ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2017Systemische Sexualtherapie: Ewig lockende und gefährliche Sehnsucht

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Systemische Sexualtherapie: Ewig lockende und gefährliche Sehnsucht

PP 16, Ausgabe Januar 2017, Seite 36

Moser, Tilmann

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Die Zahl der Paartherapiebücher wächst beinahe exponentiell, und allen scheint gemeinsam, zunächst einmal die Sprachstörungen zwischen den Partnern zu beheben, damit wieder aufrichtige Kommunikation entstehen kann. Über zu viel Peinliches und Beschämendes wird geschwiegen. Ulrich Clement nähert sich mit erfahrungs- und theoriereichem Mut diesem Zentralthema. Deshalb sein Programm: „Aber der Witz der erotischen Spannung, ihre Leichtigkeit und ihre Vitalität entfalten sich erst in Verbindung mit den ,schwerenʼ Seiten, mit Bedürftigkeit, Scham und Angst ebenso mit Bosheit, mit Macht, Angst und Schmerz.“ Dies alles untersucht er mit vielen spannenden Fallgeschichten, ausgehend von den Klagen seiner Patienten: Untreue, Erstarrung, Langeweile, Resignation. Aber: „Was ist der Resignation vorausgegangen? Welches beunruhigende Gefühl oder welcher bedrohliche Inhalt wird durch die Langeweile unsichtbar gemacht? Was folgt der Ratlosigkeit?“

Clement gibt faszinierende Einblicke in seine Praxis, mit vielen „tools“ der Interventionen, unter anderem einer, die das Sprechen wieder in Gang setzt: Er lässt die Partner getrennt aufschreiben, was sie aneinander stört und beglückt, und nach einer therapeutischen Vorbereitung bittet er, die Berichte auszutauschen: Erstaunen, Befremden, Schock, Jammern und Zähneklappern, aber auch neue Neugier können die Folge sein, aber die Offenbarung braucht die beruhigende und ermutigende Moderation des Therapeuten.

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Clement unterscheidet als basale Ziele: „Lust, Intimität, Stressreduktion, Selbstwert, Reproduktion“ und unterscheidet Sex als reine Aktion von der Sexualität als „Sein“, also als einen viel tieferen Zustand des Erlebens.

Viele Tabellen können die Lektüre stören, aber Clement belebt seine zahlreichen Tabellen mit spannenden Erklärungen, die Überblick mit enormer Belesenheit und Reflexion verbinden. Er führt gelassen durch die Praxisgeschichte der Sexualberatung und man folgt gespannt den Wandlungen in der Wahrnehmung von Sexualität und deren Verwundungen.

Man darf Clements Werk auch ruhig als allgemein analytisches Lehrbuch lesen, unter dem speziellen Aspekt der Paardynamik und ihrer oft niederschmetternden Probleme. Außerdem ist er ein wissenschaftlicher Sprachmeister, und das erhöht den Genuss. Tilmann Moser

Ulrich Clement: Dynamik des Begehrens. Systemische Sexualtherapie in der Praxis. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2016, 201 Seiten, kartoniert, 21,95 Euro

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