POLITIK: Das Interview

Klinikpartnerschaften: Interview mit Gerd Müller (CSU), Bundesentwicklungsminister und Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer – „Es geht um Partnerschaften auf Augenhöhe“

Dtsch Arztebl 2017; 114(5): A-205 / B-183 / C-183

Korzilius, Heike; Maibach-Nagel, und Egbert

Der Minister und der Ärztepräsident darüber, dass nachhaltige Hilfe ohne privates Engagement nicht möglich ist, deutsche Ärzte große Bereitschaft zum kollegialen Austausch zeigen und Helfer die besten Botschafter eines Landes sind

Werben für internationale Kooperation: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (links) und Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery am 19. Januar beim Gespräch im Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Berlin. Foto: Georg J. Lopata
Werben für internationale Kooperation: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (links) und Bundes­ärzte­kammerpräsident Frank Ulrich Montgomery am 19. Januar beim Gespräch im Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Berlin. Foto: Georg J. Lopata

Herr Minister Müller, was versprechen Sie sich von dem neuen Projekt der Klinikpartnerschaften?

Anzeige

Müller: Auslöser war die Ebola-Krise in Westafrika im Jahr 2015, die uns gezeigt hat, wir leben in einer Welt – auch was das Thema Gesundheit betrifft. Ebola hat uns gezeigt, dass wir vorsorgen und in den Bereich Gesundheit noch mehr investieren müssen. In den betroffenen westafrikanischen Ländern fehlt es an grundlegender Gesundheitsinfrastruktur. Die ist aber Voraussetzung, um solche Epidemien verhindern oder bekämpfen zu können. Diese Länder brauchen Kooperationen. Deshalb der Ansatz der Klinikpartnerschaften, den wir mit der Else Kröner-Fresenius-Stiftung auf den Weg gebracht haben.

Was können Partnerschaften besser als klassische Entwicklungshilfeprojekte, die das Ministerium ja auch fördert?

Müller: Die staatlichen Impulse können nur ein Anschub sein. Breitenwirkung erzielen wir vor allem durch das Engagement vieler privater Initiativen. Es geht hier um eine Partnerschaft mit beiderseitigem Nutzen. Der Austausch von medizinischem Fachpersonal ist auch ein immenser Gewinn für die deutschen Partner. Ich habe mit einer Assistenzärztin aus Deutschland gesprochen, die in Eritrea eine Kinderklinik und eine Geburtsstation betreut. Die kann dort breite Erfahrungen sammeln. Oder zum Beispiel in der Tropenmedizin: Es ist eine Sache, das Fach hier an der Universität zu studieren, und eine ganz andere, vor Ort in den betroffenen Gebieten zu praktizieren.

Für die nächsten drei Jahre stehen 4,6 Millionen Euro zur Verfügung, um die Klinikpartnerschaften zu fördern. Wie viele Bewerber gibt es?

Müller: In der ersten Bewerbungsrunde sind rund 80 Förderanträge für 38 Länder in Osteuropa, Mittel- und Südamerika sowie in Afrika und Asien eingegangen. Mein Ziel ist, dass jede Schwerpunktklinik in Deutschland eine Partnerklinik in einem Krisen- oder Entwicklungsland hat.

Herr Prof. Montgomery, welche Voraussetzungen braucht ein Krankenhaus für eine erfolgreiche Klinikpartnerschaft?

Montgomery: Das Krankenhaus – der Minister hat es eben schon gesagt – muss eine gewisse Qualifikationsstufe haben, also Schwerpunktkrankenhaus oder Maximalversorger sein. Es gibt ja außerhalb dieses neuen Projekts schon viele Klinikpartnerschaften (siehe „Fortschritt durch Austausch“ in diesem Heft). Darauf kann man aufbauen.

Die Ebola-Katastrophe in Westafrika hat gezeigt, dass ein funktionierendes Gesundheitssystem das A und O zur Vermeidung von plötzlichen Ereignissen wie Epidemien ist. Wir sehen schon aus eigenem Interesse die Notwendigkeit, die Gesundheitssysteme dieser Länder zu stärken, indem wir Menschen aus- und weiterbilden, indem wir Ärzten, Pflege- und Verwaltungskräften Kenntnisse vermitteln. Ich finde die Idee der Klinikpartnerschaften sehr gut. Denn sie bringt ein zusätzliches Element mit ein: das der menschlichen Verbindung.

Wie schätzen Sie die Bereitschaft unter Ärzten und Krankenhäusern ein, solche Partnerschaften einzugehen?

Montgomery: Die Ärztinnen und Ärzte sind sehr an solchen Projekten interessiert. Wir haben zum Beispiel in meiner Klinik in Hamburg immer wieder Kollegen aus Ägypten und aus anderen Ländern, die von uns fort- und weitergebildet werden. Ärzte sind den kollegialen Austausch gewohnt und hochgradig gewillt, sich zu vernetzen. Aber natürlich müssen auch die Klinikverwaltungen überzeugt werden. Wenn deren Bedenken durch die Anschubfinanzierung des Ministeriums nun ein wenig abgeschwächt werden, ist es sicher leichter, Partnerschaften zu organisieren.

Mit 50 000 Euro pro Projekt kommt man allerdings nicht besonders weit.

Müller: Die 50 000 Euro sind ein Einstieg, der dem Klinikchef in Deutschland die Entscheidung für eine Partnerschaft erleichtern soll. Wenn sich aus diesen Kontakten Projektpartnerschaften entwickeln, ist auch eine Folgefinanzierung möglich. Wir tragen zum Beispiel in der Klinik in Eritrea ganz erheblich zur Finanzierung von Ausstattung und Infrastruktur bei. Im Krisengebiet in und um Syrien vergeben wir Fördermittel in Millionenhöhe für den Aufbau und Betrieb von mobilen Gesundheitsstationen. Oder Dohuk im Irak: Dort haben wir innerhalb von zwölf Monaten ein Krankenhaus gebaut, das unter anderem zur Versorgung von Flüchtlingen gebraucht wird.

Dem Minister geht es um Partnerschaften auf Augenhöhe. Was können Ärzte aus Deutschland von ihren Partnern in Entwicklungsländern lernen?

Montgomery: Statt mit aufwendiger Technik arbeiten viele Kollegen aus diesen Ländern noch mit ihren fünf Sinnen, um Krankheiten zu erkennen. Auch über den fachlichen Standard dieser Kollegen kann man oft nur staunen. Viele sind sehr gut ausgebildet und leisten hervorragende Arbeit. Kollegen aus Kamerun haben vor kurzem bei einem Kongress in Hamburg Operationstechniken zur Vermeidung von Problemen nach weiblicher Beschneidung oder Infektionen nach Geburtsproblemen gezeigt. Es ist beeindruckend, mit welch einfachen Methoden man dort den Menschen helfen kann.

Das Thema Gesundheit wird in diesem Jahr auch beim Treffen der 20 bedeutendsten Industrienationen auf der Tagesordnung stehen.

Montgomery: Schon beim Weltwirtschaftsforum im Januar in Davos haben die Regierungen von Deutschland, Japan und Norwegen zusammen mit der Bill-und-Melinda-Gates- sowie der Wellcome-Stiftung eine neue Impfallianz gegründet. Insgesamt stehen 460 Millionen Dollar für die Entwicklung neuer Impfstoffe zur Verfügung. Es ist gut, dass das Thema endlich auf der politischen Agenda steht. Denn die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Ebola in den 1970er-Jahren ist nicht an technischen Schwierigkeiten gescheitert, sondern daran, dass die betroffene Bevölkerung nicht in der Lage war, ihn zu bezahlen.

Müller: Impfungen sind das eine. Um Epidemien wie Ebola zu begegnen, aber auch Hilfe bei Kriegen und Naturkatastrophen leisten zu können, müssen wir schnell handlungsfähig sein. Deswegen haben wir ein schnelles Reaktionsteam geschaffen, das im Mai 2016 in Togo erstmals zum Einsatz kam. Denn Ebola und andere Katastrophen können uns morgen wieder herausfordern. Wir sind global vernetzt, damit aber auch die Gefahren. Jeden Tag reisen sieben Millionen Menschen im Flugzeug um die Welt. Damit reisen auch Infektionen aus Bangladesch oder China nach Berlin oder New York. Wenn bestimmte Krisenfälle auftreten, muss schnell geholfen werden, um eine Ausbreitung zu verhindern. Das ist eine der Lehren aus Ebola. Da muss auch die Bundesregierung selbstkritisch sein. Unser Ebola-Behandlungszentrum war viel zu spät einsatzfähig.

Wie ist die Idee der Klinikpartnerschaften eingebettet in den sogenannten Marshall-Plan, den Sie vor kurzem vorgestellt haben?

Müller: Mit dem Marshall-Plan wollen wir einen Anstoß für eine Zusammenarbeit mit Afrika in einer ganz neuen Dimension geben. Ziel ist es, die Afrikaner selbst stärker zu fordern. Denn dort, wo bestimmte Grundbedingungen guter Regierungsführung eingehalten werden, es wenig Korruption gibt, kommen die Länder auf die Erfolgsspur. Es fällt dann auch einfacher, private Investoren zu finden. Mit öffentlichen Geldern allein können wir die Herausforderungen nicht bewältigen. Wir brauchen private Investitionen. Klinikpartnerschaften sind dabei ein Baustein.

Sie haben 80 Bewerbungen für Ihr Partnerschaftsprojekt erhalten. Wie zufrieden sind sie?

Müller: Ich bin sehr zufrieden und rechne mit vielen Weiteren, wenn wir die ersten Projekte erfolgreich aufgelegt haben. Wir legen Wert auf Langfristigkeit. Beispiel Eritrea: Deutschland unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu dem Land. Doch seit 25 Jahren gibt es dort eine deutsche Klinikkooperation. Die Ärzte und Pflegekräfte in diesem Projekt sind die besten Botschafter Deutschlands. Eritreer sagten zu mir: „Ihr Deutschen helft uns Menschen, nicht den Regierungen.“

Das Interview führten Heike Korzilius
und Egbert Maibach-Nagel

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Interviews

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige