SEITE EINS

Gewaltübergriffe auf Helfer: Null-Toleranz reicht nicht

Dtsch Arztebl 2017; 114(4): A-137 / B-125 / C-125

Maibach-Nagel, Egbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Gewalt gegen Rettungshelfer ist leider keine Seltenheit mehr. Aggression und tätliche Übergriffe sind längst Teil des beruflichen Erlebens von Ärzten, Feuerwehr und Rettungskräften. Neun von zehn Hausärzten, so eine im März 2015 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Befragungsstudie ( 10/2015 vom 6. März 2015), haben Aggression erleben müssen, mehr als jeder Zehnte war mit schwerer Aggression oder Gewalt konfrontiert. Es sind keine Einzelfälle.

Die zur Jahreswende festgestellten, zum Teil wohl sogar geplanten Angriffe gegen Rettungshelfer sind vorläufig trauriger Höhepunkt einer Entwicklung, die aufzeigt, wie verroht Menschen in der zivilisierten Welt inzwischen miteinander umgehen.

Anzeige

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat auf dem Neujahrsempfang der Ärzte am vergangenen Freitag in Berlin noch einmal bekräftigt, dass diese Art von Gewalt nicht toleriert werden darf. „Null-Toleranz“ und „gesellschaftliche Ächtung“ waren die Worte, die der humanitär denkende Gröhe wählte, um seine Abscheu gegenüber immer verrohter wirkenden Gewalttaten auszudrücken.

In der Tat sind die zum Jahreswechsel berichteten Gewalttaten keine gesellschaftlichen Eintagsfliegen. Die Fälle gehen bis heute in die Tausende. Dass in Mitteleuropa Gewalt zur Tagesordnung gehört, dass selbst dort, wo Helfer gefährdeten Menschen beistehen wollen, moralische Schranken keine Rolle mehr spielen, ist ernüchternd, aber nicht neu.

Deutschlands Ärzten wird inzwischen schon auf Schulungen beigebracht, wie sie sich verhalten müssen, um etwaigen Übergriffen zu entgehen. Seminare sollen helfen, zu deeskalieren oder präventive Maßnahmen zu treffen. Stationäre Einrichtungen gehen inzwischen zum Teil dazu über, Sicherheitskräfte zu beschäftigen, um sich gegen aggressive Patienten oder Angehörige zu erwehren.

All das ist Resultat einer statistisch auffälligen Entwicklung. Über die Ursachen wird divers diskutiert. Um etwaigen politisch motivierten Mutmaßungen zuvorzukommen: Aggressivität und Gewalt ist, soviel weisen die Untersuchungen aus, keine Frage von Herkunft oder Hautfarbe. Vielmehr ist es affin zu Alkoholisierung, Drogenrausch, psychischer Überforderung oder deren unheilvolle Kombinationen.

Insofern ist Gröhes Forderung, in dieser Frage Null-Toleranz walten zu lassen, sicherlich empathisch passförmig. Sie hilft aber nicht, die den Symptomen zugrunde liegenden Ursachen zu beseitigen. Wertebezogene Desorientierung lässt sich nicht mit Schutzanzügen der Helfer oder Aikido beseitigen.

Das braucht mehr. Zum Beispiel können Bildung in Kombination mit humanethischer Orientierung, Teilhabe an gesellschaftlicher und politischer Verantwortung eine Plattform schaffen, auf dem die Bürger dieser Gesellschaft sicherer stehen können. Das allerdings braucht Zeit und gesellschaftliches Engagement.

Bis dahin bleibt Ärzten, Polizisten, Rettungsfachleuten oder der Feuerwehr nur die Möglichkeit, sich durch Prävention, Sicherheitsvorkehrungen und erlernte Techniken gegen Angriffe zu verteidigen, die verhindern, dass Menschen geholfen wird. Null-Toleranz, wie sie jetzt wieder zur Sprache kommt, kann zwar bedingt gegen die Symptome vorgehen. Zur Beseitigung der Ursachen ist Grundlegenderes erforderlich.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 21. Februar 2017, 00:18

Kein Schutz für Vertragsärzte, MFA und Laien-Ersthelfer!

ERSTHELFER, ÄRZTE, PFLEGE- UND LOGISTIK-KRÄFTE BLEIBEN AUSGESCHLOSSEN! Um Missverständnissen vorzubeugen: Der neue Gesetzentwurf der Bundesregierung sieht keinerlei extra Schutz- und Straf-Maßnahmen für einen deutlich erweiterten Personenkreis vor!

"Der neue Straftatbestand verzichtet für den tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte auf den bislang in § 113 Absatz 1 StGB erforderlichen Bezug zur Vollstreckungshandlung. Künftig werden damit auch schon tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte, die lediglich allgemeine Diensthandlungen wie Streifenfahrten oder -gänge, Befragungen von Straßenpassanten, Radarüberwachungen, Reifenkontrollen, Unfallaufnahmen, Beschul-digtenvernehmungen und andere bloße Ermittlungstätigkeiten vornehmen, unter Strafe gestellt."

Und weiter in schönstem Juristen-Deutsch: "Kräfte der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes und der Rettungsdienste sind bereits nach geltendem Recht bei Hilfseinsätzen über den Verweis des § 114 Absatz 3 StGB auf § 113 StGB wie Vollstreckungsbeamte geschützt."...

"Künftig sollen auch Personen, die tätliche Angriffe auf Hilfskräfte der Feuerwehr usw. verüben, die sich im Hilfseinsatz befinden, ebenfalls aus dem erhöhten Strafrahmen des § 114 StGB-E bestraft werden. Richtet sich künftig eine Widerstandshandlung mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt gegen Vollstreckungshandlungen des in § 115 StGB-neu geschützten Personenkreises, so ist § 113 StGB entsprechend anwendbar. Bei einem tätlichen Angriff gegen eine Vollstreckungshandlung oder sonstige Diensthandlung des in § 115 StGB-E geschützten Personenkreises ist § 114 StGB-E entsprechend anwendbar."

Daraus geht unzweifelhaft hervor, dass nicht institutionell tätige Sanitäter, Notärzte/-innen, Vertragsärzte, Fahrdienst-/Logistik-, Fachpflegekäfte und Laien-Ersthelfer n i c h t extra geschützt werden sollen!

Die GROKO-Bundesregierung hat einfach keinen Respekt vor der Arbeit von ERSTHELFERN, ÄRZTEN, PFLEGE- UND LOGISTIK-KRÄFTEN.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige