ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2017Glücksspielsucht: Reiz, der in Fremdbestimmung endet

POLITIK

Glücksspielsucht: Reiz, der in Fremdbestimmung endet

PP 16, Ausgabe Januar 2017, Seite 14

Spath, Jürgen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Frage vor allem nach der Verantwortung für pathologisches Glücksspielverhalten stellte sich bei einer Tagung des Fachverbandes Glücksspielsucht. Migranten sind besonders gefährdet. Spielsperren können hilfreich sein.

Der Glücksspielautomat lässt seine Walzen unaufhörlich laufen, solange er gefüttert wird. Drei Sekunden dauert das Spiel bei Einsätzen zwischen fünf Cent und zwei Euro. Foto: dpa
Der Glücksspielautomat lässt seine Walzen unaufhörlich laufen, solange er gefüttert wird. Drei Sekunden dauert das Spiel bei Einsätzen zwischen fünf Cent und zwei Euro. Foto: dpa

Das Glücksspiel zieht seit Jahrtausenden Menschen in seinen Bann. Doch was für den einen Unterhaltung ist, kann für andere sehr schnell zu einer Bindung an die Reize des Spiels führen und in Fremdbestimmung enden. In Deutschland weisen nach Angaben der Bundesregierung etwa 700 000 Menschen ein pathologisches Glücksspielverhalten auf. Bei der 28. Tagung des Fachverbandes Glücksspielsucht e.V. Anfang Dezember in Berlin mit dem Titel „Sucht durch Spiel“ stellten Ärzte, Psychotherapeuten, Juristen, Journalisten und Betroffene ihre Ansichten zur Diskussion. Dabei wurde vor allem die Frage nach der Verantwortung für pathologisches Glücksspiel aufgeworfen.

Anzeige

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler nahm in ihrer Eröffnungsrede die Automatenwirtschaft in die Verantwortung, die sich an die strengen Auflagen des Jugendschutzes zu halten habe. Viele der kleineren Spielstätten missachteten die gesetzlichen Vorgaben und müssten deshalb mit drastischen Bußgeldern rechnen, sagte Mortler.

Jede Art des Spiels beruht auf den Grundlagen des operanten Konditionierens, also auf Belohnung durch den Gewinn oder die Bestrafung durch den Verlust des Einsatzes oder des Spiels. Beides führt zu einem ähnlich starken emotionalen Reiz. Diesen Impuls sucht der Spieler, bis hin zur Sucht. Aber nicht nur das operante Konditionieren spielt bei der Sucht nach Betätigung an Glücksspielautomaten eine Rolle, sondern auch die klassische Konditionierung, also die Beeinflussung der Spieler durch intensive Farbeffekte und Geräusche. Dies schafft eine Bindung an den Spielautomaten.

Gefährliche Spielautomaten

Die Bundesdrogenbeauftragte ordnet deshalb die Glücksspielautomaten als 30 mal gefährlicher ein als andere Glücksspiele wie Poker oder Roulette. Sie fordert die Automatenwirtschaft auf, sich um Süchtige zu kümmern. Experten schätzen, dass rund 60 bis 70 Prozent der Spieler süchtig sind, also ein pathologisches Spielverhalten aufweisen.

Rund 4,8 Milliarden Euro in 2014 betragen die Bruttospielerträge der Automatenwirtschaft. Nach den Gewinnausschüttungen beläuft sich der Verlust der Spieler auf etwa 1,2 Milliarden Euro.

Aufsicht und Kontrolle von Spielhallen ist Ländersache. So regelt beispielsweise das Spielhallengesetz des Landes Berlin von 2011, dass die Betreiber ihre Glücksspielautomaten von zwölf auf acht in den Spielstätten reduzieren mussten. Zudem müssen Spielhallen in Berlin einen Mindestabstand von 500 Metern voneinander einhalten. So gelang es der Stadt, die Spielhallen von rund 570 auf unter 500 zu reduzieren. Kritiker sprechen allerdings von unzureichenden Maßnahmen, auch weil der Mindestabstand zu Oberschulen lediglich 200 Meter beträgt.

Spielsucht tritt in der Regel mit zunehmenden Alter verstärkt auf. Dabei sind Männer gefährdeter als Frauen. Von zehn Spielern weisen acht Männer und nur zwei Frauen ein pathologisches Spielverhalten auf. Univ.-Prof. Dr. rer. biol. Dipl.-Psych. Volker Tschuschke, Sigmund Freud Privat Universität Berlin, sieht folgende Faktoren als valide Bestimmungsmerkmale für ein pathologisches Spielverhalten:

  • Substanzbezogene Abhängigkeit
  • Neurobiologische Ähnlichkeiten zwischen ADHS und Computerspielsucht
  • Soziale Belastungen (Umgebungsdefizite)
  • Selbstwertproblematik, Gefühlsdysregulation; Beziehungsstörung, frühe Konditionierungen, emotional instabile Persönlichkeit, antisoziale, impulsive Persönlichkeit
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Früh gestörte Eltern-Kind-Beziehung
  • Kein innerer Halt, mangelnde Persönlichkeitsstruktur

Psychotherapie hilfreich

Der Psychoanalytiker Tschuschke wies darauf hin, dass eine medikamentöse Behandlung von Spielsüchtigen nur eine temporär erfolgreiche Maßnahme sein könne und zudem nur bei neurologischen Ursachen des Suchtverhaltens hilfreich sei. Eine Psychotherapie führe zu signifikant höheren Erfolgen bei der Behandlung. Dabei sollten die Schwerpunkte einer Therapie auf die innere Stärkung, Feedback und der Unterstützung zwischenmenschlicher Beziehungen liegen. „Der Mensch bestimmt sich über das Sein, so sollte in der Therapie nach der Sinnhaftigkeit des Lebens gesucht werden“, sagte Tschuschke. Eine religiöse Bindung oder ein spiritueller Hintergrund könnten die Suche nach dem Sinn hilfreich unterstützen.

Mit der Therapie der Glücksspielsucht von türkischen und arabischstämmigen Männern beschäftigt sich Dr. phil. Natalie Friedrich an der Rhein-Haardt-Klinik in Bad Dürkheim. Diese haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein höheres Gefährdungspotenzial und besitzen eine stärkere Affinität zum Glücksspiel. Auch gefährdet seien Polen und Russen. Die Psychotherapeutin betonte, dass viele ihrer Patienten eine instabile Persönlichkeit aufweisen, die sich in einer geringen Frustrationstoleranz, hoher Impulsivität, verstärkter Empfindlichkeit und nicht vorhandenen Bewältigungsstrategien bei auftretender Spielsucht zeigen. Gleichzeitig würden die pathologischen Spieler mit Migrationshintergrund als „Schande für die Familie“ angesehen und oftmals von dieser verstoßen. Auch seien die Abbruchraten der Therapien bei türkisch-/arabischstämmigen Männern höher als zum Beispiel bei Russen oder Polen. Türken und Arabern falle es zudem schwer, eine dauerhafte Distanz zu den Spielautomaten aufzubauen, auch weil soziale Kontakte häufig in kultureigenen Gaststätten stattfinden. Schnell erliegen die pathologischen Spieler dann dort erneut den Reizen des Glücksspiels.

Sich vom Spielbetrieb sperren zu lassen, ist für den Süchtigen fast immer die einzige Chance, sich den Reizen durch bestimmte Farben und Geräusche der Automaten zu entziehen. Die Spielsperre dient dem Schutz vor sich selbst. Denn schon nach wenigen Augenblicken der Konfrontation wird beim Rezipienten eine massive Luststeigerung auf das Spiel ausgelöst. Eine lang anhaltende Konditionierung durch signifikante Reize zeigt beim Süchtigen sofort Wirkung. Die innere Lust auf das Spiel verdrängt dann jede rationale Auseinandersetzung. Die Folge sind stundenlange Spielorgien, die erst enden, wenn das gesamte Kapital aufgebraucht ist oder sogar Schulden gemacht werden.

Allein in Hessen wurden bereits rund 13 000 Sperranträge gestellt, berichtete Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht, davon allerdings nur etwa 140 durch die Spielhallenbetreiber selbst. Dabei unterliegen die Unternehmen einer besonderen, gesetzlichen Fürsorgepflicht gegenüber den Kunden, also den Spielern. Bei den großen Spielstätten gebe es eine größere Bereitschaft, den gesetzlichen Auflagen zu folgen, als bei kleineren Betrieben, betonte Füchtenschnieder. Wichtig sei, den Betroffenen beim Antrag auf eine Spielsperre nicht allein in die Spielothek gehen zu lassen.

Ampelmodell in der Therapie

Mithilfe eines Warnsystems soll sich der pathologische Spieler vor den Gefahren des Glücksspiels und einem möglichen Rückfall schützen lernen. Die Psychotherapeutin Sarah Leipner von den Kliniken Daun am Rosenberg sieht in dem Ampelmodell eine große Hilfe für den pathologisch Spielsüchtigen. Wie bei einer Ampel im Straßenverkehr werden dem Spieler bestimmte Wege erlaubt und andere wiederum gesperrt.

  • Rot steht dabei für ein Tabu: Alles, was sich in diesem Cluster befindet, wie Glücksspielautomaten, Poker und andere Kartenspiele um Geld, soll der Süchtige aus seiner Wahrnehmung verbannen.
  • Gelb steht für die Gefahr: darunter werden risikobehaftete Spiele verstanden, bei denen es um Wettbewerb geht, der mit einer Belohnung verbunden ist. Das kapitalorientierte Monopoly wird hierbei schon durch virtuelle Geldgewinne zur Gefahr.
  • Grün gilt als unbedenklich: darunter fallen Spiele wie Scrabble, Schach oder Mühle.

Leipner betonte, dass man von einem generellen Verbot aller Spiele inzwischen absieht. Dadurch soll es dem Betroffenen besser gelingen, mit der Konfrontation von Spielen zurechtzukommen.

Jürgen Spath

vorwurf des Lobbyismus

Auf Einladung des Fachverbandes Glücksspielsucht stellte der Journalist und Experte für Lobbyismus, Dietmar Jazbinsek, dem Publikum seine Recherchen vor. Er kritisierte die Politik dafür, sich durch die Lobby der Spielautomatenindustrie zu stark beeinflussen zu lassen. Dadurch gerate der Schutz der Glücksspielkonsumenten in den Hintergrund. „Gespräche mit Politikern sind käuflich“, sagte Jazbinsek und verwies auf den CDU-Politiker Jürgen Rüttgers und verschiedene SPD-Poliker, denen vorgeworfen wurde, zahlungskräftigen Sponsoren für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Parteien fast aller Richtungen würden durch die Glücksspielindustrie auf Festen gesponsert. Im Jahre 2014 habe zudem einer der größten Glücksspielanbieter Deutschlands jeweils 12 000 Euro an CDU/CSU, FDP und SPD gespendet, sagte der Journalist. Zudem werden in den Zeitschriften der Parteien Anzeigen der Glücksspielbetreiber geschaltet. Jazbinsek sieht die Automatenindustrie als „eine Traumfabrik, die zwischen 60 und 70 Prozent ihrer Kunden zu Süchtigen erzieht“.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema