ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2017Arbeitsmedizin: Prävention im Betrieb lohnt sich

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Arbeitsmedizin: Prävention im Betrieb lohnt sich

PP 16, Ausgabe Januar 2017, Seite 13

Gießelmann, Kathrin

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Das Präventionsgesetz bietet zwar eine gute Basis, um Vorsorgeangebote in Unternehmen zu schaffen. Die Umsetzung kommt jedoch nur langsam voran. Betriebsärzte sehen Krankenkassen unter Zugzwang.

Muskel- und Skeletterkrankungen rangieren laut dem BKK Gesundheitsreport weiterhin auf Platz eins der Ursachen für Fehltage am Arbeitsplatz. Atemwegserkrankungen sind wieder auf Platz zwei vorgerückt und verdrängen somit psychische Erkrankungen auf den dritten Platz. Foto: iStockphoto
Muskel- und Skeletterkrankungen rangieren laut dem BKK Gesundheitsreport weiterhin auf Platz eins der Ursachen für Fehltage am Arbeitsplatz. Atemwegserkrankungen sind wieder auf Platz zwei vorgerückt und verdrängen somit psychische Erkrankungen auf den dritten Platz. Foto: iStockphoto

Betriebliche Gesundheitsvorsorge rentiert sich. „Wer einen Euro in Prävention investiert, bekommt 2,70 Euro zurück“, erläuterte Franz Knieps, Vorstand des Betriebskrankenkassen (BKK) Dachverbandes das Resultat des Reports der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) bei der Veranstaltung Diabetes @work. Die Initiative stellte im November Best-Practice-Beispiele aus fünf großen Unternehmen in Berlin vor. Diese zeigen deutlich, dass freiwillige Präventionsangebote von fast allen Arbeitnehmern angenommen werden, sagte Dr. med. Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V. (VDBW). „Zudem erreichen wir so genau die Menschen, die sonst nicht den Hausarzt aufsuchen für einen Check-up.“ Alle drei Jahre erhalten etwa Mitarbeiter der Firma ThyssenKrupp eine Einladung zur Vorsorge. Hier untersucht der Betriebsarzt Blutwerte und gibt Empfehlungen für den Alltag. Dieses Vorgehen ordnet der Betriebsarzt Panter nachhaltiger ein als einzelne Gesundheitstage. Der VDBW habe auch bereits Vorschläge an den GKV-Spitzenverband adressiert, die jedoch abgelehnt wurden. Beispielsweise ein freiwilliges Angebot für eine Darmkrebsvorsorge über den Betriebsarzt. „Der GKV-Spitzenverband wolle stattdessen den Krankenkassen empfehlen, ihre Mitglieder anzuschreiben und an die Vorsorge zu erinnern“, sagte Panter. Dieses Vorgehen hält er nicht für zielführend.

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Unter Zugzwang

Probleme bei der Umsetzung präventiver Maßnahmen am Arbeitsplatz hätten vor allem mittelständische und kleine Unternehmen, berichtete Knieps bei der Vorstellung des BKK Gesundheitsreports Ende November. Die Erhebung von etwa zehn Millionen Versichertendaten zeigte: Insbesondere Betriebe mit mittlerer Beschäftigtenzahl zwischen 200 und 999 Arbeitnehmern weisen hohe krankheitsbedingte Ausfälle auf.

Im Präventionsgesetz sei der Zugang für diese Betriebe nicht klar geregelt, kritisierte Kordula Schulz-Asche, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit für die Grünen. „Hier sollten die Industrie- und Handelskammer sowie die Kommunen eine größere Rolle spielen. Sie müssen Synergieeffekte in ihren Angeboten schaffen, damit kleine und mittelständische Unternehmen an den Programmen teilhaben können“, forderte sie. Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, stellte die Bedeutung der Betriebsärzte als Schlüsselfiguren heraus. Sie gewährleisten einen niederschwelligen Zugang zur Gesundheitsprävention. „Wir haben uns vorgenommen, die 76 Millionen Euro, die wir im Bereich der betrieblichen Gesund­heits­förder­ung im letzten Jahr zur Verfügung gestellt haben, in 2017 zu verdoppeln“, kündigte Stroppe an. Der Betriebsarzt Panter sieht jetzt vor allem die Krankenkassen unter Zugzwang, das Präventionsgesetz umzusetzen.

Die dafür nötigen Strukturen will der BKK Dachverband schaffen, sagte Knieps. Das Problem: In manchen Betrieben seien 40 bis 50 Krankenkassen vertreten, mit jeweils nur wenigen Versicherten. Die Lösung, die der Gesetzgeber den Krankenkassen vorgibt, sind Koordinierungsstellen auf Landesebene. „Der BKK Dachverband ist federführend beteiligt, solche Stellen im Laufe des Jahres 2017 einsatzfähig zu machen“, kündigte Knieps an. Pionierland sei Nordrhein-Westfalen. „Hier wird Ende März die erste Koordinierungsstelle ans Netz gehen.“ Der Betrieb kann sich dann über diese Stellen eine Kasse als Ansprechpartner aussuchen. „Hieran muss sich jede Krankenkasse beteiligen und Zuständigkeiten übernehmen, auch wenn sie noch so klein ist“, sagte Knieps.

Immer häufiger erkranken Menschen bereits im berufsfähigen Alter. Muskel- und Skeletterkrankungen sind dabei nach wie vor Spitzenreiter. Reinigungskräfte und Mitarbeiter in Verkehrs- und Logistikberufen hatten im Jahr 2015 die meisten Arbeitsunfähigkeitstage aller Wirtschaftsgruppen.

Kathrin Gießelmann

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