ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2017Öko­nomi­sierung: Huxley lässt grüßen
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„Ausreichend, wirtschaftlich, zweckmäßig“ ... so steht es in § 12 des SGB V geschrieben. Nur – was bedeutet das in der Realität? Die „Durch-Öko­nomi­sierung“ unseres Gesundheitssystems durch mittelmäßige Ökonomen nimmt immer absurdere Formen an.

Ein Beispiel aus der eigenen Klinik: Bedingt durch Personaleinsparungsmaßnahmen in der Physiotherapie beträgt die durchschnittliche Behandlungszeit pro Patient noch 15 Minuten (einschließlich Dokumentation), bei einem anerkanntermaßen immer älteren und kränkeren Patientengut auch in der Intensivmedizin.

Sind 15 Minuten „ausreichend, wirtschaftlich, zweckmäßig“?

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Ich habe bei einer meiner Patientinnen, welche eine erheblich intensivere Physiotherapie nach knapp zwei Wochen Respiratortherapie benötigte, eine externe Physiotherapiepraxis in Absprache mit den Angehörigen für eine tägliche 60-minütige physiotherapeutische Behandlung beauftragt – auf Kosten der Angehörigen. Auch aufgrund dieser intensivierten Behandlung konnte die Patientin binnen zehnTagen in eine Rehabilitationsklinik verlegt werden.

„Ausreichend, wirtschaftlich, zweckmäßig“? Der in der Bundesrepublik Deutschland forciert eingeschlagene Weg der „Durch-Öko­nomi­sierung“ unseres Gesundheitswesens ist mit Blick auf die bekannte Daseinsfürsorge unseres Staates kontraproduktiv: Patienten sind nun mal keine Wirtschaftsgüter, sondern in erster Linie Kranke!

Leider findet bei diesem zentralen Thema weder seitens der Ärzteschaft noch des Pflegepersonals geschweige denn seitens der Bevölkerung eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Frage statt, was wir uns in Zukunft noch leisten wollen oder können. Es würde mich deshalb nicht überraschen, wenn demnächst im Rahmen einer stationären Behandlung weitere Leistungen ganz ungeniert von den Patienten und/oder den Angehörigen bezahlt werden sollen – damit es sich „ökonomisch“ rechnet und Geld verdient wird. Aldous Huxley lässt grüßen: schöne neue Welt.

Prof. Dr. med. Hans-Bernd Hopf, 63225 Langen

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