ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2017Reinigungskräfte im Krankenhaus: Sekundäre Traumatisierung

WISSENSCHAFT

Reinigungskräfte im Krankenhaus: Sekundäre Traumatisierung

PP 16, Ausgabe Januar 2017, Seite 33

Baumann, Kathrin

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Der psychischen Belastung von Reinigungskräften auf der Intensivstation wurde bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist möglich, sie in ihren Bewältigungsversuchen professionell zu unterstützen.

Die hohe psychische Belastung von Pflegekräften und Ärzten auf Intensivstationen ist in Untersuchungen belegt worden (1). Die rollenbedingte Unmöglichkeit, bei der Arbeit Leid, Schmerz, Angst und Tod von Patienten auszuweichen, kann, langsam und unmerklich, zu einer berufsbedingten „sekundären Traumatisierung“ führen (2), auch als Mitgefühlserschöpfung bezeichnet (3). Ständig in das Gefühlschaos traumatisierter Patienten und deren Angehörigen hineingezogen zu werden und dieses mitzufühlen, hinterlässt oft Spuren, die den Symptomen traumatisierter Menschen ähneln: Albträume, intrusive Gedanken und Bilder, Depression, Gereiztheit, Schlafstörungen, Bedrohungsgefühle mit sozialem Rückzug, erhöhter Konsum von Alkohol und Medikamenten (4).

Der Belastung anderer Berufsgruppen wurde bisher allerdings wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dies zeigte sich in zwei Sitzungen für Mitarbeiterinnen der Gebäudereinigung („Hauswirtschaft-Plus-Kräfte“) der internistischen Intensivstationen des Universitätsklinikums Freiburg, die von einer Fachärztin des Psychosomatischen Liaison- und Konsildienstes im Mai 2016 angeboten wurden. Die hauswirtschaftliche Betriebsleiterin hatte um Unterstützung ihrer Mitarbeiterinnen gebeten, da sie in Gesprächen oft von deren psychischen Belastungen erfahren hatte. Die überwiegend ausländischen Reinigungskräfte stammen aus Ländern mit hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Belastungen oder Krieg. Somit weisen sie größtenteils die bekannten Risikofaktoren auf, wie sie für die sekundäre Traumatisierung beschrieben sind (5): Traumatisierungen in der eigenen Vorgeschichte, problematische soziale Umstände mit hohem Lebensstress, eingeschränkte Ressourcen und Bewältigungsstrategien.

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Die Sitzungen wurden mit thematischem Fokus auf die spezifischen Belastungen und Bewältigungsstrategien interaktiv gestaltet.

Als besonders belastend wurden folgende Situationen benannt:

  • der Kontakt mit Angehörigen, wodurch das emotionale Erleben eigener Verlusterfahrungen reaktualisiert werden kann,
  • das Erleben sterbender Patienten, das traumatische Erfahrungen reaktivieren oder Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit hervorrufen kann,
  • der Anblick Verstorbener, der oft den jüngeren Mitarbeitern große Angst bereitet,
  • die in Einzelsituationen erbetene, aber nicht zum Arbeitsauftrag gehörende Übersetzung von belastenden Fakten zwischen Ärzten und fremdsprachigen Angehörigen.

In den ersten beiden Jahren ihrer Tätigkeit erleben viele Mitarbeiterinnen die beschriebenen Symptome einer sekundären Traumatisierung. Nicht wenige werden in den genannten Situationen in ihren eigenen unverarbeiteten Traumatisierungen getriggert und leiden unter Flashbacks, anderen dissoziativen Phänomenen, Ängsten, emotionaler Erregung oder Betäubung. Die vorbestehenden Risikofaktoren wie auch ein starkes Ohnmachtsgefühl (mangels Information, mangels psychologischem Wissen und mangels aktiven Gestaltungsmöglichkeiten der Situation) leisten der Entwicklung dieser Symptome Vorschub.

Mit zunehmender Beschäftigungszeit entwickeln die Mitarbeiterinnen mehr Bewältigungsstrategien, zum Beispiel:

  • Distanzierung, Ablenkung, Vermeidung der Situation,
  • Selbstberuhigung durch Auszeiten, Ausatmen, Wasser trinken, Rauchen,
  • Austausch mit Kolleginnen,
  • Unterstützung der Angehörigen mit kleinen, freundlichen Gesten,
  • innerliches Verabschieden der Verstorbenen mit einem Wort, Bild oder einem Gebet,
  • Entlastung und Unterstützung durch die Vorgesetzte,
  • Inanspruchnahme von Psychotherapie.

Die anschließende Auswertung führte dazu, die Mitarbeiterinnen zukünftig in ihren Bewältigungsversuchen früher, systematischer und professioneller unterstützen zu wollen. Entsprechende präventive Konzepte sind hierzu in Planung.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2017; 15 (1): 33

Anschrift der Verfasserin

Dr. med. Kathrin Baumann,
Zentrum für psychische Erkrankungen,

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg

1.
Mealer M, et al: The prevalence and impact of post traumatic stress disorder and burn out syndrome in nurses, Depress Anxiety 2009; 26 (12) CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Reinhard F, Maercker A: Sekundäre Traumatisierung, posttraumatische Belastungsstörungen, Burnout und soziale Unterstützung bei medizinischem Rettungspersonal, Zeitschrift für medizinische Psychologie 2004; 13 (1), 29–36.
3.
Figley CR: Compassion fatigue. Coping with secondary traumatic stress disorder in those who treat the traumatized, New York: Brunner/Mazel 1995.
4.
Daniels J: Sekundäre Traumatisierung – eine Interviewstudie zu berufsbedingten Belastungen von TherapeutInnen, Psychotherapeut 2008; 53 (2), 100–107 CrossRef
5.
Lerias D, Byrne M: Secondary traumatisation – Symptoms and predictors, Australian Journal of Psychology 2003; 55, 104 – 105.
1. Mealer M, et al: The prevalence and impact of post traumatic stress disorder and burn out syndrome in nurses, Depress Anxiety 2009; 26 (12) CrossRef MEDLINE PubMed Central
2. Reinhard F, Maercker A: Sekundäre Traumatisierung, posttraumatische Belastungsstörungen, Burnout und soziale Unterstützung bei medizinischem Rettungspersonal, Zeitschrift für medizinische Psychologie 2004; 13 (1), 29–36.
3. Figley CR: Compassion fatigue. Coping with secondary traumatic stress disorder in those who treat the traumatized, New York: Brunner/Mazel 1995.
4. Daniels J: Sekundäre Traumatisierung – eine Interviewstudie zu berufsbedingten Belastungen von TherapeutInnen, Psychotherapeut 2008; 53 (2), 100–107 CrossRef
5. Lerias D, Byrne M: Secondary traumatisation – Symptoms and predictors, Australian Journal of Psychology 2003; 55, 104 – 105.

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