ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2017Sexualisierte Gewalt mittels digitaler Medien: Startschuss für Initiativen

EDITORIAL

Sexualisierte Gewalt mittels digitaler Medien: Startschuss für Initiativen

Bühring, Petra

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Kinder und Jugendliche müssen viel stärker als bisher vor sexualisierten Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien geschützt werden. Das Smartphone gilt dabei als das ultimative Tatmittel, das es den Tätern ermöglicht, in ständigem Kontakt mit ihrem Opfer zu bleiben. Spezielle Prävention, medienkompetente Beratungs- und Hilfsangebote und auch die Forschung zu Cybermobbing, „Grooming“ und „Sexting“ stecken in Deutschland allerdings noch in den Kinderschuhen. Obwohl Kinder und Jugendliche, die so attackiert werden, nicht selten unter psychischen Symptomen und Suizidgedanken leiden. Anlass genug für den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, aktiv zu werden. Er gab zunächst eine Expertise beim Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in Auftrag, die die vorhandenen Studien auswertete und die diversen Formen sexualisierter Gewalt in ihrer Problematik aufzeigt. Die Autoren (Dekker et al., 2016) bezeichnen die Fälle als besonders problematisch, in denen unbekannte Erwachsene gezielt Kontakt zu Kindern aufnehmen, sie mit pornografischem Bildmaterial konfrontieren, um sie selbst zur Anfertigung von Bildern oder Filmen zu bewegen, oder auch um sie offline zu treffen. Der Begriff „Grooming“ beschreibt die gezielte Vorbereitung von Straftaten gegen Kinder und Jugendliche mittels digitaler Medien, durch die Identifikation und Manipulation potenzieller Opfer. Die Täter haben durch Smartphones eine sehr hohe Kontakthäufigkeit und direkten Zugriff auf ihre Opfer in allen Lebensbereichen. Die Daten sprechen für eine enorme Zunahme von kinderpornografischen Darstellungen im Internet, schreiben die Autoren. Während sich solche Dateien im World Wide Web durch Meldung an Beschwerdestellen oder Ermittlungsbehörden noch relativ zuverlässig löschen lassen, gelingt dies im Darknet oder in Peer-to-Peer-Netzwerken kaum. Für die Betroffenen bedeutet das Wissen um die Existenz der eigenen Bilder im Netz aber eine extrem belastende Reviktimisierung. Problematisch ist zudem „Sexting“, also das Versenden von selbstaufgenommenen sexuell freizügigen Bildern und Filmen, das immerhin zwölf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland betreiben. Werden solche Aufnahmen gegen deren Willen an Dritte weitergeleitet, kann dies zu erheblichem Leid für die Betroffenen führen.

Was ist zu tun? Experten kritisieren, dass psychosoziale Berater nur selten über die Besonderheiten von sexualisierter Gewalt in den digitalen Medien Bescheid wissen. Hier müsste also gezielt Fortbildung ansetzen. Prävention von Cybermobbing an Schulen ist in Deutschland sehr lückenhaft und hinkt deutlich hinter Ländern wie Großbritannien, Norwegen oder den Niederlanden her. Gefordert wird auch, die Anbieter von sozialen Netzwerken in die Pflicht zu nehmen: sie sollen verdächtige Inhalte melden an „eine noch einzurichtende Stelle“, wie der UBSKM Rörig vorsichtig formulierte. Auch sollten Facebook und Co. angehalten werden, Kinder und Jugendliche auf Beratungs- und Hilfsangebote hinzuweisen. Und schließlich müsste die Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren sexualisierter Gewalt mittels Internet deutlich verstärkt werden.

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