ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2017Von Schräg unten: Test

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Test

Dtsch Arztebl 2017; 114(4): [80]

Böhmeke, Thomas

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Fachärzten wird ja allzu gerne nachgesagt, dass sie sich ausschließlich auf ihr Gebiet fokussieren, förmlich autistisch jegliche außerhalb ihres röhrenförmigen Blicks auftretende Erkrankung schlicht und einfach ausblenden. Dem muss ich entschieden entgegentreten. Auch für die kardiologische Diagnostik und Therapie ist eine fachübergreifende, ganzheitliche Behandlung conditio sine qua non, vor allem das emphatische Einfühlen in die Psychostruktur unserer Schutzbefohlenen. Wie auch bei meinem heutigen, schon etwas in die Jahre gekommenen Patienten, der sich eigentlich nur vorsorglich kardiologisch untersuchen lassen möchte.

Als Erstes möchte ich wissen, was er denn für Beschwerden habe. „Ich fahre über zwanzigtausend Kilometer Rad im Jahr!“ Ich denke mir, dass dies durchaus beschwerlich sein kann, ob es aber eine Beschwerde ist, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. „Ich schaffe immer noch einen Vierzigerschnitt!“ Vielleicht kann ich aus dieser Information Rückschlüsse auf eine eventuelle Leistungsminderung kardialen Ursprungs ziehen. „Ich fahre der Jugend immer noch davon!“ Nein, das ist wohl eher keine kardiale Funktionsstörung, seine Problematik ist andererseits zu verorten. „Ich bin in Topform!“ Und ich bin wohl nicht der ganz geeignete Fachmann für ihn. „Ich fahre jedes Jahr in die Alpen!“ Komischerweise kleben meine Gedanken an der Frage, wo dieser Mensch geboren sein mag. „Ich bin immer der Erste am Gipfel!“ Es ist weder kardiologisch, kurativ noch kassenarztrechtlich von Belang, aber ich muss herausfinden, wo er geboren ist. „Ich fahre prinzipiell nur mit jungen Sportlern!“ Ah, ich hab’s: Geboren im Spiegelsaal von Versailles. „Ich teste die aus, ob die überhaupt noch mit mir mithalten können!“ Ich habe nun genug von der Anamnese und bitte ihn zu den üblichen Untersuchungen. Die Ultraschalldiagnostik ist völlig unauffällig, auf dem Fahrradergometer hisst er bei 175 Watt die weiße Fahne, was für einen Mann seines Alters nicht allzu schlecht ist. Ich mache den Brief fertig und drücke ihn ihm in die Hand.

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Stunden später bekommt meine Fachangestellte einen Anruf, er sei überhaupt nicht damit einverstanden, dass nun schriftlich seine Erschöpfungsgrenze bei 175 Watt fixiert sei, das ginge ja ganz und gar nicht, er hätte bis 300, ach was, bis 350 Watt weiterfahren können! Der Brief müsse umgehend geändert werden! Meine Güte, was mache ich jetzt? Nach längerem Hin und Her entscheide ich mich für einen Test. Der Wahrheit verpflichtet lasse ich die 175 Watt im Brief stehen und füge an: „auf Wunsch des Patienten ohne Erschöpfung“. Lacht er darüber, freue ich mich auf ein weiteres friedvolles Arzt-Patienten-Verhältnis. Ist er darüber verärgert, so wird er mich in Zukunft meiden, und ich freue mich darüber, meine Zeit denjenigen Schutzbefohlenen widmen zu können, die meine Fähigkeiten als Diagnostiker und Therapeut zu schätzen wissen. Ist er sehr verärgert, so wird er allen ihm bekannten und befreundeten Narzissten erzählen, was für ein miserabler Kardiologe ich sei. Ich werde mich dann darüber freuen, dass diese Menschen einen großen Bogen um mich machen.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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