ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2017ADHS: Wissenschaftliche Arroganz
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Die in diesem Artikel bis in die Sprache hinein zum Ausdruck kommende wissenschaftliche Überheblichkeit kann ich so nicht stehen lassen. Die Literaturwissenschaftlerin in mir ärgert sich über die emotionslose und abstrakte Fachsprache. Die Psychoanalytikerin für Kinder und Jugendliche schmerzt etwas anderes noch viel mehr: die im Artikel durchgängige selbe Beziehungslosigkeit, wie sie in Familien mit einem sogenannten ADHS-Kind herrscht. Beim aufmerksamen Durchlesen hatte ich das Gefühl, mir liegt gerade ein theoretisches Grundlagenwerk für ADHS vor. Allein diese Formulierungen, angefangen bei der Definition über die Aussage „gut gesicherte Erkenntnisse“ bis hin zu der Aussage „genetische Ursachen haben den den größten Anteil, wobei Umweltfaktoren wesentlich an der Entwicklung beteiligt sind“. Umweltfaktoren ... sind familiäre Konstellationen gemeint? Wenn ich in der Therapie Eltern gegenüber von Umweltfaktoren spreche, sehen die vor ihrem geistigen Auge Bilder von Umweltverschmutzung,- Katastrophen, halt Zeitgeistbilder ablaufen – aber gewiss keine Faktoren, die mit ihnen und ihrer eigenen Familie zu tun haben. (...)

Die Autoren schreiben: „Neben verhaltenstherapeutisch fundierten Behandlungen im Einzel- und Gruppensetting (im Kindes- und Jugendalter einschließlich Elterntraining und Interventionen in Kindergarten und Schule) hat sich besonders die pharmakologische Therapie bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als wirkungsvoll erwiesen.“ So eine Behauptung kann ich nicht stehen lassen! Ich bin seit 22 Jahren Psychoanalytikerin für Kinder und Jugendliche. Bei nur zwei Kindern hat sich die ADHS-Symptomatik nicht auflösen oder zumindest stark verringern lassen. Alle anderen Jungen und ein paar wenige Mädchen hatten nach zwei bis drei Jahren Therapie keine ADHS-Symptome mehr. Und zwar ohne pharmakologische Therapie – auch wenn viele der Kinder zu Beginn der Behandlung noch Ritalin oder ein anderes methadongestütztes Medikament genommen haben. Aktuell ist ein Kind bei mir in Therapie, dass durch die hohe Dosierung mit Ritalin zwar ganz erträglich in der Schule geworden ist, doch – so die Lehrerin – in der „Pause nur apathisch neben mir stehen blieb ..., er hatte keine Energie, mit den anderen Kindern zu spielen“. Das Schlimmste aber war, dass dieser elfjährige Junge ganz starke Zuckungen im Gesicht hatte. Als die Eltern das Ritalin abgesetzt hatten, konnte ich entdecken, wie hübsch der Junge ist. (...) Pharmakotherapie bei Kindern zu empfehlen, ist unverzeihlich und – wenn ich das so sagen darf – einer anständigen und ehrlichen Wissenschaft nicht würdig.

Dr. phil. Nelia Schmid König, 81375 München

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