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NS-Verbrechen: Lebensunwert darf es nicht geben

Dtsch Arztebl 2017; 114(5): A-195 / B-175 / C-175

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Sebastian Urbanski ist Schauspieler. Und er ist der erste Mensch mit Downsyndrom, der im Bundestag sprechen durfte. Es ist eine berührende und zugleich beklemmende Szene, als er anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus (NS) am 27. Januar im Bundestag den Brief eines Ermordeten vorliest. Denn erstmals wird während der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus explizit der mehr als 300 000 Opfer der Euthanasiemorde gedacht: Denjenigen Kranken und Menschen mit Behinderungen und aus Sicht der Nationalsozialisten „Lebensunwerten“, zu denen auch Urbanski gehört hätte.

Für den Schauspieler ein besonderer Moment: „Als ich den Brief bekommen habe, hatte ich das Gefühl, dass ich das plötzlich mit seinen Augen sehe. Ich hatte auch das Gefühl, dass er möglicherweise mein Kamerad wäre“, sagt Urbanski dem Radio Berlin Brandenburg. Denn der war ja ein bisschen behindert, erklärt der Schauspieler – und er selber sei ja auch behindert. Urbanski las den Brief von Ernst Putzki aus dem Jahr 1943 vor, der die Zustände in der hessischen Landesheilanstalt Weilmünster beschreibt (http://d.aerzteblatt.de/YA86). „Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann.“ Putzki wurde 1945 von den Nazis in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet, in der von 1941 und bis 1945, im Rahmen der sogenannten Aktion T4, etwa 14 500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in einer Gaskammer, durch tödliche Injektionen und Medikationen sowie durch vorsätzliches Verhungernlassen ermordet wurden.

„Probelauf zum Holocaust“ bezeichnete so auch Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Rede diese Morde, denn das Töten durch Gas testeten die NS-Verbrecher zuerst an den Opfern in den „Heilanstalten“, die zu Tötungsanstalten wurden. Selbstkritisch betonte Lammert, dass eine Aufarbeitung der schrecklichen Ereignisse von Wissenschaft, Medien und Politik viel zu lang nicht stattfand. Nicht vor 2011 habe man sich durchringen können, an die NS-Krankenmorde in einem angemessenen Rahmen zu erinnern: mit dem erst 2014 eröffneten Gedenk- und Informationsort der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Der Deutsche Ärztetag (DÄT) verabschiedete 2012 die „Nürnberger Erklärung“: An den Untaten der Medizin während des NS-Regimes sind Medizinische Fachgesellschaften, Vertreter der universitären Medizin und renommierte biomedizinische Forschungseinrichtungen beteiligt gewesen. Der DÄT verpflichtete sich, die historische Forschung weiterhin zu fördern. So ist auch in diesem Jahr wieder der Herbert-Lewin-Preis ausgeschrieben, der wissenschaftliche Arbeiten, die die Geschichte der Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten, prämiert. (http://d.aerzteblatt.de/VT64).

Es war überfällig, im Rahmen der Gedenkstunde für die NS-Opfer die Euthanasiemorde in den Mittelpunkt zu stellen. Diese sind mit nichts zu vergleichen. Dennoch muss der Gesellschaft bewusst sein, dass das Denkspiel um lebenswertes oder unwertes Leben nicht überwunden ist. Es taucht immer wieder in den Diskussionen um die Sterbehilfe und Pränataldiagnostik auf. Aber die Entwicklungen in der (Welt-)Politik machen erschreckend deutlich, dass man nicht oft genug darauf hinweisen kann, dass es verschiedene Stufen der Wertigkeit eines Menschen nicht gibt, und es diese nie wieder geben darf. Sebastian Urbanski hätte damals nicht leben dürfen.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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