ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2017Mütter und Söhne: Transgenerationelle Wucht der Inzestfolgen

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Mütter und Söhne: Transgenerationelle Wucht der Inzestfolgen

PP 16, Ausgabe Januar 2017, Seite 36

Kattermann, Vera

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Die Konzeption des Ödipuskomplex ist wohl das bekannteste „Markenzeichen“ Sigmund Freuds: die Liebesgefühle des Sohnes zu seiner Mutter, die aufgrund der Inzestschranke verdrängt werden müssen, werden als ubiquitär gültiges männliches Grunddilemma postuliert. Da mag es erstaunen, dass der Psychoanalytiker Mathias Hirsch in seinem neuen Buch „Mütter und Söhne – blasse Väter“ die Mutter-Sohn-Beziehung als „kaum erforschtes, fast verborgenes Gebiet“ bezeichnet, in das er mehr Licht bringen möchte. Immerhin: in Bezug auf inzestuöse Beziehungen und sexuellen Missbrauch hat der Autor natürlich recht. Denn im Gegensatz zu zahlreichen Veröffentlichungen zu den Folgen von Vater-Tochter-Inzest wird der Mutter-Sohn-Inzest eher selten thematisiert – vermutlich, weil die Prävalenz seltener ist. Vermutlich aber auch, weil die Mutter als Täterin eine bedrohliche und schwerer zu fassende Vorstellung ist.

Hirsch geht es in seinem Buch um die Söhne einer sexualisierenden Mutter, die ihren Jungen und seinen Penis zu eigenen seelischen Zwecken instrumentalisiert, während der Vater real oder psychisch abwesend ist. Hirsch spricht in diesen Fällen von „Pseudoödipalität“ – das Begehren geht von der Mutter aus, noch bevor der Sohn es entwickeln kann; der Vater schützt seinen Sohn nicht vor ihrer übergriffigen Nähe. Das Buch untersucht die psychodynamischen Hintergründe eines solchen pseudoödipalen Dreiecks – und zwar sowohl im Hinblick auf die zu vermutende Pathologie der Mutter als auch bezogen auf die entstehende innerseelische Konfliktdynamik im Sohn. Hinter einer verunsicherten männlichen Identität scheinen massive sexuelle und Beziehungsstörungen auf, innerhalb derer die einstigen Söhne zwischen triumphalen Größenphantasien und Angst-, Kleinheits- und Überforderungsgefühlen hin- und hergeworfen sind. Oftmals dient die Sexualität dann zum Herstellen eines Machterlebens, das frühe Ohnmachtsgefühle abwehren soll. Prädisposition für einen Wechsel in die Täterrolle als Identifikation mit dem Aggressor? Tatsächlich lässt sich in der Psychodynamik von Inzestvätern häufig ein früher sexueller oder sexualisierter Missbrauch durch die Mutter finden – die transgenerationelle Weitergabe dieser Traumatisierung wird somit als potenziell fortlaufende Endlosschleife deutlich. Hirsch widmet diesem fatalen Geschehen denn auch ein eigenes Kapitel. Umso dringlicher, diese Endlosschleife zu durchbrechen, auch mithilfe von traumasensibler Psychotherapie.

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Hirsch lässt in seinem Buch viele Patienten zu Wort kommen, die als „pseudoödipal Missbrauchte“ versuchen, ihre Beziehungsstörungen, wie etwa die panische Angst vor Nähe und ihre Beschädigungen im männlichen Selbstbild, zu bearbeiten. Die Fallvignetten, die teilweise auch gruppentherapeutische Behandlungsverläufe nachzeichnen, machen die abgründigen Ausfältelungen der pseudoödipalen Situation plastisch und helfen, ein feineres Gespür für die damit verbundenen Entwicklungsaufgaben zu entwickeln. Fast bedauert man, dass Hirsch nicht noch umfänglicher auf die Beleuchtung der Mutter-Sohn-Beziehung eingeht, sondern einen Teil des Buches noch dem Verständnis der Prostitution und ihrer möglichen Ätiologie im Vater-Tochter-Inzest widmet. Die transgenerationelle Wucht der Inzestfolgen hat – so wird auch hier spürbar – eine ungeheure Macht. Insgesamt ist Mathias Hirsch ein hilfreiches und lohnenswert erhellendes Buch über die fatalen Folgen von sexualisierten Dreiecksverhältnissen gelungen. Vera Kattermann

Mathias Hirsch: Mütter und Söhne – blasse Väter. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016, kartoniert, 200 Seiten, 22,90 Euro

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