ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2017Medizingeschichte: Berühmte Entdecker von Krankheiten – Hakaru Hashimoto war seiner Zeit weit voraus

SCHLUSSPUNKT

Medizingeschichte: Berühmte Entdecker von Krankheiten – Hakaru Hashimoto war seiner Zeit weit voraus

Dtsch Arztebl 2017; 114(3): [128]

Schuchart, Sabine

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Hakaru Hashimoto
Hakaru Hashimoto

Die nach dem japanischen Chirurgen und Pathologen benannte Autoimmunkrankheit der Schilddrüse ist jedem Arzt ein Begriff. Weniger bekannt ist die Person, die die Hashimoto-Thyreoiditis vor mehr als 100 Jahren erstmals beschrieb.

Als seine Dissertationsschrift „Zur Kenntnis der lymphomatosen Veränderung der Schilddrüse” 1912 im Berliner „Archiv für Klinische Chirurgie“ erschien, war Hakaru Hashimoto 30 Jahre alt und arbeitete als Assistenzarzt an der Chirurgischen Universitätsklinik Kyushu, einem Zweig der Universität Kyoto. Hashimoto wurde 1881 als dritter Sohn in eine traditionsreiche Medizinerfamilie geboren. Besonders geprägt war er von seinem Großvater Gen’i Hashimoto, einem berühmten Arzt der ausgehenden Edo-Ära, der westliche Operationstechniken an einer der niederländischen Medizinschulen in Japan studiert hatte. Mit Prof. Hayari Miyake, einem Pionier der Neurochirurgie, hatte er zudem einen Chef, der ihn in seinen wissenschaftlichen Ambitionen unterstützte.

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An der Kyushu-Klinik gab es viele Struma-Patienten, deren Schilddrüse, wie damals üblich, teilweise oder ganz entfernt wurde. Bei der postoperativen mikroskopischen Untersuchung von Schilddrüsengewebe fiel dem jungen Arzt bei vier Patientinnen etwas absolut Ungewöhnliches auf: lymphozytäre Infiltrate, Ansammlungen körpereigener Abwehrzellen, bei entzündlicher Gewebsveränderung sowie Fibrose. Detailliert beschrieb er seine Entdeckung, die er „lymphomatose Struma“ nannte, und grenzte sie von ähnlich erscheinenden Krankheiten der Schilddrüse ab. Er durchforstete die Medizinliteratur zu dem Thema und folgerte, dass es „einen Faktor geben müsse, der die Expansion lymphatischer Zellen stimuliere, dieser aber zum derzeitigen Zeitpunkt noch unbekannt sei“.

Eine Erkenntnis, die sich als zutreffend erweisen sollte, aber in den folgenden vier Jahrzehnten nur wenig Aufmerksamkeit auf sich zog. Seine Entdeckung hatte er in einer deutschen Medizinzeitschrift veröffentlicht, um sie außerhalb Japans bekannt zu machen, aber infolge der Wirren des 1. Weltkrieges geriet sie aus dem Blickfeld. Erst als in den 1930er-Jahren Studien in Amerika und England bestätigten, dass es sich bei der Thyreoiditis des Japaners um eine eigene, neue Krankheit handelte, wie dieser von Anfang an behauptet hatte, etablierte sich die Bezeichnung Hashimoto in medizinischen Fachbüchern. Doch noch immer sah man darin eine seltene Erkrankung, eine histologische Kuriosität. Zur Sensation kam es 1956, und dies wiederum in Amerika und England: Zwei Forscherteams wiesen etwa zeitgleich im Serum von Hashimoto-Patienten Autoantikörper gegen Schilddrüsenproteine nach. Die große Unbekannte in Hashimotos Konzept, die Autoimmunkrankheit, war entdeckt.

Mit diesem die Medizin revolutionierenden Fund war nun auch die bahnbrechende Bedeutung von Hashimotos Beitrag klar. Da lebte er aber schon längst nicht mehr. Kurz nach der Veröffentlichung war er an die Universität Göttingen gegangen, um über Tuberkulose zu forschen. Kriegsbedingt kehrte er 1915 via England nach Japan zurück. Dort führte er – unbekannt, aber hochgeschätzt bei seinen Patienten – die Landklinik des verstorbenen Vaters weiter. Dazu gehörte auch, Kranke in der klinikeigenen Rikscha zu besuchen. Bei einem dieser Hausbesuche infizierte sich Hashimoto mit Typhus und verstarb 1934 mit nur 52 Jahren. Zum Andenken an den Mediziner führt die Japanische Schilddrüsenvereinigung sein Porträt in ihrem Logo.

Sabine Schuchart

Hashimoto-Thyreoiditis

1912 verfasste Hakaru Hashimoto eine 30-seitige Abhandlung, in der er die histologischen Charakteristika einer bis dato unbekannten Schilddrüsenkrankheit beschrieb. Damit legte er den Grundstein zum Verständnis der Hashimoto-Thyreoiditis, einer Autoimmunerkrankung, bei der Schilddrüsengewebe durch körpereigene Zellen zerstört wird. Unter dem Begriff werden heute zwei Verlaufsformen der autoimmunen Thyreoiditis zusammengefasst: die von Hashimoto erforschte Schilddrüsenvergrößerung (Struma) – die Hashimoto-Krankheit im engeren Sinne – und die 1878 von dem Briten William Miller Ord beschriebene Verkleinerung der Schilddrüse oder Ord-Thyreoiditis. An Hashimoto sind in Westeuropa cirka ein bis zwei Prozent der Bevölkerung erkrankt, der Anteil der subklinischen Verläufe liegt bei 6 bis 8 Prozent. Frauen sind etwa zehnmal so oft betroffen wie Männer.

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