POLITIK

Kampf gegen Antibiotikaresistenzen: Global und interdisziplinär

Dtsch Arztebl 2017; 114(5): A-210 / B-190 / C-190

Richter-Kuhlmann, Eva

Antibiotikaresistenzen gehören mittlerweile zu den drängendsten Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung im 21. Jahrhundert. Die Forschung wird das Problem allein nicht lösen können.

Mehr und mehr wird klar:
Antibiotikaresistenzen sind nicht nur in Deutschland problematisch, sondern eine globale Aufgabe. Der massenhafte und ungezielte Einsatz von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin, Hygienemängel, eine zu hohe Patientennachfrage sowie die Globalisierung mit weltweitem Tourismus und Migration triggern das eigentlich natürliche Phänomen der Resistenzbildung von Bakterien gegenüber antibiotischen Substanzen.

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Besondere Aufmerksamkeit wird die Problematik in diesem Jahr erhalten: Bundeskanzlerin Angela Merkel setzte das Thema „Antimikrobielle Resistenzen“ bereits hoch auf die Agenda der G20-Präsidentschaft, die Deutschland vom 1. Dezember 2016 bis 30. November 2017 inne hat. Höhepunkte werden ein Treffen der Gesundheitsminister im Mai in Berlin und das Gipfeltreffen im Juli in Hamburg sein.

Eine weltweit verstärkte Aufmerksamkeit für das Thema zeichnete sich bereits Ende letzten Jahres ab: In New York diskutierte die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) erstmals mit Vertretern von 60 Regierungen, von Pharmafirmen, Forschungsinstitutionen und Nichtregierungsorganisationen über das Problem der multiresistenten Keime. Gemeinsam verabschiedeten sie eine Erklärung, mit der sich die Regierungschefs verpflichten, in ihren Ländern Pläne auszuarbeiten, wie Antibiotikaresistenzen bekämpft werden können. Eine Koordinationsgruppe der UN soll in den kommenden zwei Jahren konkrete Vorschläge ausarbeiten.

Die UN-Erklärung benennt deutlich die Gefahr: Zentrale Errungenschaften des 20. Jahrhunderts – wie beispielsweise die Erfolge in der Transplantationsmedizin oder in der Versorgung von Früh- und Neugeborenen – könnten durch zunehmende Antibiotikaresistenzen in- frage gestellt werden. Um dem entgegenzuwirken, soll die Weltgesundheitsorganisation, die bereits einen Globalen Aktionsplan zu Antibiotikaresistenzen verabschiedet hat, auch eine stärkere Rolle als bislang spielen.

Um ein international und interdisziplinär abgestimmtes Vorgehen bemüht sich auch Deutschland: Im vergangenen Jahr trafen sich auf Einladung des Bundesministeriums für Gesundheit internationale Vertreter von Wissenschaft, Human- und Tiermedizin sowie Pharmaindustrie und Zulassungsbehörden zum „Ersten globalen Expertennetzwerktreffen zu Antibiotika-Resistenzen“ in Berlin und vereinbarten eine bessere Vernetzung.

DART – die deutsche Strategie

Was aber geschieht national? Deutschland beschäftigt sich seit 2008 mit einer nationalen Strategie. Im Mai 2015 beschloss das Bundeskabinett die Deutsche Antibiotika- Resistenz-Strategie (DART 2020). Sie sieht vor, Überwachungssysteme zu Antibiotikaresistenzen und zum Antibiotikaverbrauch auszubauen, um neue Erreger und Resistenzen frühzeitig zu erkennen. Zudem sollen Bevölkerung und medizinisches Personal besser über die Problematik aufgeklärt werden.

Einigen Politikern der Koalition geht diese Strategie aber nicht weit genug: Sie legten deshalb im Herbst 2016 dem Bundestag einen 26-Punkte-Plan vor, der DART 2020 konkretisiert und intensivere Maßnahmen anregt. Unter anderem fordern sie im Rahmen eines „One-Health-Ansatzes“ ein umfassendes Hygiene-, Gesundheits- und Haltungsmanagement in der Tierhaltung. Antibiotika sollten in der Tiermedizin „nur in begründeten Ausnahmefällen eingesetzt werden und grundsätzlich vorab Antibiogramme erstellt werden“. Wichtig ist nach ihrer Ansicht außerdem, die Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika zu fördern und „die Vernetzung von Grundlagenforschung, klinischer Forschung und Forschung zur öffentlichen Gesundheit voranzutreiben“.

Auffällig ist in der Tat, dass in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet wenig geschehen ist (siehe Grafik). Von den 30 Medikamenten mit neuem Wirkstoff, die 2016 auf den Markt gekommen sind, waren nach Angaben des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland (vfa) beispielsweise nur zwei Antibiotika – für den Verband jedoch bereits ein Fortschritt: „Das zeigt, dass forschende Pharmaunternehmen auf diesem Gebiet wieder stärker als in den 2000er-Jahren an Neuentwicklungen arbeiten“, sagte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Allerdings sei es nötig, diese Forschungsaktivitäten weiter auszubauen, räumte sie ein.

