ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2017Psychotherapeutische Sprechstunde: Ein neues Leistungsangebot

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Psychotherapeutische Sprechstunde: Ein neues Leistungsangebot

PP 16, Ausgabe Januar 2017, Seite 1

Bühring, Petra

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Psychotherapeuten müssen ab April dieses Jahres eine Sprechstunde anbieten – das hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) nun mit einer entsprechenden Änderung der Psychotherapie-Richtlinie am 24. November endgültig entschieden. Das oberste Gremium der Selbstverwaltung setzte damit eine Auflage des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) um, das den ursprünglichen Beschluss, der noch ein freiwilliges Sprechstundenangebot vorsah, beanstandet hatte. Das BMG hatte argumentiert, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) ihrem Sicherstellungsauftrag nur dann nachkommen könnten, wenn jeder Psychotherapeut eine Sprechstunde anbietet, also alle ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Die Teilbeanstandung der Psychotherapie-Richtlinie an sich findet der Vorsitzende des G-BA, Josef Hecken, gar nicht so schlimm. Er habe den Auftrag des Gesetzgebers schon so verstanden und auch umgesetzt gesehen, dass „Sprechstunde auch Sprechstunde ist“, sagte er im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Wenn das BMG, das die Rechtsaufsicht hat, dann gelegentlich Einwände gegen Beschlüsse habe, könne er damit gut leben.

Psychotherapeuten mit einer vollen Zulassung müssen also künftig mindestens 100 Minuten pro Woche Sprechstundenzeit anbieten; bei hälftiger Zulassung 50 Minuten. Ob offen oder mit Terminvergabe bleibt ihnen selbst überlassen. Darüber hinaus besagt die neue Psychotherapie-Richtlinie, dass Therapeut oder Praxispersonal künftig 200 Minuten pro Woche (100 Minuten bei halber Zulassung) telefonisch erreichbar sein müssen. All diese Zeiten sollen der KV gemeldet werden, die sie dann den Patienten zugänglich machen werden.

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Weil das ganze System erst ins Rollen kommen muss, hat der G-BA eine Übergangsregelung von einem Jahr beschlossen: Patienten müssen erst ab April 2018 in einer Sprechstunde gewesen sein, bevor sie probatorische Sitzungen, Akutbehandlung oder Richtlinienpsychotherapie in Anspruch nehmen können. All dies muss im Übrigen nicht von demselben Therapeuten erbracht werden, bei dem der Patient in der Sprechstunde war.

Ob sich die psychotherapeutische Versorgung durch die Sprechstunde verbessert, wird sich zeigen: spätestens bei der Evaluation, die in fünf Jahren erfolgen soll. Mehr Therapieplätze können dadurch nicht generiert werden, das ist klar. Im besten Fall hilft dieser niedrigschwellige Zugang schneller abzuklären, ob der Betroffene wirklich eine Psychotherapie benötigt oder besser in einer Beratungsstelle oder der Selbsthilfe aufgehoben wäre. Diejenigen nehmen dann zumindest keine Therapieplätze in Anspruch. Wie das Zusammenspiel mit den Terminservicestellen der KVen funktioniert, die innerhalb von vier Wochen einen Sprechstundentermin anbieten sollen, ist nicht absehbar. Womöglich warten dann auch Psychotherapeuten vergeblich auf Patienten: 20 Prozent der vermittelten Termine bei Ärzten seien nicht wahrgenommen worden, meldete gerade die KV Niedersachsen. Und forderte gleichzeitig – weil die Servicestellen sowieso mit einem immensen finanziellen und bürokratischen Aufwand verbunden sind – deren Abschaffung.

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