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Videosprechstunde: Medizin ist Kommunikation

Dtsch Arztebl 2017; 114(3): A-51 / B-47 / C-47

Schmedt, Michael

Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Das Arzt-Patienten-Verhältnis steht und fällt mit einer guten Kommunikation. Diese war über Jahrhunderte vom persönlichen Kontakt geprägt. Die Erfindung des Telefons hat das Prinzip des direkten persönlichen Kontakts bereits aufgeweicht: Das Telefongespräch zur Nachsorge oder Befundübermittlung ist heute Tagesgeschäft.

Mit dem Internet hat sich die Videotelefonie im Alltag seit Langem etabliert. Da war der Weg zur Videosprechstunde nicht weit. Jetzt kommt sie mit großen Schritten, denn auch die Wirtschaft hat das Potenzial erkannt. Nichts ist im Internet so wertvoll wie viele Nutzer. So war es keine Überraschung, als in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass das Arztbewertungsportal Jameda – eine Tochter des Burda-Verlags – das Internetstartup Patientus, das Ärzten Software für Videokonferenzen anbietet, gekauft hat. Jamedas Angebotspaket ist damit komplett: Arztsuche mit Bewertung, Onlineterminbuchung und Videosprechstunde.

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Der Zeitpunkt dieser Transaktion kommt ebenfalls nicht überraschend. Denn zum 1. Juli dieses Jahres soll die Videosprechstunde mit einer eigenen Gebührenordnungsposition eingeführt werden, wie das E-Health-Gesetz es vorgegeben hat. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband haben im Oktober letzten Jahres die technischen Anforderungen festgelegt. Jetzt müssen sich die beiden Akteure neben geeigneten Fachgruppen und Indikationen bis zum 31. März dieses Jahres auf eine Vergütung einigen. Denn auch wenn die Vorteile auf der Hand liegen – keine Anfahrtswege und Wartezeiten für den Patienten, Entzerrung des Praxisbetriebs und die Verbesserung der Verlaufskontrolle –, Organisation und technische Anforderungen verursachen in der Arztpraxis Kosten.

Das ein großer Medienverlag in Videosprechstunden investiert, macht deutlich, dass diese Entwicklung in der Arzt-Patienten-Kommunikation in Zukunft nicht mehr wegzudenken sein wird. Auch die Krankenkassen sind schon sehr aktiv und bieten solche Sprechstunden an. Zudem wünschen sich die Patienten mehr Flexibilität. Die Absicht Burdas liegt auf der Hand: Mit rund 5,5 Millionen Besuchern pro Monat bietet Jameda ideale Voraussetzungen für Patientus, Kunden zu gewinnen – bei Ärzten und auch Patienten: Letztere werden sich nicht nur von guten Bewertungen leiten lassen, sondern auch den „modernen Arzt“ suchen, der eine Onlineterminevergabe und eine Videosprechstunde anbietet. Ärzte können so unter Zugzwang geraten. Daher ist es sehr wichtig, dass der Gesetzgeber und die Selbstverwaltung die Regularien für Videosprechstunden festlegen. So bleibt es dabei, dass der Patient einmal persönlich in der Praxis gewesen sein muss, bevor er telefonisch oder per Video weiterbetreut werden kann. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird in Großbritannien anders gehandhabt: Dort füllt der Patient online einen Fragebogen aus, den ein Arzt begutachtet und bei „klarer Diagnose“ ein Rezept ausstellt. Das sollte nicht die Zukunft der Medizin sein.

Medizin ist Kommunikation, auch die per Video. Diese muss aber klare Regeln haben. Dann ist sie eine sinnvolle telemedizinische Leistung, die Arzt und Patient hilft. Ärzte müssen sich dem stellen und als Experten die Entwicklung mitbestimmen. Und vieles regelt sich pragmatisch: Das Ekzem auf dem Rücken oder die Entzündung im Rachen sind für Patient und Webcam schon eine Herausforderung.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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