Einführung neuer Antibiotika* in Deutschland (Stand November 2016)
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Einführung neuer Antibiotika* in Deutschland (Stand November 2016)

„Medizinische Innovation wird aber allein nicht ausreichen, um bakterielle Krankheitserreger langfristig unter Kontrolle zu bringen“, ist Prof. Dr. med. vet. Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), überzeugt. Eine weitere wichtige Strategie im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen sei der bewusstere und kontrolliertere Einsatz der antimikrobiellen Medikamente. Hier scheint es noch viel Potenzial zu geben, vor allem im ambulanten Bereich: Hygienikerin Prof. Dr. med. Petra Gastmeier von der Charité Berlin wies bei einer Diskussionsveranstaltung des Deutschen Ethikrates Ende 2016 in Berlin darauf hin, dass etwa 85 Prozent der Antibiotika im ambulanten Bereich eingesetzt würden und insbesondere die niedergelassenen Ärzte für die Problematik sensibilisiert werden müssten. Der verstärkte Einsatz von Schnelltests zur Unterscheidung von Viren und Bakterien könne künftig helfen, vorschnelles Verschreiben von Antibiotika zu vermeiden.

Verschiedene Modellprojekte versuchen diese Vorgehensweise zu etablieren: So fördert jetzt der Innovationsfonds das gemeinsame Konzept „RESISTenzvermeidung durch adäquaten Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfektionen“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, elf Kassenärztlichen Vereinigungen und dem Verband der Ersatzkassen mit rund 14 Millionen Euro. Unterstützt wird durch den Fonds noch ein weiteres Projekt: „Antibiotika-Resistenz-Entwicklung nachhaltig abwenden“ (Arena), getragen von der AOK Bayern, der AOK Rheinland/Hamburg, der KV Bayern, der Agentur deutscher Arztnetze sowie mehr als 400 Arztpraxen.

Die Entwicklung neuer Antibiotika und diagnostischer Tests, eine verbesserte Surveillance und Information sowie die Stärkung von Hygiene und Prävention – all diese Maßnahmen werden das Problem der Antibiotikaresistenz nicht vollständig lösen, aber mindern. Dieses Fazit zog der Deutsche Ethikrat Ende letzten Jahres. Einig waren sich die Experten, dass alle Lösungsvorschläge auch ethische und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich bringen. Neben gegebenenfalls schwer umzusetzenden strengeren Hygienemaßnahmen gelte dies insbesondere für die geforderte Reduzierung des Antibiotikagebrauchs, die für Patienten mit Risiken einhergehen kann.

Eine mögliche Rationierung von Antibiotika sei mit Blick auf das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ethisch sehr komplex und sollte nur dann in Erwägung gezogen werden, wenn alle anderen Strategien unwirksam seien, betonte der Bayreuther Rechtswissenschaftler Prof. Dr. jur. Stephan Rixen. Momentan sei dieser Ausnahmezustand nicht eingetreten. Bevor in den Antibiotikaverbrauch in der humanmedizinischen Gesundheitsversorgung eingegriffen werde, müsse der Antibiotikaeinsatz in der Tiermedizin verbindlicher reguliert werden, meinte Rixen. Auch der Ausbau staatlicher Forschung könne eine grundrechtsschonende Maßnahme sein. Insgesamt sieht Rixen den Gesetzgeber stärker in der Pflicht. „Keinesfalls darf eine Rationierung von Antibiotika auf das Arzt-Patienten-Verhältnis verschoben werden.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Kommentar

D. med. Eva Richter-Kuhlmann, Deutsches Ärzteblatt

Es gibt keinen Anlass zur Panikmache – untätig bleiben dürfen wir jedoch auch nicht. Wir leben noch nicht in dem „postantibiotischen Zeitalter“, vor dem die Weltgesundheitsorganisation warnt.

Fakt ist jedoch: Mehr und mehr treffen Ärztinnen und Ärzte auf Schwierigkeiten bei der Wahl der richtigen Antibiose. Vielen Bakterien ist es im Rahmen ihrer fortschreitenden Evolution in den letzten Jahren gelungen, Resistenzmechanismen gegen die gängigen Antibiotika zu entwickeln. Der Mensch aber setzte andere Prioritäten. Infektionen galten ja innerhalb von Tagen als gut behandelbar. Das Vorhandensein von effektiven Antibiotika, die bei Mensch und Tier eingesetzt werden können, haben wir nicht wertgeschätzt. Die Folge: Viele gut verträgliche Antibiotika wirken mittlerweile nicht mehr. Ärzte müssen auf Medikamente zurückgreifen, bei denen häufiger Nebenwirkungen auftreten. Unser „Vorsprung“ gegenüber den Bakterien schrumpft.

Ein Umdenken ist erforderlich. Glücklicherweise zeichnet es sich bereits ab: bei der Politik, in der Gesellschaft, bei der Pharmaindustrie, der Ärzte- und Tierärzteschaft, national und international. Es ist höchste Zeit für eine neue Taktik, alternative antimikrobielle Medikamente, für Information und Prävention, eine optimierte Diagnostik und einen gezielteren Einsatz von Antibiotika.

Einführung neuer Antibiotika* in Deutschland (Stand November 2016)
Grafik
Einführung neuer Antibiotika* in Deutschland (Stand November 2016)

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