das Feindbild schlechthin und muss von einem künftigen, möglicherweise von einer Trump-Administration personell aufgefüllten Supreme Court endlich abgeschafft werden. Angesichts einer solchen Besetzung und einer möglichen Restriktion im Bereich der Reproduktion reagierte „der Markt“ umgehend. Die Nachfrage nach Intrauterinpessaren stieg sprunghaft. Diese Langzeitverhütungsmittel können über vier oder gar acht Jahre funktionieren – das wären eine bis zwei Trump-Amtsperioden.

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