ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2017Stationäre Übertherapie
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bei der Diskussion infektiös bedingter Komplikationen einer PPI-Langzeittherapie (1) wird auf die erhöhte Inzidenz einer C.-difficile-Infektion hingewiesen. Aus der dort zitierten Metaanalyse (Kwok CS et al.), die die PPI-Therapie auch als Risikofaktor für ein C.-difficile-Rezidiv identifiziert, lässt sich außerdem ableiten, dass das Risiko der Infektion unter PPI vergleichbar dem unter Antibiotikatherapie ist. Ferner lässt sich eine NNH („number needed to harm“) von 67 errechnen, wenn nach stationärer Aufnahme PPI verordnet werden. Für Patienten außerhalb einer Intensivstation wurde ein Risiko-Score für obere gastrointestinale Blutungen entwickelt, der erst ab einem Wert von 10 eine NNT („number needed to treat“) von 95 erreicht (2). Bei Anwendung dieses Grenzwertes – dieser entspricht zum Beispiel einem > 60 Jahre alten Mann mit akutem Nierenversagen und Thrombozytopenie < 50 000/µL auf einer internistischen Normalstation – hätte eine Säuresuppression bei 82 % der Gesamtkohorte (n = 75 723) eingespart werden können. Diese stationäre Übertherapie setzt sich fort, wenn der Therapievorschlag des Entlassungsbriefes ungeprüft bei der Weiterbehandlung übernommen wird. Eine Untersuchung in Mecklenburg-Vorpommern konnte bei 263 von 506 Patienten (58 %), die aus 35 verschiedenen Kliniken entlassen worden waren, keine gesicherte Indikation für die PPI-Verordnung identifizieren, trotzdem wurde die Therapie in der Mehrzahl der Fälle fortgesetzt (3). Und schließlich, nach der zuletzt publizierten Metaanalyse zur Wirksamkeit der Säuresuppression im Rahmen der Stressulkusprophylaxe auf Intensivstationen kann nicht von einer gesicherten Überlegenheit der PPI ausgegangen werden, weder in Hinsicht auf die Gesamtmortalität noch das Auftreten einer Blutung (4). Nach mehr als 25 Jahren klinischer Anwendung fehlen weitere Studien, die evidenzbasiert den Einsatz der PPI auf den Intensivstationen weltweit begründen können.

DOI: 10.3238/arztebl.2017.0101c

Prof. Dr. med. Hans-Michael Steffen

Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie, Universitätsklinikum Köln

hans-michael.steffen@uk-koeln.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Mössner J: The indications, applications, and risks of proton pump inhibitors—a review after 25 years. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 477–83 VOLLTEXT
2.
Herzig SJ, Rothberg MB, Feinbloom DB et al.: Risk factors for nosocomial gastrointestinal bleeding and use of acid-suppressive medication in non-critically ill patients. J Gen Intern Med 2013; 28: 683–90 CrossRef CrossRef MEDLINE
3.
Ahrens D, Behrens G, Himmel W, Kochen MM, Chenot JF: Appropriateness of proton pump inhibitor recommendations at hospital discharge and continuation in primary care. Int J Clin Pract 2012; 66: 767–73 CrossRef MEDLINE
4.
Krag M, Perner A, Wetterslev J, Wise MP, Hylander Møller M: Stress ulcer prophylaxis versus placebo or no prophylaxis in critically ill patients. A systematic review of randomized clinical trials with meta-analysis and trial sequential analysis. Intensive Care Med 2014; 40: 11–22 CrossRef MEDLINE
1. Mössner J: The indications, applications, and risks of proton pump inhibitors—a review after 25 years. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 477–83 VOLLTEXT
2. Herzig SJ, Rothberg MB, Feinbloom DB et al.: Risk factors for nosocomial gastrointestinal bleeding and use of acid-suppressive medication in non-critically ill patients. J Gen Intern Med 2013; 28: 683–90 CrossRef CrossRef MEDLINE
3. Ahrens D, Behrens G, Himmel W, Kochen MM, Chenot JF: Appropriateness of proton pump inhibitor recommendations at hospital discharge and continuation in primary care. Int J Clin Pract 2012; 66: 767–73 CrossRef MEDLINE
4. Krag M, Perner A, Wetterslev J, Wise MP, Hylander Møller M: Stress ulcer prophylaxis versus placebo or no prophylaxis in critically ill patients. A systematic review of randomized clinical trials with meta-analysis and trial sequential analysis. Intensive Care Med 2014; 40: 11–22 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige