ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2017Religiosität und Spiritualität in der Psychotherapie: Fragen nach dem Sinn des Lebens

THEMEN DER ZEIT

Religiosität und Spiritualität in der Psychotherapie: Fragen nach dem Sinn des Lebens

PP 16, Ausgabe Februar 2017, Seite 70

Sonnenmoser, Marion

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Psychotherapeuten werden mit religiösen und spirituellen Fragen zunehmend konfrontiert, denn viele Menschen suchen nach Orientierung und existenziellem Sinn. Sie fühlen sich diesen Anforderungen jedoch nicht unbedingt gewachsen.

Fotos: iStockphoto
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Mit Beginn der 1990er-Jahre nimmt das Interesse in der deutschen Bevölkerung an religiösen und spirituellen Fragen stetig zu. Es sind zum Beispiel Fragen nach der eigenen Existenz, nach dem Tod (und was vielleicht danach kommt) und nach dem Sinn des Lebens. Auch Fragen nach der Verbundenheit mit anderen Lebewesen und dem Kosmos oder Erlebnisse, die das naturwissenschaftliche Verständnis vom menschlichen Dasein sprengen, wie etwa Nahtoderfahrungen, der Kontakt mit Verstorbenen oder übersinnliche Phänomene, werden zunehmend gestellt.

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Dass immer mehr Menschen Antworten in der christlichen Religion, aber auch in fremden Religionen und in persönlicher Spiritualität suchen, hat verschiedene Gründe. Ein Grund könnte sein, dass es vielen Menschen nicht mehr genügt, was der christliche Glaube oder die Amtskirchen anbieten. Sie suchen daher nach Antworten auch bei anderen Religionen oder Philosophien, oft aus anderen Kulturkreisen. Erleichtert wird der Zugang durch die mediale Verbreitung der unterschiedlichsten Glaubensrichtungen, die Globalisierung und vielfältige Reisemöglichkeiten. Für viele Menschen bedeutet dies aber weniger eine Abkehr von einer Religion, sondern eher eine additive, individuelle Zusammenstellung von Elementen aus verschiedenen religiösen, spirituellen und philosophischen Ansätzen, entsprechend ihrer persönlichen Bedürfnisse und Erfahrungen. Im Hinblick auf diese Mentalität, die wie eine „Selbstbedienung im spirituellen Supermarkt“ erscheint, ist es zum Beispiel nicht ungewöhnlich, wenn eine Person, die christlich erzogen wurde, sich durchaus an einigen christlichen Werten orientiert, zugleich aber auch der buddhistischen Lehre anhängt, indianische Schamanen aufsucht, sich für altgermanische „heidnische“ Bräuche interessiert und zusätzlich weitere spirituelle oder esoterische Orientierungen hat.

Ein weiterer Grund ist, dass die Welt immer säkulärer und materialistischer wird. Das zunehmende Interesse an Dingen, die nicht so einfach rational erklärbar, wissenschaftlich prüfbar oder käuflich sind, und das nie versiegende Bedürfnis nach geistiger und geistlicher Orientierung können daher als Gegenbewegung verstanden werden.

Unendlich viele Möglichkeiten

Auch Sinnfragen bleiben bestehen und nehmen vielleicht sogar noch zu. In früheren Zeiten ergab sich der Lebenssinn oft aus den biologischen Funktionen, der gesellschaftlichen Stellung und religiösen Aspekten. Heute, in Zeiten des Individualismus, ist es hingegen ungleich schwieriger, Zweck und Ziele des eigenen Daseins und Handelns zu definieren, denn viele Menschen sind nicht mehr in religiöse Traditionen eingebunden und bekommen auch keine Kinder mehr – somit ist die Frage nach dem Lebenssinn nicht mehr einfach zu beantworten. Ihr Wirken, ihr Lebensweg und ihr Glück liegen allein in ihrer Hand. Sie haben unendlich viele Möglichkeiten, sich zu verwirklichen, sind dafür aber auch persönlich verantwortlich und begegnen der Herausforderung häufig ohne Halt und Orientierung. Das unüberschaubare Angebot an möglichen Lebensentwürfen ist eine Chance, kann aber auch verwirren, überfordern und ablenken, sodass der große Entwurf und mit ihm ein zufrieden gelebtes Leben letztlich nicht jedem gelingen.

Spirituelle Krisen nehmen zu

Psychotherapeuten werden mit religiösen und spirituellen Fragen zunehmend konfrontiert, sei es direkt oder indirekt. Neben den Orientierungs- und Sinnsuchenden sind es vor allem ältere oder sterbende Patienten, die sich mit dem Sinn ihres Lebens und mit dem, was sie überleben wird, auseinandersetzen und solche Fragen in die Therapie hineintragen. Daneben haben viele Flüchtlinge und Immigranten aus anderen Kulturkreisen einen starken Bezug zu ihren religiösen Werten und Traditionen, ohne deren Berücksichtigung sich kaum eine Therapie durchführen lässt. Außerdem gibt es zunehmend Menschen, die atheistisch oder spirituell orientiert sind und deshalb keine Antworten bei traditionellen Religionen oder Seelsorgern suchen, sondern sich an Psychologen und Psychotherapeuten wenden. Zu berücksichtigen sind auch Menschen, die aufgrund spiritueller Krisen psychotherapeutischer oder psychiatrischer Hilfe bedürfen. Da die Zahl solcher Patienten stetig ansteigt, sollten sich Psychotherapeuten auf diese Entwicklungen und Patientengruppen einstellen.

Dies ist für die meisten Psychotherapeuten jedoch keine Selbstverständlichkeit. Religion und Spiritualität wurden bislang aus fast allen psychotherapeutischen Verfahren ausgeklammert (mit Ausnahme von einigen Verfahren wie der transpersonalen Verhaltenstherapie oder der buddhistischen Psychotherapie) und als Privatsache der Patienten angesehen. Außerdem bezeichneten sich viele Psychologen und Psychotherapeuten als nicht religiös oder atheistisch und lehnten es ab, Religion und Spiritualität in die Psychotherapie einzubeziehen.

Nun aber scheint sich die Lage zu ändern. Darauf weist zum Beispiel eine repräsentative Befragung unter deutschen Psychotherapeuten hin. Danach bezeichneten über die Hälfte der Befragten ihre persönliche Glaubensüberzeugung entweder als „religiös“ oder „spirituell“. Sie schätzten, dass mehr als jeder fünfte Patient religiöse oder spirituelle Themen im Verlauf der Psychotherapie einbrachte. Die Psychotherapeuten fühlten sich den damit verbundenen Anforderungen jedoch nicht unbedingt gewachsen. Die Mehrzahl der Befragten beklagte, während der Ausbildung entweder gar nicht oder kaum auf solche Themen vorbereitet worden zu sein und sich daher auf ihr eigenes Empfinden, ihre Erfahrungen und ihr Urteilsvermögen verlassen zu müssen. Zwei Drittel wünschten sich eine stärkere Berücksichtigung in der Ausbildung. Diesem Wunsch wird in den Ausbildungsinstituten bisher jedoch kaum entsprochen. Eine Umfrage unter 47 deutschen Ausbildungsinstituten zeigte zwar eine prinzipielle Offenheit für religiöse und spirituelle Themen, insbesondere für Sinnfragen und Religiosität oder Spiritualität im Rahmen existenzieller Lebenssituationen und interkultureller Psychotherapie. Auch wurde auf die didaktische Vermittlung innerhalb der theoretischen Ausbildung und der Selbsterfahrung verwiesen. Allerdings gab es auch zahlreiche Vorbehalte wie die fehlende Prüfungsrelevanz, fehlende zeitliche Ressourcen und die problematische Abgrenzung von Psychotherapie gegenüber dem Glauben, die dazu führten, dass Religion und Spiritualität nicht als Themen in die Lehrpläne aufgenommen wurden.

Neben der steigenden Nachfrage der Patienten und der zunehmenden spirituellen oder religiösen Orientierung vieler Psychotherapeuten spielt auch noch ein anderer Aspekt eine Rolle, dass Religion und Spiritualität an Bedeutung in der Psychotherapie gewinnen: die Erkenntnis, dass Religion und Spiritualität eine Ressource oder ein Problem darstellen können:

Ein Problem stellen sie zum Beispiel dann dar, wenn Patienten in Glaubenskrisen geraten oder sich von Gott verlassen fühlen. Ferner, wenn es zu Konflikten zwischen der Religion und den Lebensvorstellungen des Patienten kommt oder wenn religiöse Lehren und Praktiken missverstanden werden. Starke Religiosität kann darüber hinaus mit starken Zwängen, Einschränkungen und Kontrolle einhergehen, und religiöse Praktiken können ebenso wie falsch oder übertrieben durchgeführte spirituelle Praktiken zu psychischen Krisen führen. Religiosität und Spiritualität können somit zum Thema selbst in einer Psychotherapie werden, sie können die Heilung behindern oder psychische Erkrankungen auslösen und verstärken.

Religion als Ressource

Zur Ressource werden Religion und Spiritualität, wenn sie Hoffnung und Sinn vermitteln und wenn ein positives Gottesbild vorhanden ist. Sie geben Patienten Copingstrategien an die Hand und tragen dazu bei, sich psychisch zu stabilisieren und sich mit existenziellen und spirituellen Fragen auseinanderzusetzen. Religion und Spiritualität wird häufig eine gesundheitsförderliche Wirkung zugeschrieben. Einige religiöse und spirituelle Interventionen haben durchaus nachweisbare Effekte. Sie wirken jedoch nicht immer und auch nicht allein, vor allem nicht bei ernsthaften psychischen Erkrankungen. Daher sollten sie lediglich als Ergänzung und Unterstützung einer Psychotherapie herangezogen werden.

Die Einbeziehung der spirituellen und religiösen Dimension in die Psychotherapie ist ein Feld, das Fragen, Zweifel, Befürchtungen und Kritik hervorruft und an dem noch viel gearbeitet werden muss. Beispielsweise ist zu fragen, ob religiöse oder spirituelle Interventionen evidenzbasiert und empirisch überprüfbar sein müssen. Zu befürchten ist, dass sich manche Patienten in religiöse und spirituelle Deutungsebenen flüchten, um sich Konflikten nicht stellen zu müssen. Wenn die Haltung zu Religionen und Spiritualität des Therapeuten nicht mit der des Patienten übereinstimmt oder wenn verschiedene Glaubensrichtungen aufeinandertreffen, besteht die Gefahr, dass es zu Missverständnissen kommt. Der Psychotherapeut muss sich zudem die Frage stellen, ob er die Abstinenzregel verletzt, wenn er sich mit dem Glauben eines Patienten befasst und ihn in die Therapie einbezieht. Nicht zu unterschätzen sind außerdem Probleme, die entstehen, wenn sich aus religiösen oder spirituellen Gründen die Krankheitsmodelle und Vorgehensweisen von Therapeuten und Patienten grundlegend widersprechen oder keine Einigung über therapeutische Gewichtungen und Zielsetzung erzielt werden kann. Ein weiteres Problem ist die Übernahme von verschiedenen Funktionen und Rollen durch den Therapeuten. „Es kann zu Rollenüberschneidungen und -konfusionen kommen, etwa zwischen der Rolle des Psychotherapeuten und der eines Seelsorgers“, gibt der amerikanische Psychologe Jeffrey Barnett von der Loyola University Maryland (USA) zu bedenken.

Die Debatte über den Umgang mit Religion und Spiritualität sowie den Einsatz entsprechender Interventionen sind in den USA oder Großbritannien bereits voll im Gange.
Die Debatte über den Umgang mit Religion und Spiritualität sowie den Einsatz entsprechender Interventionen sind in den USA oder Großbritannien bereits voll im Gange.

Offene Ansprache wichtig

Religion und Spiritualität sind sehr bedeutsam im Leben vieler Patienten und mittlerweile auch einiger Psychotherapeuten. Da sie die Werte, die Identität und das Glaubenssystem eines Patienten beeinflussen, nützt es dem therapeutischen Prozess und Arbeitsbündnis, wenn der Therapeut Kenntnis davon hat. Barnett empfiehlt Therapeuten daher, Patienten bereits in den ersten Sitzungen darauf anzusprechen und sich offen dafür zu zeigen, über die Bedeutung von Religion und Spiritualität in ihrem Leben und im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung zu sprechen. Dadurch vermittelt der Therapeut den Patienten nicht nur, dass diese Themen angesprochen werden dürfen und relevant sind, sondern er kann die Gespräche auch nutzen, um mögliche Ressourcen des Patienten aus dem religiösen oder spirituellen Bereich ausfindig zu machen. Das weitere Vorgehen ist jedoch von bestimmten Voraussetzungen und Anforderungen an den Therapeuten abhängig, wie etwa:

  • Der Therapeut sollte dem Glauben des Patienten mit Achtung und Respekt begegnen und vorurteilsfreies Interesse daran bekunden.
  • Der Therapeut sollte hinsichtlich religiösen oder spirituellen Orientierungen des Patienten offen und einfühlsam sein, sich auf ein fremdes Weltbild oder einen fremden Glauben einlassen können, interkulturell kompetent sein und kultursensibel vorgehen.
  • Es muss für den Therapeuten Sinn machen, Religion und Spiritualität in die Behandlung einzubinden. Zugleich muss es ein Nachteil sein oder zu einem Schaden führen, es zu unterlassen.
  • Der Patient muss informiert und einverstanden sein, dass Religion und Spiritualität in der Therapie thematisiert werden.
  • Der Therapeut muss mit dem Patienten absprechen, welche religiösen oder spirituellen Praktiken (z. B. Gebet, Meditation) ergänzend zur Psychotherapie sowie während oder zwischen den Sitzungen angewendet werden, und muss den Therapieplan entsprechend anpassen.
  • Wenn religiöse oder spirituelle Themen angeschnitten oder Praktiken im Rahmen einer Psychotherapie durchgeführt werden, muss der Therapeut sich darin sehr gut auskennen und vertraut damit sein. Er sollte möglichst eine entsprechende Ausbildung absolviert oder Zusatzqualifikation erworben haben.
  • Der Therapeut muss über die psychologische Wirkung religiöser oder spiritueller Praktiken Bescheid wissen.
  • Er sollte sein Angebot (Psychotherapie, eventuell mit ergänzenden spirituellen oder religiösen Interventionen), seine Rolle und seine Haltung zu Religion und Spiritualität vorab genau definieren und sich ohne Abweichungen daran halten. Das Angebot, die Rolle, die Haltung und die eigenen Kompetenzen dürfen nicht überschritten werden. Das kann implizieren, mit anderen Personen auf religiösem oder spirituellem Gebiet zusammenzuarbeiten – zum Beispiel mit Seelsorgern.
  • Die Unterschiede zwischen Therapeuten und spirituellen Lehrern im Hinblick auf Rollen, Verpflichtungen, Vorgehensweisen, Kompetenzen und Autorisierung sollten bekannt sein.
  • Der Therapeut sollte versuchen, die gemeinsamen Ziele von Psychotherapie und Religion oder Spiritualität zu erkennen und synergetisch umzusetzen, wie etwa Leid und Krankheiten zu bewältigen, Lösungen anzubieten, die Bewältigung zentraler Lebensfragen und -aufgaben zu begleiten sowie psychisches Wohlbefinden positiv zu beeinflussen.

Positionspapier der DGPPN

Experten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) haben im Dezember 2016 ein Positionspapier mit „Empfehlungen zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie“ veröffentlicht. Es enthält Grundannahmen, den aktuellen Forschungsstand und Empfehlungen für Psychotherapeuten, welche überwiegend in
diesem Beitrag angeschnitten wurden (http://www.dgppn.de/fileadmin/
user_upload/_medien/download/pdf/
stellungnahmen/2016/2016–12–19_
Positionspapier_Religiositaet_fin.
pdf)

Da es momentan allerdings keine weiteren verbindlichen Leitlinien, Empfehlungen oder andere Regelwerke für den deutschsprachigen Raum im Hinblick auf die Integration religiöser oder spiritueller Interventionen gibt, kann sich für Psychotherapeuten der Blick ins Ausland (etwa in die USA oder nach Großbritannien) und zu benachbarten Disziplinen (zum Beispiel Psychiatrie) lohnen, wo die Debatte über den Umgang mit Religion und Spiritualität sowie den Einsatz religiöser oder spiritueller Interventionen bereits voll im Gange ist. Amerikanische und britische Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten haben dazu verschiedene Stellungnahmen erarbeitet (zum Beispiel Konsenspapier des Royal College of Psychiatrists, Ethikrichtlinien der American Psychological Association, Stellungnahme der World Psychiatric Association). Für deutsche Psychotherapeuten liegt der Einsatz religiöser oder spiritueller Interventionen hingegen immer noch weitgehend im eigenen Ermessen. Eine Entscheidungshilfe für oder gegen den Einsatz bieten unter anderem der Psychotherapeut Matthias Richard von der Universität Würzburg und der Religionspsychologe Henning Freund von der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg: „Ein offener Umgang mit Spiritualität oder Religiosität in der Psychotherapie bis hin zum Einsatz von spirituellen oder religiösen Interventionen erscheint unter Beachtung ethischer Grundsätze sinnvoll – es bleibt jedoch zu beachten, dass in der Psychotherapie das Ziel spiritueller oder religiöser Interventionen ein psychologisches oder psychotherapeutisches ist.“

Marion Sonnenmoser

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0217

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